Wirtschaft

Preise steigen langsamer Wie nah ist der Sieg über die Inflation?

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Vor allem die Energiepreise tragen zur Inflation bei.

(Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer)

Die Inflation ist noch immer hoch, aber immerhin steigen die Preise mittlerweile weniger heftig als in den vergangenen Monaten. Damit könnte der Gipfel erreicht sein.

Der Inflationsdruck lässt nach. In Deutschland hat sich der Preisanstieg im November zum ersten Mal seit Juli abgeschwächt, und auch in der Eurozone steigen die Preise nicht mehr ganz so heftig wie in den letzten Monaten. Es ist durchaus möglich, dass das Schlimmste überstanden ist - auch wenn die Inflation mit 10 Prozent weiter außerordentlich hoch ist.

Einiges spricht dafür, dass sich die Lage langsam entspannt. Das liegt vor allem daran, dass der wichtigste Inflationstreiber an Kraft verliert. Die Energiepreise sind in Deutschland auf Jahressicht zwar immer noch um rund 38 Prozent nach oben geschossen - das ist aber sehr viel weniger heftig als im Oktober mit 43 Prozent. Das ist der wesentliche Grund dafür, dass das allgemeine Preisniveau im November insgesamt 0,5 Prozent niedriger lag als im Oktober.

Allerdings kann Energie im Januar noch einmal deutlich teurer werden. Einige Versorger haben angekündigt, dann Preise für Strom und Gas kräftig zu erhöhen. Wenn es im Frühjahr aber wieder heller und wärmer wird, sinkt der Energiebedarf, und die Preise dürften sinken. Außerdem werden Strompreisdeckel und Gaspreisbremse im kommenden Jahr den Preisdruck verringern.

Hinzu kommt dann der so genannte Basiseffekt. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich, dass die Inflationsrate in der Regel auf Jahressicht angezeigt wird. Das heißt, dass die aktuellen Preise mit den Preisen vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine verglichen werden, der vor allem Energie sehr viel teurer gemacht hat. Ab März werden die Preise dann mit dem hohen Niveau nach dem Überfall verglichen. Das heißt: Die Preissteigerung wird danach wohl deutlich geringer ausfallen. Es ist wahrscheinlich, dass Strom und Gas sogar billiger werden und damit eine deflationäre Wirkung entfalten.

Zinserhöhungen beginnen zu wirken

Für niedrigere Inflationsraten spricht auch, dass Zinserhöhungen mit Zeitverzug wirken und in der Regel erst nach 12 bis 18 Monaten voll durchschlagen. Die Europäische Zentralbank hatte nach jahrelanger Nullzins-Politik im Juli die Wende eingeleitet und die Zinsen erhöht. Die Folgen davon und der im Herbst erfolgten Jumbo-Zinsschritte werden erst im nächsten Jahr komplett zu spüren sein. Höhere Zinsen gelten als das klassische Mittel der Inflationsbekämpfung. Der Wirkungsmechanismus: Kredite werden teurer, das verringert Investitionen und Konsum. Unternehmen fällt es in einem solchen Umfeld schwerer, höhere Preise durchzusetzen.

Die EZB wird trotz der etwas nachlassenden Inflation höchstwahrscheinlich bei der nächsten Ratssitzung Mitte Dezember die Zinsen weiter erhöhen. Denn die Inflationsrate ist immer noch weit von dem Ziel in Höhe von zwei Prozent entfernt, bei dem die Zentralbanker Preisstabilität erreicht sehen. Die Zinsen werden also weiter steigen, auch wenn die Konjunktur damit an Fahrt verliert.

Mit den Zinserhöhungen will die EZB außerdem erreichen, dass sich in der Bevölkerung hohe Inflationserwartungen festsetzen. Die Frucht: Wenn weithin angenommen wird, dass die Inflation vollends außer Kontrolle gerät, versuchen Arbeitnehmer branchenübergreifend extrem hohe Lohnforderungen durchzusetzen. Unternehmen würden sich dann gezwungen sehen, als Ausgleich die Preise weiter zu erhöhen und damit Forderungen nach noch höheren Löhnen auslösen. Nach Ansicht von führenden Ökonomen wie Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Clemens Fuest vom Ifo-Institut besteht diese Gefahr mit Blick auf die jüngsten Tarifabschlüsse derzeit nicht.

Dazu trägt bei, dass die meisten Ökonomen damit rechnen, dass Deutschland im laufenden Winterhalbjahr in eine Rezession gleitet. Damit dürfte die Dynamik am Arbeitsmarkt nachlassen. Wenn die Wirtschaft an Fahrt verliert, halten Unternehmer und Konsumenten ihr Geld eher zusammen. Das dämpft den Preisauftrieb.

Erzeugerpreise sinken

Derweil schwächt sich nicht nur die Inflation ab - auch Indikatoren, die auf die künftige Preisentwicklung hindeuten, zeigen in Richtung Entspannung. Ein Beispiel sind die Erzeugerpreise, die Hersteller für ihre Produkte ab Fabriktor verlangen. Sie stiegen im Oktober im Jahresvergleich zwar um satte 34,5 Prozent. Doch ein Monat zuvor hatten sie mit 45,8 Prozent noch viel höher gelegen. Im Monatsvergleich fielen die Preise sogar. Es war der erste Rückgang seit Mai 2020.

Der Inflationsgipfel könnte also erreicht oder zumindest ganz in der Nähe sein. Aber der Rückgang dürfte langsam verlaufen, die Inflation wird erst einmal hoch bleiben. Dazu wird auch beitragen, dass viele Unternehmen angekündigt haben, trotz abflauender Konjunktur einen Teil der Kosten an die Kunden weiterzugeben. Es ist zwar fraglich, in welchem Umfang ihnen das in der Winterrezession gelingt. Es ist wahrscheinlich, dass sie das spätestens versuchen, sobald sie dafür Spielraum sehen, wenn die Konjunktur an Fahrt gewinnt. Fest steht: Auch wenn die Inflation irgendwann wieder im grünen Bereich sein wird - der bis dahin erfolgte allgemeine Preisanstieg bleibt uns erhalten.

Quelle: ntv.de

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