Wirtschaft

Hotelbesitzerin über Cook-Pleite "Wie wollen wir über den Winter kommen?"

Über 2,7 Millionen Menschen brachte der Thomas Cook-Konzern jedes Jahr nach Griechenland. Nun bedroht die Pleite auch die Existenz von Hoteliers vor Ort.

Über 2,7 Millionen Menschen brachte der Thomas-Cook-Konzern jedes Jahr nach Griechenland. Nun bedroht die Pleite auch die Existenz von Hoteliers vor Ort.

(Foto: dpa)

Nikoleta Androni betreibt ein kleines Hotel auf Thassos, der nördlichsten Insel Griechenlands. Vier Jahre lang war sie bei Thomas Cook unter Vertrag, hat alle ihre sieben Zimmer an den britischen Reisekonzern vermietet. Letztes Jahr entschied sie sich dazu, fortan mit Individualtouristen zu arbeiten, und verlängerte ihren Vertrag mit Thomas Cook nicht. Das könnte ihr jetzt die Existenz gerettet haben. Denn durch die Pleite des Traditionskonzerns stehen viele Hoteliers vor der Existenzfrage. Androni berichtet im Gespräch mit n-tv.de von den Auswirkungen dieser Pleite auf die Hotelbranche in Griechenland - und von den Schicksalen vieler Familien, die nicht wissen, ob sie diesen Winter geschäftlich überleben werden.

Nikoleta Androni führt ein kleines Hotel auf der Insel thassos im Norden Griechenlands.

Nikoleta Androni führt ein kleines Hotel auf der Insel Thassos im Norden Griechenlands.

n-tv.de: Warum trifft die Pleite die Hoteliers auf Thassos so hart? Der Großteil der Reisesaison liegt doch bereits hinter Ihnen.

Nikoleta Androni: Das Problem ist, das große Konzerne nie direkt zahlen. Thomas Cook hat zum Beispiel immer in zwei Raten gezahlt. Die erste kommt im Oktober, die zweite im nächsten Januar. Und sie haben auch nie einen Vorschuss gewährt wie andere Konzerne. Nun weiß niemand hier auf der Insel, ob er oder sie für diesen Sommer die Raten noch bekommt, und wenn ja, wie viel von der vertraglich festgeschriebenen Summe. Man hört, dass alleine in meinem Dorf Thomas Cook 450.000 Euro an Schulden hat. Dabei leben hier nur 2000 Menschen. Die Leute sind natürlich alle verzweifelt. Das Vermittlerbüro, das hier auf der Insel Thomas Cook vertritt, bekommt momentan sehr viel Wut ab.

Welche Ausmaße können die Folgen der Pleite denn annehmen?

Viele wissen nicht, wie sie diesen Winter überstehen sollen. Es ist eine echte Katastrophe. Du hast den ganzen Sommer gearbeitet, vier oder fünf Monate am Stück mit der ganzen Familie. Und dann fällt im schlimmsten Fall die ganze Bezahlung weg, obwohl du Rechnungen begleichen, deine Mitarbeiter bezahlen und deine Kinder zur Schule schicken musst. Das ist auf jeden Fall existenzbedrohend.

Ich denke viel darüber nach, wie es mir ginge, hätte ich den Vertrag mit Thomas Cook letztes Jahr verlängert. Dann hätte ich meinem Sohn jetzt sagen müssen: Tut mir leid, aber du kannst dieses Jahr nicht zur Uni gehen. Du musst dir einen Job suchen und Geld verdienen, Uni geht erst wieder nächstes Jahr. Und so geht es jetzt vielen Familien, die kleine und mittelgroße Hotels haben.

Griechenland ist besonders von der Pleite betroffen. Erste Analysen sprechen von dem härtesten Schlag seit der Wirtschaftskrise und von bis zu einer halben Milliarde Euro weniger Einnahmen. Wie macht sich das vor Ort bemerkbar?

Die griechischen Nachrichten sind voll von der Pleite. Die Inseln im Süden - Kreta, Rhodos und so - sind noch härter betroffen. Wir hatten nach der Finanzkrise gerade so wieder den Kopf über Wasser bekommen, und jetzt das.

Durch die Krise haben die meisten Leute auch keine Rücklagen mehr. Die ganzen vielen Extrasteuern haben die aufgefressen. Es ist auf jeden Fall nicht genug da, um das gesamte Entgelt des Sommers zu ersetzen. Und versichern kann man sich gegen so was nicht, hier schon gar nicht. Wenn also wirklich kein Geld mehr von Thomas Cook kommt, dann bedeutet das: Großeltern werden mit ihren Renten aushelfen müssen, Kinder werden arbeiten, und man wird neue Schulden aufnehmen.

Wie geht der Tourismus jetzt im Moment auf der Insel weiter?

Niemand weiß das so genau. Fliegen noch Maschinen der nordeuropäischen Tochter von Thomas Cook? Kommen die Leute aus Skandinavien, die ihren Urlaub im Oktober gebucht haben, vielleicht trotzdem? Alle hier sind auf das Geld angewiesen.

Als ich die Geschichte von dem tunesischen Hotelier gelesen habe, der seine Gäste kurzzeitig im Hotel festgehalten hat, konnte ich das daher sogar ein wenig verstehen. Natürlich ist das ein Unding, so was geht nicht. Aber ich denke, dass das aus einer Ohnmacht entstanden ist. Wer weiß, was er für eine familiäre Situation hat, ob er weiß, wie er seine Kinder über den Winter kriegt.

Wie sehen sie in die Zukunft, wird die Branche als solche langfristig leiden?

Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Wir haben hier so viele Touristen, im Sommer laufen Hunderttausende über unsere kleine Insel. Die kommen auch vom Balkan, aus der Türkei, eigentlich aus ganz Europa. Und der Trend geht immer mehr zum Individualtourismus, was ja auch einer der Gründe für die Pleite von Thomas Cook ist. Also, was die nächste Saison angeht, mache ich mir weniger Sorgen. Nur, wie will man bis dahin über den Winter kommen ohne Einnahmen? Jetzt kommt ja nur noch die Olivenernte, aber keine Touristen mehr. Da geht es um so viele Einzelschicksale und die Existenz von ganzen Familien.

Mit Nikoleta Androni sprach Jonah Wermter

Quelle: n-tv.de

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