Wirtschaft

"Nicht in Panik verfallen" Wieso Deutschlands Konjunktur schwächelt

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US-Präsident Donald Trump hat einen Zoll-Streit mit China angefangen - die Konsequenzen sind weltweit zu spüren.

(Foto: REUTERS)

Den Handelszoff zwischen den USA und China bekommt auch Deutschland zu spüren: Großkonzerne bauen Stellen ab, Wirtschaftsforscher werden skeptischer. Doch richtig düster sind die Aussichten nicht.

Die schlechten Nachrichten für die deutsche Wirtschaft reißen nicht ab: Unternehmen streichen Stellen und kappen ihre Gewinnprognosen, während Konjunkturforscher ein schwächeres Wachstum vorhersagen. Am Arbeitsmarkt zeigen sich derweil erste Bremsspuren.

Dafür sind vor allem die internationalen Handelskonflikte verantwortlich - und hier in erster Linie der Streit zwischen den USA und China. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat deshalb die Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft nach unten korrigiert. Das Plus werde in diesem Jahr nur noch bei 3,2 Prozent liegen, meint der IWF und begründet das unter anderem mit den Strafzöllen, die die USA und China gegeneinander verhängt haben. Auch die vom Brexit ausgelöste Unsicherheit und die geopolitischen Spannungen in der Golfregion dämpften die Konjunkturaussichten. Für das kommende Jahr kürzt der IWF seine Vorhersage ebenfalls leicht auf 3,5 Prozent. Die Prognose sei jedoch kaum haltbar, falls die gegenwärtigen Handelskonflikte anhielten, hieß es. Zur Einordnung: 2018 hatte die Weltwirtschaft um 3,6 Prozent zugelegt.

Da die deutsche Wirtschaft stark vom Export abhängig ist, bekommt sie diese Entwicklung kräftig zu spüren. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte wegen schwächerer internationaler Nachfrage nach deutschen Produkten dem IWF zufolge dieses Jahr um 0,1 Prozentpunkte langsamer wachsen, nämlich um 0,7 Prozent. Für das kommende Jahr rechnet der Währungsfonds mit einem Plus von 1,7 Prozent.

Der etwa für deutsche Autos oder Maschinen wichtige chinesische Absatzmarkt schwächelt. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Autoindustrie wegen der Elektromobilität. Maschinenbauer und Chemieindustrie beklagen, dass sich Kunden aus der Autobranche mit Bestellungen zurückhalten. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht trotz der Risiken keinen Grund für Schwarzmalerei: "Wir sollten in Deutschland nicht in Panik über die sich abschwächende wirtschaftliche Entwicklung verfallen. Die Grundlage der deutschen Wirtschaft ist nach wie vor sehr solide."

"Höhepunkt ist vorbei"

Am Laufen gehalten wird die deutsche Wirtschaft momentan vor allem vom Bauboom und der Konsumfreude der Deutschen. Die konjunkturelle Schwäche führe allerdings zur Verunsicherung bei den Menschen, "damit zu weniger Konsum und dadurch wiederum zu weniger Wachstum", sagt Fratzscher.

Nach Einschätzung des Konjunkturchefs des Ifo-Forschungsinstituts, Timo Wollmershäuser, gibt es bereits "erste Anzeichen, dass sich die Industrieschwäche auch auf andere Wirtschaftsbereiche überträgt". So habe sich die Stimmung bei den industrienahen Dienstleistern, etwa in der Logistik, deutlich eingetrübt.

"Die jüngsten Unternehmenszahlen zeigen: Der Höhepunkt des globalen Wachstums ist vorbei", sagt Axel Cron, Chef-Anlagestratege bei HSBC Global Asset Management. So hatte Daimler Mitte Juli zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Wochen seine Gewinnprognose für das laufende Jahr gesenkt. Zwar machte der neue Vorstandschef Ola Källenius vor allem teure Rückrufe von Diesel-Autos dafür verantwortlich. Er stellte allerdings auch fest, dass sich der Automarkt so schnell nicht erholen dürfte. Im Mai hatte bereits der Münchener Rivale BMW seine Erwartungen nach unten korrigieren müssen, Volkswagen ist für die Umsatzrendite im Pkw-Geschäft ebenfalls skeptisch.

Der Konjunkturabschwung frisst sich inzwischen auch in die Bilanzen von Firmen aus anderen Branchen: Prominentestes Beispiel ist wohl der Chemieriese BASF, der zwar viele Kunden im Autobereich hat, aber auch Unternehmen aus anderen Bereichen beliefert. Die Ludwigshafener räumten jüngst ein, ihre Umsatz- und Gewinnziele nicht halten zu können.

Robuster Arbeitsmarkt

Die Liste der Pessimisten wird immer länger: Zuletzt dampften auch der Stahlhändler Klöckner & Co, der Chemikalienhändler Brenntag, der Anlagenbauer Dürr und der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich ihre Geschäftsprognosen ein. "Ein Ende des weltweiten Protektionismus und der Handelskonflikte ist leider derzeit nicht in Sicht", sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer. Ähnlich sieht das Außenwirtschaftschef Gregor Wolf vom Exportverband BGA: "Diese globale Gemengelage liegt bleiern über allem", meint er. "Da kann man nicht wirklich investieren."

Wolf rechnet zum Jahresende mit einem Dämpfer auch bei den Dienstleistern, wo es bisher noch besser läuft. Derzeit sorgen Jobabbaupläne bei Großkonzernen wie der Deutschen Bank, Thyssenkrupp, BASF und Siemens für Schlagzeilen. Insgesamt erwarten Fachleute aber keinen Kahlschlag. Denn wegen des Fachkräftemangels dürften die Firmen mit Entlassungen vorsichtiger sein als in früheren Flauten, sagte Wolf: "Keiner kann sich leisten, seine Facharbeiter abzugeben."

"Ich bin optimistisch in Bezug auf den deutschen Arbeitsmarkt", sagt DIW-Chef Fratzscher. "Entlassungen bei Unternehmen hat es immer und wird es auch immer geben. Dies ist der normale Anpassungsprozess im Strukturwandel." Das DIW geht davon aus, dass die Beschäftigung in diesem und im kommenden Jahr zunimmt. "Es werden also wohl noch immer mehr neue Jobs entstehen als alte wegfallen", so Fratzscher. "Auch wenn die Arbeitslosenquote leicht steigen mag, dürfen wir nicht vergessen, dass die Arbeitslosenquote in den letzten 50 Jahren selten niedriger war als heute."

Je länger die Schwäche der Industrie anhält, desto höher ist nach Einschätzung des Ifo-Konjunkturexperten Wollmershäuser zwar die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Derzeit werde allerdings eine allmähliche Erholung der Industrie gegen Ende des Jahres erwartet. "Die Arbeitslosenquote sollte dann in etwa unverändert auf dem derzeitigen Niveau bleiben."

Quelle: n-tv.de, mit dpa/rts

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