Wirtschaft

Öl-Projekte in Alaska "Wir reden über eine sterbende Industrie"

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Eine Pipeline in Alaska.

US-Präsident Joe Biden hat die von Donald Trump erteilten Bohrrechte für ein Naturschutzgebiet in Alaska wieder einkassiert. "Die Zeiten von Big Oil sind definitiv vorbei", sagt Jacob Kirkegaard vom German Marshallfund. Daran werde selbst eine Rückkehr Trumps nichts ändern.

Capital: Joe Biden hat die von seinem Vorgänger Donald Trump vergebenen Rechte, in einem arktischen Naturschutzgebiet in Alaska nach Öl zu suchen, zurückgenommen. War dieser Schritt vorhersehbar?

Jacob Kirkegaard: Ja, das war wirklich keine Überraschung. Die Konzessionen, auf dem Land der USA nach Öl zu suchen, wurden ja erst zwei Wochen vor dem Amtsantritt Bidens von seinem Vorgänger Donald Trump angeboten und verkauft. Da hatte Trump die Wahl also schon verloren und jeder wusste, dass Biden bald im Amt sein würde. Jeder wusste, dass Biden es nicht zulassen würde, dass die neuen Konzessionen wirklich vergeben würden.

Dann ist das eigentlich kein großer Schritt gewesen, oder?

Ja und nein. Denn er bedeutet, dass die Ölförderung in den USA ein Maximum erreicht hat.

Wie meinen Sie das?

In den vergangenen Jahren haben wir in Amerika einen Öl-Boom erlebt. Die Stichworte hier sind Fracking und Ölsande. Dass Biden nun verboten hat, dass in der Arktis nach neuen Ölfeldern gesucht wird, bedeutet, dass die Ölindustrie nicht weiterwachsen wird. Im Gegenteil: Sie wird sogar schrumpfen. Und das ist natürlich ein großer Schritt.

In welche Richtung denn?

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Jacob Kirkegaard ist Senior Fellow sowohl am Peterson Institute for International Economics in Washington als auch beim German Marshall Fund of the United States. Er verbrachte mehr als 20 Jahre in Washington D.C. und beobachtete dort die US-Politik seit Bill Clinton. Seit kurzem lebt Kirkegaard in Brüssel.

(Foto: German Marshall Fund of the United States)

Joe Biden hat angekündigt, dass die Vereinigten Staaten ihre CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 senken werden. Das ist vergleichbar mit den Zielen, die sich die EU gesetzt hat. Dass Biden die Suche nach neuen Ölquellen verhindert, ist alleine vor dem Hintergrund also völlig rationale Politik. Und: Hätte er zugelassen, dass die Ölfirmen in der Arktis anfangen zu arbeiten, hätte er sich selbst und seine Politik unglaubwürdig gemacht.

Das heißt, das Verbot ist ein weiterer Schritt hin zum Erreichen dieser klimapolitischen Ziele?

Absolut. Neben dem Kampf gegen die Corona-Pandemie ist der Klimaschutz die wichtigste politische Agenda des Präsidenten. Jetzt hat er gezeigt, dass er es damit wirklich ernst meint. Der Schritt macht klar, dass sich die USA langfristig aus der Riege der größten Ölproduzenten verabschieden werden. Die Arktis war die letzte Region, in der die Ölkonzerne noch nach neuen Ölfeldern hätten suchen können. Das ist also der Anfang vom Ende. Das wird sich auch nicht mehr umkehren lassen.

Auch nicht, wenn - sagen wir - Trump im Jahr 2024 wiedergewählt werden sollte?

Nein! Die Nachfrage an Öl wird zurückgehen. Zwei Drittel des Öls werden für den Betrieb von Autos und Lastwagen genutzt. Noch fahren die Amerikaner zwar ihre gigantischen Autos. Aber das wird sich ändern. Und zwar schnell. Ab 2035 werden in Kalifornien nur noch Elektrofahrzeuge zugelassen, und wir beobachten dieselbe Entwicklung in anderen Bundesstaaten. Es ist sicher, dass der Ölbedarf in den kommenden Jahren abnehmen wird.

Und auch die Förderkosten für ein Barrel Öl steigen.

Ja. Und gleichzeitig ist das Entdecken und Entwickeln von Ölfeldern in der Arktis sehr, sehr teuer - auch wenn sich das Klima in diesen Regionen durch die globale Erwärmung aufheizt. Von den gesellschaftlichen Kosten der Konzerne einmal ganz abgesehen.

Wie meinen Sie das?

Die Ölkonzerne, die es in Erwägung gezogen haben, in der Arktis nach Öl zu suchen, haben selbst gefürchtet, dass sie dadurch ein Image-Problem bekommen würden. Schlimmer noch als das Image, das sie ja ohnehin schon haben. Jedes Unternehmen, das sich darauf eingelassen hätte, wäre augenblicklich zum Ziel von Aktivisten geworden. Wir sehen ja, dass die Konzerne keine besonders gute Zeit hatten. Das Urteil gegen Shell ist da nur ein Beispiel.

Sie sagen, dass der Transportsektor der größte Abnehmer für Erdölprodukte ist. Aber er ist ja nicht der Einzige - könnten die Konzerne das Öl nicht auf dem Weltmarkt verkaufen?

Es ist das Eine, dass die Ära der großen Spritschleudern vorbei ist. Das Andere ist, dass amerikanisches Öl auf dem Weltmarkt schon längst nicht mehr konkurrenzfähig ist. Es ist unendlich günstiger, Öl in Saudi-Arabien zu fördern. Das Land hat ein Interesse daran, dass es noch so lange wie möglich so viel Öl wie möglich verkaufen kann, sonst wären die Quellen dort wertlos. Deshalb fördert Saudi-Arabien so viel Öl, damit es den Preis niedrig halten kann. Der Preis wird nach der Pandemie vielleicht noch einmal steigen. Aber auf lange Sicht nicht. Und dann ist Saudi-Arabien das einzige Land, dass mit seinen leicht zugänglichen Quellen noch Geld mit Öl verdienen kann.

Öl wird im Nahen Osten also weiter eine Rolle spielen?

Auch dort gilt: Es macht langfristig keinen Sinn, Milliarden von Dollar in die Ölindustrie zu pumpen, während Amerika sich dekarbonisiert.

Die Zeit, in der die großen Ölkonzerne das große Geld verdient haben, ist also vorbei?

Mehr noch, diese Unternehmen werden sich entscheiden müssen, was sie in Zukunft machen wollen. Aber das Urteil gegen Shell bedeutet, dass das Unternehmen Investitionen aus seiner Ölsparte zurückziehen müssen wird. Wenn sie sich entscheiden, weiterhin im Energiesektor tätig zu sein, werden sich viele wahrscheinlich dazu entscheiden, in erneuerbare Energien zu investieren. Aber die Zeiten von Big Oil sind definitiv vorbei. Wir reden hier über eine sterbende Industrie.

Mit Jacob Kirkegaard sprach Bastian Hosan. Das Interview erschien zuerst bei Capital.

Quelle: ntv.de

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