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Gründerszene berät über Krise "Es geht nicht darum, jeden zu retten"

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Werden dieses Jahr nicht auf einer großen Bühne stehen: Bernd Storm van's Gravesande, Andy Bruckschloegl und Felix Haas (v.l.n.r).

(Foto: Image by Dan Taylor - dan@dantay)

Eigentlich trifft sich die Gründerszene jedes Jahr zum Oktoberfest in München auf der Messe Bits & Pretzels. Doch dieses Jahr ist alles anders. Im Interview mit ntv.de erzählen die Organisatoren Andy Bruckschloegl, Bernd Storm van's Gravesande und Felix Haas, wie sie Startups und Investoren trotzdem zusammenbringen und wie Jungunternehmer glimpflich durch die Krise kommen.

ntv.de: Die Gründermesse Bits & Pretzels muss wegen der Corona-Pandemie ins Netz verlegt werden. Wie soll das funktionieren?

Andy Bruckschloegl: Eine Veranstaltung ins Digitale zu übertragen ist aus technischer Sicht kein Problem. Das lässt sich schnell umsetzen. Die Schwierigkeit, der wir uns stellen mussten, war eine andere: Wie schaffen wir es, auf dem Event Emotionen und individuelle Erlebnisse digital erlebbar zu machen? Die bisherigen Lösungen auf dem Markt haben uns nicht überzeugt. Viele Anbieter digitalisieren physische Events eben nur, ohne auf den Business-Value oder das Interesse der Teilnehmenden einzugehen. Wir wollten etwas anderes probieren und haben eine eigene, kreative Plattform gebaut. Minglecloud nutzen wir nicht nur selbst, wir bieten sie auch anderen Partnern an und haben neben unserem digitalen Gründerfrühstück Anfang März mit rund 35.000 Teilnehmenden bereits die größte Sportmesse der Welt ISPO umgesetzt.

Für die Bits & Pretzels ist der Wiesn-Besuch das größte Highlight. Was findet stattdessen statt?

Bernd Storm van's Gravesande: Bits & Pretzels steht für mehr als bloß Networking in einem Oktoberfest-Festzelt. Aber natürlich vermissen wir es schmerzlich, mit 5000 Gründerinnen und Gründern auf dem Oktoberfest zu networken und zu feiern. Die Gründerinnen und Gründer kommen aber vor allem zu uns, um ihre Startups weiterzuentwickeln und Inspiration zu finden. Deswegen bieten wir neben diversen Netzwerk-Formaten auch informative Master Classes an, die für jedes Szenario und auf jede Gründungsphase ausgelegt sind.

Eine virtuelle Konferenz hat den Nachteil, dass der spontane Austausch zwischen Gründern und potenziellen Investoren entfällt. Können Zoom- und Google-Hangout-Meetings das wirklich ersetzen?

Andy Bruckschloegl: Zoom und Google-Hangout-Meetings sicherlich nicht, deswegen haben wir uns ein komplett neues Format ausgedacht - das "Founders Roulette". Dabei werden Teilnehmende per Video nach dem Zufallsprinzip mit anderen Gästen verbunden. Damit erhalten wir den beliebten Konferenz-Effekt, bei dem man zufällig seinen nächsten Co-Founder in der Café-Schlange trifft oder vielleicht einen interessierten Investor oder einen unserer Weltstars. Wir haben auch unser beliebtes "Table Captain"-Format ins Digitale übertragen. Die Teilnehmenden können somit bequem von ihrem Sofa aus mit dem Gründer von Shazam, Chris Barton, oder dem Co-Gründer von Social Bee, Zarah Bruhn, an einem digitalen Biertisch sitzen, ihre Ideen diskutieren oder ihren nächsten Business-Partner treffen.

Wie wird das neue Konzept angenommen? Haben sich mehr oder weniger Teilnehmer als im vergangenen Jahr angemeldet?

Felix Haas: Wir haben für jede Bits & Pretzels eine Maximal-Anzahl von 5000 Teilnehmenden eingeführt, möchten aber mit unserem digitalen Format mehr Personen eine Teilnahme ermöglichen. Wir freuen uns deshalb über zahlreiche Anmeldungen und vor allem über das große Interesse vieler Partner und Partnerinnen. Das hat uns positiv überrascht.

In der Szene heißt es: Startups sind besser in der Lage, sich schnell an neue Situationen und Krisen anzupassen. Stimmt das?

Bernd Storm van's Gravesande: Zunächst muss man natürlich sagen, dass die Situation für die ganze Szene eine Herausforderung ist. Auch für uns war das erstmal ein Schock. Wie Unternehmen darauf reagieren, ist sehr unterschiedlich. Einige Faktoren sprechen aber klar dafür. Junge Unternehmen sind strategisch meist gut aufgestellt. Sie haben einen erstklassigen Spirit, motivierte Teams und viel Brainpower. Sie können sich schneller an ungewohnte Situationen anpassen, das ist ein großer Vorteil. Krisen fordern vor allem innovative Lösungen und eben eine schnelle Anpassung. Das ist im Grunde das Kerngeschäft aller Startups.

Wie kommen Unternehmen ohne Rücklagen und ohne Gewinne glimpflich durch die Krise?

Bernd Storm van's Gravesande: Das Wichtigste ist, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber dennoch schnell zu reagieren. Zum Beispiel die staatlichen Hilfen zu nutzen, mit den Investoren auf Augenhöhe zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Auf der anderen Seite muss man auch sofort offen mit dem Team kommunizieren. Es lohnt sich, zusammen Optionen zu besprechen. Das schafft Vertrauen und Klarheit im Team. Daraus können sich auch Chancen ergeben, wie zum Beispiel das Startup Seatti zeigt. Sie vermittelten während der Corona-Zeit leerstehende Hotelzimmer an Personen, die nicht im Homeoffice arbeiten konnten.

Bekommen potenzielle Investoren wegen der Corona-Pandemie kalte Füße und sinken dadurch die Chancen für eine erfolgreiche Finanzierung?

Felix Haas: Die Investorinnen und Investoren sind vorsichtiger geworden. Das bedeutet aber nicht, dass eine gute Idee oder bahnbrechende Technologien keine Finanzierung finden, ganz im Gegenteil. Krisen bieten auch immer eine Chance für neue, innovative Herangehensweisen. Corona hat keine digitale Revolution ausgelöst, sondern bestehende gesellschaftliche Tendenzen verstärkt. Startups haben die Möglichkeit, diesen disruptiven Wandel mitzugestalten. Die meisten Investoren werden also auch weiterhin investieren, wenn sie von einer Idee überzeugt sind.

Inzwischen sind die ersten Gelder aus dem zwei Milliarden Euro schweren Hilfspaket der Bundesregierung geflossen. Wird das reichen?

Felix Haas: Die meisten Startups werden in den nächsten Monaten weitere Finanzierungsschwierigkeiten haben. Hier müssen wir uns unbedingt Lösungen überlegen, sonst könnte wichtige Innovation "Made in Germany" einfach verloren gehen. Es geht hier auch nicht darum, jeden zu retten. Wir sollten jedoch definitiv versuchen, die gesunden und aussichtsreichen Geschäftsmodelle zu erhalten. Um aber mal auf diese zwei Milliarden einzugehen: Die Bundesregierung unterstützt allein die Lufthansa mit stillen Einlagen in Höhe von 5,7 Milliarden Euro. Lufthansa beschäftigt rund 138.000 Beschäftigte. Zum Vergleich: In der kompletten deutschen Startup-Szene arbeiten mehr als 150.000 Menschen. Tendenz steigend.

Mit Andy Bruckschloegl, Bernd Storm van's Gravesande und Felix Haas sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de