Mehr Innovation für DeutschlandWarum Startups und Unternehmen so schlecht zusammenarbeiten
Janna Linke
Für viele Unternehmen ist klar: Wenn sie erfolgreich bleiben wollen, müssen sie mit Startups zusammenarbeiten. Doch bei dieser Zusammenarbeit knirscht es häufig. Eine neue Studie untersucht, wieso. Im ntv-Podcast "Startup - jetzt ganz ehrlich" präsentiert ein Accenture-Manager die Ergebnisse.
90 Prozent der Unternehmen in Deutschland betrachten Start-ups als wichtige Innovationspartner, aber nur 11 Prozent der Gründerinnen und Gründer haben ein Gefühl von echter Kooperationsbereitschaft. Es ist klar: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Das zeigt eine aktuelle Studie von Accenture in Zusammenarbeit mit dem Startup-Verband.
Über die Gründe und die Chancen, die gerade in diesen Unterschieden liegen, spricht Sebastian Günther von Accenture im ntv-Podcast "Startup - jetzt ganz ehrlich": Natürlich sei die deutsche Wirtschaft traditionell risikobewusst. Doch ohne Mut gehe es nicht, sagt Günther. Gerade in einer Phase, in der Wirtschaft und Politik von Unsicherheit geprägt seien, seien neue Denkansätze und ungewöhnliche Kooperationen entscheidend. "Am Ende des Tages lebt Innovation von Geschwindigkeit."
Startups brächten Schnelligkeit, Kreativität und Flexibilität. Große Unternehmen wiederum Ressourcen und Marktzugang - eine Verbindung, die im besten Fall neues Wachstum freisetzen könne.
Zwischen Theorie und Praxis
Die Accenture-Studie zeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven von Startups und etablierten Unternehmen oft sind. Die meisten Unternehmen sehen eine Notwendigkeit, mit Startups zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig berichten viele junge Gründerinnen und Gründer von einem zögerlichen Klima statt echter Kooperation.
"Ich sehe die Ergebnisse eher als positive Bestätigung", sagt dennoch Günther. "Das Interesse ist da. Jetzt müssen wir Wege finden, dieses Interesse auch in konkrete Projekte zu überführen."
Dazu gehört hauptsächlich, die Geschwindigkeit von Entscheidungsprozessen zu erhöhen. Zu oft verhindern laut Studie bürokratische Hürden, lange Vertragswerke oder fehlender Pragmatismus, dass Experimentierfreude eine Chance bekommt: "Manchmal muss man einfach ausprobieren, statt monatelang zu prüfen", so Günther.
Venture Clienting statt Venture Capital?
Ein zentraler Trend, den der Accenture-Manager hervorhebt, ist das sogenannte Venture Clienting. Dabei agieren etablierte Unternehmen nicht als Investoren, sondern als erste Kunden von Startups und helfen, deren Lösungen im Markt zu testen und zu skalieren. Das bringt beiderseitig Vorteile: Die Unternehmen profitieren von frischen Technologien, die Startups von stabilem Cashflow. "Genau diese Art von pragmatischer Partnerschaft sehen wir immer häufiger", sagt Günther. "Und überall dort, wo sie gut funktioniert, entsteht wirkliche Innovation."
Eine besondere Rolle spielt der Mittelstand. Er sei zwar das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, tue sich aber oft schwer mit dem Zugang zur Startup-Szene. Hier könnten Hochschulen, Netzwerke oder Beratungen als Vermittler Brücken bauen, berichtet Günther. Entscheidend ist ihm zufolge eine passgenaue Zusammenarbeit: "Nicht die Liste der 50 besten KI-Startups zählt, sondern das eine, das wirklich einen Bedarf des Unternehmens abdeckt."
Modernes Innovationsklima
Im internationalen Vergleich hinkt Europa, speziell Deutschland, beim Thema Wagniskapital und Innovationsgeschwindigkeit hinterher. Die USA investieren zehnmal so viel in Zukunftstechnologien wie Europa. Trotzdem bleibt Günther optimistisch: "Wir haben eine starke Substanz, exzellente Gründer und ein wachsendes Bewusstsein, dass Geschwindigkeit und Kooperation zusammengehören. Jetzt müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um daraus Kapital zu schlagen."
Dazu gehört ihm zufolge, Gründungen zu vereinfachen, den Bürokratieaufwand zu senken und Talente schneller in den Markt zu bringen. "Europa hat die Chance, Souveränität und Innovationskraft zusammenzudenken - und das kann unser Vorteil werden."
Die Erfolgsfaktoren
Was rät Günther Startups, wenn die Zusammenarbeit scheitert? "Offen sein. Auch mit Feedback gegenüber dem Unternehmen, nur so lernt man auf beiden Seiten." Und an die Corporates gerichtet: "Hinterfragt eure Strukturen. Muss wirklich jedes Projekt mit 80 Seiten Vertrag starten? Ein bisschen mehr Mut und Geschwindigkeit würden vielen guttun."
Am Ende ist für ihn klar: Innovation ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von Vertrauen, Mut und gemeinsamer Umsetzungskraft. "Wenn Startups und etablierte Unternehmen es schaffen, diese Energie zu bündeln, dann profitieren am Ende alle - nicht zuletzt der Wirtschaftsstandort Deutschland."
Mit Sebastian Günther sprach Janna Linke. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Vollständig können Sie es im ntv-Podcast "Startup - jetzt ganz ehrlich" anhören.