Wirtschaft
Nur selten wissen Bewohner in Großstädten, wer mit ihnen in einem Haus wohnt.
Nur selten wissen Bewohner in Großstädten, wer mit ihnen in einem Haus wohnt.(Foto: imago/Jürgen Heinrich)
Dienstag, 27. März 2018

Datenschutz statt Algorithmus: Nachbarn treffen Nachbarn im Internet

Von Juliane Kipper

Jeder zweite Nutzer von sozialen Medien denkt nach dem Facebook-Leak über eine Abmeldung nach. Die Nachbarschaftsplattform Nebenan.de setzt statt auf die Daten ihrer Anwender auf Nähe - und kommt dabei ganz ohne einen Algorithmus aus.

Facebooks Ansehen leidet. Das Unternehmen von Marc Zuckerberg ist längst nicht mehr so beliebt, wie es einmal war. Ein Blick auf die Verweildauer zeigt: Im vierten Quartal 2017 verbringen Nutzer durchschnittlich nur noch zwei Minuten auf der Plattform.

Nun wird bekannt, dass die britische Analysefirma Cambridge Analytica mutmaßlich auf unlautere Weise Informationen von 50 Millionen Facebook-Mitgliedern eingesetzt hat, um US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf zu unterstützen. Aus Sorge um den Missbrauch von Daten zieht inzwischen fast jeder zweite Nutzer von sozialen Medien in Betracht, sich von Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter abzumelden. Das geht aus einer Emnid-Umfrage hervor.

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Eine wachsende Zahl von Alternativen will es den üblichen Netzwerken zusätzlich schwer machen. Portale, die einen ganz anderen Ansatz als Facebook verfolgen, werden immer beliebter – so wie etwa das Nachbarschaftsnetzwerk Nebenan.de von Christian Vollmann, Ina Brunk und Till Behnke. Die Idee: Auf Nebenan.de können sich Menschen anmelden und mit Nutzern aus ihrer unmittelbaren Nähe austauschen. Auf der Plattform sollen ganz praktische Fragen wie "Wo ist der beste Arzt?" geklärt und gleichzeitig der soziale Austausch gefördert werden.

Nutzer verbindet der gemeinsame Wohnort

"Unsere Währung sind nicht die Daten unserer Nutzer, sondern Nähe. Allein damit beschränken wir die Masse an Posts und an Information. Wir geraten gar nicht in den Zwang, einen Algorithmus einbauen zu müssen", sagt Mitgründerin Brunk im Gespräch mit n-tv.de. Die Plattform sei der Beweis dafür, dass durch lokale Vernetzung Relevanz entstehen kann und das ganz ohne einen Algorithmus, der wie Facebook Interessen ausspielt.

Initiator Vollmann kannte selbst ein Jahr nach seinem Umzug in Berlin keinen einzigen Nachbarn in seinem Haus. Besonders in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München ist das keine Seltenheit – auch weil in Deutschland sehr viele Menschen in Single-Haushalten leben. Ihren Kontakten auf Facebook sind die meisten in der Regel bereits einmal begegnet. Auf Nebenan.de verbindet Nutzer lediglich der gemeinsame Wohnort. Ein neuer Nachbar kann einer bestimmten Nachbarschaft nur dann beitreten, wenn er seine Anschrift und seinen Klarnamen durch eine zugestellte Postkarte verifiziert oder indem er online zum Beispiel seine Meldebescheinigung hochlädt.

Mittlerweile haben sich seit dem Facebook-Leak noch nicht merklich mehr Nutzer auf der Nachbarschaftsplattform angemeldet. "Nutzer von Nebenan.de sind aber allgemein sehr sensibel, wenn es um datenschutzrechtliche Themen geht. Sie haben sich bewusst für unsere Plattform entschieden", sagt Brunk. Auffällig viele Nutzer hätten sich mit dem E-Mail-Dienst Posteo angemeldet, einem Unternehmen, das seinen Fokus besonders auf Sicherheit und Verschlüsselung setzt.

Die Plattform ist in Frankfurt registriert und unterliegt deutschen Datenschutzbestimmungen. Im vergangenen Juni hat sich das Netzwerk einer freiwilligen Prüfung durch den TÜV Saarland unterzogen und ist jetzt ein zertifiziertes Nachbarschaftsnetzwerk.

Anzeigen von lokalen Händlern

Seitdem das Startup Ende 2015 in Deutschland an den Start gegangen ist, registrieren sich laut eigenen Angaben pro Monat 50.000 neue Mitglieder. Zurzeit sind in dem bundesweiten Nachbarschaftsnetzwerk 800.000 Nutzer angemeldet. Vollmann und seine Ko-Gründer hatten von Anfang an Unterstützung von einer Reihe von Investoren.

Erst kürzlich ist es dem Startup aus Berlin gelungen, in einer zweiten Finanzierungsrunde 16 Millionen Euro einzusammeln. Das frische Kapital wollen die Gründer in den Ausbau ihres Unternehmens stecken - und in die Expansion ihrer Idee. Schon bald soll es das lokale Netzwerk auch in Frankreich geben. Der französische Ableger Mesvoisins.fr ist vor sechs Monaten gestartet und hat bereits 50.000 Nutzer.

Bislang wirft das Nachbarschaftsnetzwerk keine Gewinne ab. Doch in den nächsten 18 bis 24 Monaten soll sich das ändern. Ein mögliches Finanzierungskonzept: Geschäfte können für Menschen, die unmittelbar in der Nähe wohnen, Werbung schalten. Anzeigen von lokalen Händlern sollen nur denjenigen Nutzern angezeigt werden, die in derselben Gegend wohnen. Nebenan.de will - anders als Facebook- auch in Zukunft keine Algorithmen nutzen, die Nutzer analysieren und es ihnen ermöglicht, gezielte Werbebotschaften zu platzieren.

Quelle: n-tv.de