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Klare Sache: Von der ISS sieht man die Erdkrümmung deutlich. Doch geht's auch weniger hoch?
Klare Sache: Von der ISS sieht man die Erdkrümmung deutlich. Doch geht's auch weniger hoch?(Foto: picture alliance / NASA)
Dienstag, 08. Mai 2018

Frage & Antwort, Nr. 531: Von wo sieht man die Erdkrümmung?

Von Andrea Schorsch

Astronauten berichten davon und Fotos, die von der ISS geknipst werden, zeigen sie deutlich. Doch muss man so hoch hinaus, um die Erdkrümmung zu sehen? Wann erscheint der Horizont bogenförmig? Reicht nicht vielleicht ein Blick übers Meer?

"Mad Mike" will die Menschen überzeugen: Der 61-jährige US-Amerikaner Mike Hughes ist der Meinung, dass die Erde eine Scheibe ist. Um das mit eigenen Augen sehen zu können, hat er eine Rakete gebaut, mit der er sich am 24. März 2018 selbst in die Luft schießt. Aus hunderten Metern Höhe, so denkt der Tüftler, müsste man doch das Ende der Welt erblicken können. 571 Meter steigt er über der kalifornischen Mojave-Wüste auf, landet dann mit einem Fallschirm – und kann die Frage nach der Gestalt unseres Planeten noch immer nicht beantworten.

Mike Hughes, der sich selbst "Mad Mike" nennt, bei seinem Raketenstart am 24. März 2018.
Mike Hughes, der sich selbst "Mad Mike" nennt, bei seinem Raketenstart am 24. März 2018.(Foto: imago/ZUMA Press)

Aus einem halben Kilometer Höhe über den vermeintlichen Tellerrand zu schauen, ist ihm nicht geglückt. Doch wie hoch müsste "Mad Mike" eigentlich aufsteigen, um die Krümmung der Erde und damit einen Beweis für ihre Kugelform entdecken zu können? Wir kennen die Fotos, die von der Internationalen Raumstation, der ISS, aufgenommen wurden und die Erdkrümmung deutlich zeigen. Die ISS rast 400 Kilometer über unseren Köpfen um die Welt. Doch könnte man die gebogene Horizontlinie nicht auch vom Mount Everest aus sehen? Oder – etwas bequemer – aus dem Flugzeug? Reicht es dafür vielleicht sogar, den Blick am Strand in die Ferne schweifen zu lassen?

Der Schiffsrumpf verschwindet zuerst

Wir fragen beim DLR in Köln nach, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Und siehe da: Eigentlich müsste sich "Mad Mike" nur mal eine Weile an den Pazifik setzen, um festzustellen, dass die Erde keine Scheibe ist: "Man kann die Erdkrümmung in der Tat schon vom Strand aus sehen", sagt Falk Dambowsky vom DLR. "Dann nämlich, wenn man bei ruhiger See zum Horizont schaut und zugucken kann, wie weit entfernte, große Schiffe langsam hinter dem Horizont verschwinden."

Die Schiffe kippen eben nicht auf Nim­mer­wie­der­se­hen über einen Tellerrand. Vielmehr verschwindet zunächst nach und nach ihr Rumpf aus unserem Blickfeld, während wir die Aufbauten oder den Mast noch gut erkennen. Und je weiter die Schiffe auf dem Erdball vorankommen, umso weiter rutschen sie hinter die Horizontlinie, auf die wir schauen – bis sie irgendwann nicht mehr zu sehen sind. Das gilt natürlich auch umgekehrt: Fährt ein Schiff in großer Entfernung auf uns zu, zeigt sich zunächst der Mast. Das ist der Teil, der zuerst über die gekrümmte Erdoberfläche ragt.

Wenn die Erdkrümmung aber nicht indirekt, sondern als vor uns aufgespannter Bogen erkennbar sein soll, reicht es nicht, am Strand zu sitzen. Dafür ist die Erde zu groß. Vom Strand aus sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt – ähnlich wie eine Ameise auf einem Riesenball. Das bisschen, das sie von dem Ball zu sehen bekommt, ist stets gerade. Ihr fehlt schlicht der Überblick, um die Kugelform wahrzunehmen. Dafür müsste sie aus größerer Höhe schauen. Und wir auf der Erde auch.

Unter 15.000 Metern keine Chance

15 Kilometer - das könnte die entscheidende Höhe sein.
15 Kilometer - das könnte die entscheidende Höhe sein.(Foto: Marc Puskeiler/DLR)

Die Bezwingung des Mount Everest aber hilft da nicht weiter. Selbst der Blick aus einem Flugzeug bei üblicher Reiseflughöhe, also aus 10 bis 11 Kilometern, ist in dieser Hinsicht eine Enttäuschung. Doch es gibt Menschen, die höher fliegen: Marc Puskeiler ist Pilot des DLR-Flugzeugs HALO, das zur Atmosphärenforschung bis in die beginnende Stratosphäre bei 15 Kilometern eingesetzt wird. Aus eigener Erfahrung und Gesprächen mit anderen HALO-Piloten weiß Puskeiler: "Auch in knapp 15 Kilometern Höhe ist die Erdkrümmung noch nicht mit bloßem Auge erkennbar. Aber Fotos, die in dieser Höhe gemacht werden, zeigen sie schon ganz leicht."

Noch bei 14 Kilometern also hat man keine Chance auf einen bogenförmigen Horizont. 15 Kilometer könnten die entscheidende Höhe sein, allerdings eignen sich Kameraaufnahmen nicht immer als Beweis. Objektive können das Motiv verzeichnen, gerade Linien erscheinen dann gebogen. Der Effekt kann stärker oder schwächer ausfallen, auch bei der Aufnahme von HALO-Pilot Puskeiler ist er nicht auszuschließen.

Schwingt man sich aber noch ein paar Kilometer höher hinauf, hat man es geschafft und der Bogen wird sichtbar: "Es ist eher ein fließender Übergang, ab dem die Wahrnehmung der Erdkrümmung beginnt", sagt Dambowsky vom DLR. "In jedem Fall reicht es aus, in einem Stratosphärenballon auf 20 bis 30 Kilometer aufzusteigen."

Stratosphärenballon – das erinnert an Felix Baumgartner. Der schaute 2012 aus einer Höhe von 39 Kilometern auf die Erde, sprang hinab und konnte von der sichtbaren Erdkrümmung berichten; ebenso sein Mentor Joe Kittinger, der sich bereits 1960 aus 31 Kilometern Höhe fallen ließ.

"Mad Mike" in Kalifornien hält von solchen Berichten nichts. Auch Aufnahmen der Nasa überzeugen ihn nicht. Die ISS? Alles Fake, sagt er. "Ich glaube nicht, dass es die Internationale Raumstation gibt." Jetzt will "Mad Mike" eine weitere Rakete bauen; eine, die ihn ins All katapultiert, auf eine Höhe von 100 Kilometern. Dass das klappt, darf bezweifelt werden. Aber so weit oben würde er sie auf jeden Fall sehen: die Krümmung der Erde, die eben keine Scheibe ist.

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Quelle: n-tv.de