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Typische Kindheit! Der ängstliche Mirco (am Boden) gerät auch schon mal in eine Schulhofschlägerei.
Typische Kindheit! Der ängstliche Mirco (am Boden) gerät auch schon mal in eine Schulhofschlägerei.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Mawil erkundet sein "Kinderland": Vom Außenseiter zum Spitzenreiter

Von Markus Lippold

Was Tischtennis und Morgenlatte mit der DDR zu tun haben? Mawil erklärt's in seinem großartigen Comic "Kinderland", der die Balance zwischen Kindheitsnostalgie und kritischer Reflexion schafft. Das Buch erscheint zum Gratis Comic Tag.

Typische Kindheit? Mirco wächst in der DDR auf - und da gibt es viel Beton.
Typische Kindheit? Mirco wächst in der DDR auf - und da gibt es viel Beton.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Klar, die älteren Schüler stänkern, die Eltern engen einen ein und die Morgenlatte, die sich neuerdings bemerkbar macht, ist auch nicht gerade hilfreich. Mirco ist halt ein typisches Kind, das langsam erwachsen wird. Andererseits: So ganz typisch auch wieder nicht. Schließlich wächst er in der DDR auf. Genauer gesagt: in Ost-Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik.

Auch Mawil wuchs dort auf. Mit seinem Comic "Kinderland", der zum Gratis Comic Tag (siehe Kasten) nicht nur als Buch, sondern auch als kostenlose Leseprobe erscheint, nähert sich der Zeichner seinen Jahren in der Diktatur an. Dass der Name der Hauptfigur (Mirco Watzke) und der bürgerliche Name des Zeichners (Markus Witzel) ähnlich klingen, kommt nicht von ungefähr. Auch wenn das 300 Seiten starke Buch keine Autobiografie ist, hat es doch - wie auch frühere Bücher des Zeichners - einen authentischen Unterton.

Rowdys und linientreue Lehrerin

Gratis Comic Tag

Am 10. Mai veranstalten Comicverlage und -händler sowie Buchläden den Gratis Comic Tag. Kostenlos verteilt werden 30 verschiedene Comichefte mit 32 bis 52 Seiten und einer Gesamtauflage von 300.000 Stück. Die Palette reicht von Kinder- und Abenteuercomics über Graphic Novels und Mangas bis zu Superhelden-Storys, teils als abgeschlossene Geschichte, teils als Leseprobe. Einen Überblick über die angebotenen Hefte, die mehr als 200 beteiligten Händler im deutschsprachigen Raum, Signierstunden, Lesungen und weitere Veranstaltungen gibt es hier.

"Mirco ist ziemlich so wie Mawil. Nur hat Mawil in seiner Kindheit nicht so viel erlebt wie Mirco", erzählt er im Gespräch mit n-tv.de. "Aber ich war genau so schüchtern und ängstlich und bin gefährlichen Situationen aus dem Weg gegangen." Als Zeichner hat er aber kaum Mitleid mit seiner Hauptfigur: Mirco wird permanent in Konflikte verwickelt. Da bekommt es der Siebtklässler mit Rowdys aus der FDJ zu tun, muss sich mit der kleinen Schwester, den Eltern und dem mürrischen neuen Mitschüler Torsten herumschlagen, der nicht bei den Jungen Pionieren ist, und erst recht mit der linientreuen, strengen Lehrerin Frau Kranz.

Doch man wächst ja an seinen Aufgaben. Mirco jedenfalls, der ein ausgesprochener Stubenhocker ist, findet im Tischtennis eine Möglichkeit, über sich hinauszugehen und neue Freunde zu finden. Ähnlich war es bei Mawil. "Fußball war nichts für mich. Tischtennis dagegen war ein Sport, bei dem ich mithalten konnte", sagt er. Da verwundert es auch nicht, dass er eigentlich eine Tischtennis-Saga zeichnen wollte.

In "Kinderland" wird viel Tischtennis gespielt - doch Mawil findet immer wieder spannende und dynamische Perspektiven, um die Duelle darzustellen.
In "Kinderland" wird viel Tischtennis gespielt - doch Mawil findet immer wieder spannende und dynamische Perspektiven, um die Duelle darzustellen.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Erst bei der Entwicklung des Stoffes gab ihm Kollege Flix den Tipp, das Ganze doch mit einer Geschichte über eine DDR-Kindheit zu verbinden. Immerhin wollte Mawil auch dieses Thema irgendwann mal in Angriff nehmen. Aus "irgendwann" wurden sieben Jahre, in denen er mit längeren Unterbrechungen an "Kinderland" arbeitete.

Herausgekommen ist ein Comic, der Tischtennis-Geschichte, Coming-of-Age-Story und Erinnerungen an die DDR auf geschickte Weise miteinander verwebt. Bestechend ist vor allem der humorvolle Ton, mit dem Mawil das Thema anfasst. Die liebevoll überzeichneten Figuren stellen typische Schüler dar, die wohl jeder kennt: Rowdys, Mauerblümchen und Streber - im Buch vertreten durch die Klassenbeste Angela Werkel. Mawils lockerer Strich betont diesen Witz, was sich vor allem in den Slapstickeinlagen und an der Tischtennisplatte zeigt. Die Ping-Pong-Duelle nehmen oft mehrere Seiten ein, doch Mawil stellt sie so dynamisch und abwechslungsreich dar, dass sie nur selten Längen offenbaren. Er habe sich vorgestellt, wie ein Manga-Zeichner diese Szenen zeichnen würde, sagt er dazu.

"Es sollte kein Loblied auf die DDR werden"

Daneben gelingen ihm aber auch nachdenkliche Töne, die Mircos Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden thematisieren. Das ist dramaturgisch mitunter etwas holprig, aber durchweg sehr unterhaltsam. Vor allem, weil Mawil nicht den DDR-Aspekt, sondern den Übergang von der Kindheit ins Jugendalter in den Vordergrund stellt. Es geht ihm um die Erlebnisse einer Gruppe Jugendlicher, die eher zufällig im Osten leben, im Sommer 1989 - weil er es selbst so erlebt hat. "Ich wollte keine Diktatur- oder Unterdrückungs-Geschichte zeichnen", erzählt er. "Ich habe die DDR ja nur als Kind erlebt und ich denke, jeder ist nostalgisch, wenn es um die eigene Kindheit geht."

Mal in der Kirche, mal beim Fahnenappell - da kommt Mirco schon mal durcheinander.
Mal in der Kirche, mal beim Fahnenappell - da kommt Mirco schon mal durcheinander.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Doch Mawil kennt den Unterschied zwischen Nostalgie und Ostalgie. "Es sollte kein Loblied auf die DDR werden", stellt er klar. Schließlich habe er als Kind auch mitbekommen, dass viele Sachen falsch liefen und die Redewendung "Scheiß Osten" zum geflügelten Wort wurde. "In dem Buch geht es um eine Jugendgeschichte. Aber man bekommt schnell mit, dass da etwas anders ist."

Diese Balance schafft das Buch tatsächlich. Einerseits nähert sich die Erzählung zärtlich und mit sehr viel Witz ihrer Hauptfigur, die mit der einsetzenden Pubertät hadert. Atmosphärische Sequenzen beschwören eine Kindheit herauf, die von schönen Momenten, aber auch von Ängstlichkeit und den typischen Problemen eines Heranwachsenden geprägt ist. Daneben, oft nebenher, wird der Alltag eines Schülers in der niedergehenden DDR geschildert: die langweiligen Fahnenappelle, die propagandistischen Schulfilme über Militarismus und Drogensucht in der Bundesrepublik oder die Pflicht-Aufmärsche am 1. Mai.

"Viel in der Kirchenszene unterwegs"

Auch die Pionierleiterin liest heimlich "Spiegel".
Auch die Pionierleiterin liest heimlich "Spiegel".(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Doch Mawil fügt auch immer wieder kritische Aspekte ein: Die linientreue Lehrerin und Pionierleiterin liest heimlich den "Spiegel", Mircos Eltern schimpfen auf den Staat und er selbst verheimlicht gegenüber seinen Mitschülern, dass er in die Kirche geht und Messdiener ist. Auch dieser christliche, für die DDR eher untypische Hintergrund ist authentisch. "Ich war als Kind und Jugendlicher viel in der Kirchenszene unterwegs", erzählt Mawil. "Diese Leute waren ein bisschen alternativer, ein bisschen offener und ein bisschen menschenfreundlicher als die in der Schule." So seien Kirche und Schule zwei verschiedene Welten gewesen, zwischen denen es nur wenige Überschneidungen gab.

Diese sehr persönlichen Erlebnisse und Sichtweisen auf die DDR machen "Kinderland" so lesenswert. Mawil versucht gar nicht erst, ein Porträt seiner Generation vorzulegen, wie es einst Jana Hensel mit "Zonenkinder" tat. Stattdessen verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen und unterfüttert diese mit viel Humor und Liebe zum Detail. Da tauchen "Mosaik"-Comics auf, eine LP von Reinhard Lakomy und Sandmännchen-Puppen, die typischen dreieckigen Milchtüten in der Schule und Ikarus-Busse.

"Kinderland" erscheint bei Reprodukt, 296 Seiten in Klappenbroschur, 29 Euro.
"Kinderland" erscheint bei Reprodukt, 296 Seiten in Klappenbroschur, 29 Euro.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Diese Gegenstände werden bei vielen Lesern aus den neuen Bundesländern Erinnerungen heraufbeschwören - westlichen Lesern geben sie einen Einblick in den DDR-Alltag. Mawil hatte dabei wenige Schwierigkeiten, sich an die Dinge zu erinnern. "Ich hatte viele Sachen vor Augen, weil ich ein sehr visuelles Gedächtnis habe", sagt er. "Aber ich habe trotzdem versucht, Fotos zu bekommen, um Fehler zu vermeiden" - wofür er dann ein Bildarchiv anlegte. Schwierigkeiten gab es allerdings bei einem Bild aus dem Inneren eines Ikarus-Busses. Aber zum Glück gebe es ja das Internet, so Mawil.

Nur bei Straßenszenen nahm es der Zeichner nicht allzu genau. Stattdessen baute er sich seine eigenen Häuserzeilen mit typischen Gebäudetypen, Fassaden und Fahrzeugen auf den Straßen. "Ich wollte in dem Comic nicht auf Berlin rumreiten, sondern dafür sorgen, dass sich auch die Leser aus anderen Städten der DDR wiedererkennen", erklärt er sein Vorgehen.

Trotzdem spielt Berlin eine große Rolle, denn das Buch endet in den Tagen des Mauerfalls. Es war eine Zeit, die Mawil, der damals in Mitte wohnte, hautnah mitterlebte. Als Kind habe für ihn noch das Materielle im Vordergrund gestanden, erinnert er sich - das Begrüßungsgeld und die Sachen, die man bis dahin nur aus der Werbung des Westfernsehens kannte. Im Nachgang empfindet er die Wende aber vor allem als großes Glück. "Das Timing war perfekt", sagt er. "Die Mauer fiel genau an dem Punkt, an dem mir diese kleine Welt der DDR zu eng geworden wäre." Das nutzt er heute aus, wenn er etwa für das Goethe-Institut um die Welt reist und Comic-Workshops leitet. Die Kindheit endet und die Welt öffnet sich - ein schöneres Happy Ende kann man sich kaum vorstellen, im Comic oder in der Realität.

Am Gratis Comic Tag, dem 10. Mai, signiert Mawil in Lehmanns Buchhandlung in Leipzig, am 15. Mai liest er im Literaturhaus Stuttgart, am 5. Juni gibt es eine Podiumsdiskussion im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin. Weitere Termine sind geplant.

"Kinderland" bei Amazon bestellen. Das Buch ist auch als Vorzugsausgabe mit limitiertem Druck erhältlich. Eine Leseprobe gibt es hier. Mawil im Internet.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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