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Eine Aufnahme von der Nasa aus dem Jahr 2006.
Eine Aufnahme von der Nasa aus dem Jahr 2006.(Foto: dpa)

Schlechte Nachrichten vom Weltklimarat: Blauer Planet wird noch blauer

Zwei Kernaussagen hat der Bericht des Weltklimarats IPCC, beide sind nicht wirklich neu. Und genau das ist die beunruhigende Botschaft an dem Report.

Der Meeresspiegel wird schneller steigen als bislang gedacht. Das ist eine der Kernaussagen des fünften Weltklimaberichts, den der Weltklimarat IPCC an diesem Freitag in Stockholm präsentierte.

Beim größten Klimaschutz erhöht sich der Meeresspiegel dem Bericht zufolge bis Ende dieses Jahrhunderts um mindestens 26 Zentimeter. Im ungünstigsten Fall sind es 82 Zentimeter. "Während sich die Ozeane erwärmen und Gletscher und Eisdecken schmelzen, wird der globale Meeresspiegel weiter steigen, aber schneller, als wir es in den letzten 40 Jahren erlebt haben", sagte einer der Co-Vorsitzenden der zuständigen Arbeitsgruppe 1, der chinesische Klimaforscher Qin Dahe.

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Die zweite Kernaussage: Die Weltgemeinschaft droht ihr Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad deutlich zu verfehlen. Die Temperaturen auf der Erde könnten bis zum Jahr 2100 - je nach Szenario - um 1,5 bis 4 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ansteigen. 0,8 Grad davon sind längst erreicht. Bei einem Temperaturanstieg um mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter fürchten Wissenschaftler kaum beherrschbare Umweltfolgen.

"Angela Merkel muss wieder Klimakanzlerin werden", sagte der Präsident des Deutschen Naturschutzrings, Hartmut Vogtmann, in einer ersten Reaktion auf den Bericht. Im November findet in Warschau die jährliche Weltklimakonferenz statt. Es ist bereits die dreizehnte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es auch dort keinen echten Durchbruch geben.

Kiribati bereitet sich auf den Untergang vor

Erst am Mittwoch hatte der Präsident von Kiribati, Anote Tong, eindringlich vor dem Untergang seines pazifischen Inselstaats gewarnt. "Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht das Überleben unseres Volkes", sagte Tong vor der UN-Vollversammlung in New York.

"Was wir derzeit auf den niedrig gelegenen Atollen erleben, ist nur eine Vorwarnung vor dem, was wir noch erleben werden. Niemand wird verschont bleiben. Wir können unseren Planeten nicht weiter so missbrauchen." Der Kampf gegen den Klimawandel werde derzeit nicht engagiert genug betrieben, so Tong. "Wir sind desaströs vom Kurs abgekommen."

Sein Land brauche dringend die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, um mit den Konsequenzen des Klimawandels umzugehen und das Volk Kiribatis auf seine unsichere Zukunft vorzubereiten, sagte Tong. Seine Regierung sei beispielsweise schon dabei, die beruflichen Fähigkeiten der Bewohner Kiribatis weiterzuentwickeln. "Wir wollen, dass sie die Möglichkeit haben, mit Würde auszuwandern."

"Die Klimaskeptiker verlieren eine Schlacht"

Dass der Klimawandel menschengemacht ist, bezweifeln nur noch harte Wissenschaftsverweigerer. Der IPCC ist sich in seinem neuen Bericht noch sicherer als in seinem vorherigen Bericht von 2007, dass der Mensch die Hauptverantwortung für die Erderwärmung trägt. Hatte das UN-Gremium die Wahrscheinlichkeit im vierten Sachstandsbericht noch mit 90 Prozent angegeben, bezeichnete er die These nun als "extrem wahrscheinlich" - ein Begriff, der eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent umschreibt.

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Über die Endversion des Weltklimaberichts hatten Regierungsvertreter und Forscher seit Montag verhandelt. Dabei geht es traditionell darum, bestimmte Aussagen abzuschwächen oder eine solche Abschwächung zu verhindern. Die deutschen Regierungsvertreter waren Berichten zufolge beispielsweise mit dem Auftrag nach Stockholm gereist, zu verhindern, dass im Bericht von einer "Pause" in der Erderwärmung die Rede ist.

Tatsächlich ist bei der globalen Erwärmung eine Verlangsamung zu beobachten - das ist unstrittig. Die sogenannten Klimaskeptiker, hinter denen nicht selten Lobbygruppen stehen, nehmen diese Verlangsamung allerdings zum Anlass, das Ende des Klimawandels zu verkünden. Die Argumente sind immer die gleichen: Kohlendioxid sei gut für die Vegetation und habe keinen Einfluss auf das Klima, die Temperatur werde stärker von der Sonne beeinflusst.

In der Wissenschaft sind solche Positionen jedoch allenfalls ein Randphänomen. Am nun veröffentlichten ersten Teil des neuen Weltklimareports haben 259 Hauptautoren vier Jahre lang gearbeitet, unterstützt von Hunderten weiteren Forschern. Nach Angaben der UN-Klimachefin Christiana Figueres ist der neue Klimabericht "ein Weckruf". Die Skeptiker, die einen Klimawandel bestreiten, würden "gerade eine Schlacht verlieren", sagte die Leiterin des UN-Klimasekretariats.

Erwärmung verläuft nicht gradlinig

"Der Klimawandel macht keineswegs eine Pause", betont Guy Brasseur, einer der Hauptautoren des vergangenen Reports und Leiter des Climate Service Center in Hamburg. Die Erde nehme durch die Treibhausgase weiterhin viel Energie von der Sonne auf. "Nur erwärmt sie derzeit eben nicht so sehr die Luftschichten über dem Erdboden, sondern die Ozeane."

Ohnehin verläuft die Zunahme der Lufttemperatur nicht gradlinig, sondern ist Schwankungen unterworfen: Wer sich nur die Kurve der vergangenen 15 Jahre anschaut, wird denken, die globale Temperatur sinke. Im Verlauf der letzten 100 Jahre ist jedoch klar, dass die Erderwärmung beständig zunimmt.

Bei Klimaberechnungen betrachte man daher Änderungen innerhalb von 30 Jahren und nicht kurzfristige Schwankungen, erläutert Brasseur. "Ich glaube, im letzten Report haben wir solche Phänomene nicht klar gemacht. Das war ein Fehler von der Wissenschaft", räumt der Forscher ein.

Viele Fragen sind noch offen

Auch das schmelzende Eis von Gletschern und Polen nehme Wärme auf, und die Sonne strahle in einem eigenen Zyklus. Beides könne aber die derzeitige Abflachung im Temperaturanstieg der Luft nicht erklären, sagt Brasseur.

Klimaforscher räumen durchaus ein, dass noch viele Fragen offen sind. "Die großen Fragezeichen sind vor allem die Ozeane, aber auch die Wolken und die Staubteilchen in der Atmosphäre", sagt der Klimaforscher Ulrich Cubasch, Professor an der Freien Universität Berlin und einer der beiden Hauptautoren für die Einleitung des neuen Klimaberichts.

Die generelle Richtung der künftigen Erderwärmung habe sich aber auf jeden Fall bestätigt. Heute gebe es mehr Detailwissen, so dass der neue Report die Klimaerwärmung stärker auf Regionen herunterbrechen könne als der vergangene. "Wir machen ständig neue Hochrechnungen und berücksichtigen neue Daten, besonders von neuartigen Ozeanmesssonden und Satelliten", betont Cubasch. "Dass dann die Antworten von heute nicht dieselben sind wie vor 20 Jahren ist klar, denn sonst hätten wir uns ja die Arbeit sparen können."

Der vollständige Report erscheint an diesem Montag. Teil 2 und 3 des 5. Weltklimaberichts behandeln die Auswirkungen des Klimawandels und die politischen Möglichkeiten, ihn zu bremsen. Sie werden im Frühjahr 2014 in Japan und Berlin vorgestellt.

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Quelle: n-tv.de

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