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Susan Boyle, die als Sängerin durch eine britische Castingshow international bekannt wurde, leidet am Asperger-Syndrom.
Susan Boyle, die als Sängerin durch eine britische Castingshow international bekannt wurde, leidet am Asperger-Syndrom.(Foto: picture alliance / dpa)

Einzelgänger mit Spezialtalenten: Auch Asperger-Autisten sind einsam

Von Jana Zeh

Menschen mit Asperger-Syndrom, einer besonderen Form des Autismus, haben besondere Fähigkeiten und einen perfektionistischen Anspruch, können aber mit Gefühlen, Mimik und Gestik bei ihren Mitmenschen nichts anfangen. So die verbreitete Meinung. Warum diese nicht immer zutrifft und was sich Menschen mit Asperger-Syndrom wirklich wünschen, weiß die Expertin Barbara Rittmann.

Das Asperger-Syndrom ist eine anerkannte Behinderung.

Matthew Kolen hat das Asperger-Syndrom. Er benötigt mehr Zeit für sich als andere Jungen in seinem Alter.
Matthew Kolen hat das Asperger-Syndrom. Er benötigt mehr Zeit für sich als andere Jungen in seinem Alter.(Foto: Reuters)

"Das ist richtig", sagt Barbara Rittmann, Psychologin, Psychotherapeutin und Leiterin des Hamburger Autismus Instituts. "In Deutschland berechtigt die Diagnose grundsätzlich zur Anerkennung einer Schwerbehinderung." Wie hoch der Grad der Behinderung ist, wird von einem Gutachter für jeden Betroffenen individuell ermittelt. Das ist auch richtig so, denn es gibt bei allen Asperger-Autisten ein Spektrum der Beeinträchtigungen. "Es gibt Betroffene, die sehr angepasst und integriert in der Gesellschaft leben können. Manchmal haben diese sogar eine eigene Familie gegründet. Es gibt aber auch Menschen mit Asperger-Syndrom, die sehr isoliert leben, ohne Beruf sind, weder Familie noch Freunde haben und was Therapien und andere Hilfen angeht, sehr schlecht versorgt sind", erzählt Rittmann aus ihrer Praxis. Es gibt eine dritte Gruppe von Betroffenen, die sich dagegen wehren, als Menschen mit Behinderung wahrgenommen zu werden. Diese sind der Meinung, dass nicht sie die Probleme haben, sondern die Gesellschaft mit ihnen.

Menschen mit Asperger-Syndrom sind gern allein.

Das stimmt so allgemein nicht. Richtig ist aber, dass die meisten Asperger-Autisten mehr Zeit für sich benötigen als der Durchschnitt der Bevölkerung. "Ich glaube, dass es keinen Menschen mit Asperger-Syndrom gibt, der wirklich in erster Linie allein sein will. Meistens gibt es eine große Sehnsucht nach einem ihnen angemessenen Kontakt zu mindestens einer anderen Person", so die Expertin weiter. Es geht dann um die Sehnsucht nach einer Beziehung, die verlässlich über lange Zeit, aber nicht über lange zusammenhängende Zeiträume und auch nicht zu intensiv geführt werden kann. Sie wünschen sich, von dieser Person so angenommen und verstanden zu werden, wie sie sind. "Es kann sein, dass einige Betroffene der Überzeugung sind, so etwas nie erreichen zu können und aus einer Art Selbstschutz heraus behaupten, am liebsten allein zu sein", erklärt Rittmann.

Asperger-Autisten können Gesichtsausdrücke, Tonfall oder Körpersprache bei anderen nur unzureichend verstehen und einordnen.

Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom ist eine leichte Ausprägung des Autismus mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz. Erstmals 1944 wurde die tiefgreifende Entwicklungsstörung von dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger beschrieben und als "autistische Psychopathie" benannt.  Erst in den 1990er-Jahren wurde das Krankheitsbild als Asperger-Syndrom bezeichnet.

Das Krankheitsbild gehört zu den Autismus-Spektrum-Störungen, zu denen außerdem der frühkindliche Autismus und der Atypische-Autismus gezählt werden. Bei Asperger-Autisten treten oftmals motorische Auffälligkeiten auf. Ungeschicklichkeit, grob- und feinmotorische Koordinationsstörungen oder ungelenke Motorik werden bei Kindern mit Asperger-Syndrom vielfach beobachtet.

Betroffene haben zudem Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Das Asperger-Syndrom bezeichnet eine ausgeprägte Kontakt- und Kommunikationsstörung, die spätestens im Vorschulalter manifest wird. Betroffene Kinder sind oftmals isoliert, ecken häufig an und fallen aus schulischen Förderprogrammen heraus.

Richtig! Dieses Defizit ist ein zentraler Punkt der Asperger-Störung. Betroffene haben nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, Mimik, Tonfall oder Körpersprache bei ihren Mitmenschen wahrzunehmen. Aus diesem Grund können sie auch nicht darauf reagieren. Es fällt ihnen außerdem schwer, den  Augenkontakt über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Die vermeintliche Nichtreaktion auf starke Signale von Mitmenschen kann dazu führen, dass Asperger-Autisten als gefühlskalt oder gefühlsleer gesehen werden oder auch als kauzige Eigenbrötler ohne Herz. Im Kindesalter kommt es oftmals vor, dass sie von anderen Kindern gemieden, gehänselt oder sogar gemobbt werden. Aufklärung ist in solchen Fällen dringend nötig.

Menschen mit Asperger-Syndrom haben selbst gar keine Gefühle.

Das ist falsch und wohl aus der Tatsache entstanden, dass diese Menschen große Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu zeigen. Sie können darüber hinaus keine große Mimik zeigen und nur schlecht über ihre Gefühle reden. Dennoch toben manchmal die Gefühle in Asperger-Autisten. Sie haben allerdings keine Möglichkeiten, diese zum Ausdruck zu bringen und können oftmals nichts anderes tun, als sich dann zurückzuziehen. Zudem haben sie große Schwierigkeiten, die emotionalen und sozialen Signale ihrer Mitmenschen zu erkennen. Allerdings gibt es die Möglichkeit, das Erkennen dieser Signale sowie den Ausdruck der eigenen Gefühle zu lernen. Das ist für Menschen mit Asperger-Syndrom meist mit großem Aufwand verbunden und sie fühlen sich auch nach den Therapien immer noch unsicher im Umgang damit.

Menschen mit Asperger-Syndrom können mit Gefühlen bei anderen nichts anfangen.

Das stimmt nicht. Betroffene sind durchaus in der Lage Mitgefühl und Empathie zu entwickeln. Es ist wichtig, dass die Gefühle von ihrem Gegenüber so klar und eindeutig wie möglich benannt werden. "Menschen mit Asperger-Syndrom wünschen sich, dass man klar und direkt mit ihnen spricht. Dann können sie auch auf Gefühle bei anderen Menschen reagieren" so Rittmann.

Alle Asperger-Autisten haben einen perfektionistischen Anspruch.

Das stimmt nicht. Wahrscheinlich ist, dass es in ihrer Gruppe mehr Menschen mit perfektionistischem Anspruch gibt als im Rest der Bevölkerung. "Es gibt zwar einige, die sehr strukturiert Dinge angehen und für die Ordnung sehr wichtig ist. Das sind die Menschen, die Richtung Perfektionismus gehen. Genauso gibt es aber auch unter den Asperger-Betroffenen die kreativen Chaoten, die ganz viele Dinge anfangen und nichts zu Ende bringen", weiß Rittmann.

Menschen mit Asperger-Syndrom haben besondere Fähigkeiten

Für den elfjährigen Ryan ist es weniger anstrengend, allein zu spielen.
Für den elfjährigen Ryan ist es weniger anstrengend, allein zu spielen.(Foto: AP)

"Nicht in jedem Fall", betont Rittmann. Es sei zwar so, dass es unter allen Asperger-Betroffenen insgesamt mehr Hochbegabte gibt als im Rest der Bevölkerung. Trotzdem habe nicht jeder, der am Asperger-Syndrom leidet, auch automatisch eine oder mehrere herausragende Fähigkeiten. Auch eine sogenannte Inselbegabung, wie beispielsweise das fotografische Gedächtnis oder ein absolutes Gehör, sind bei Asperger-Autisten sehr selten. Allerdings sind sie zum großen Teil sehr sachbezogen, so dass es vielen leicht fällt, sich große Mengen an Fakten einzuprägen. Häufig ist auch zu beobachten, dass sich Betroffene bereits im Kindesalter bestimmter Themen zuwenden und ausgeprägte Kenntnisse darüber haben.

Für Kinder mit Asperger-Syndrom benötigt man spezielle Schulen.

Das stimmt nicht. Diese Kinder sind in allen Schulformen zu finden und können sich dort mehr oder weniger erfolgreich entfalten. Für Eltern geht es vielmehr darum, im ersten Schritt eine gesicherte Diagnose für das betroffene Kind möglichst schon im Vorschulalter zu bekommen, um sich dann als Eltern umfassend beraten zu lassen und schließlich eine geeignete Schule zu finden. In einem der nächsten Schritte sollten sich Eltern dann mit Lehrern und Erziehern beraten, um die weitere Vorgehensweise abzusprechen. Es ist sinnvoll, dass sich Lehrer und Erzieher, die mit Asperger-Kindern zu tun haben, weiterbilden. An manchen Schulen könnten auch Sonderpädagogen zum Einsatz kommen. Bisher wurde das Asperger-Syndrom bei vielen Betroffenen erst im Jugendalter festgestellt. Die frühe Diagnose ermöglicht einen angemessenen Umgang mit dem Anderssein, sowohl für Betroffene als auch für Angehörige und das Umfeld.

Menschen mit Asperger haben einen ausgeprägten Geruchs- und Hörsinn.

Das ist durchaus möglich. Es gibt Menschen mit Asperger-Syndrom, die Besonderheiten in ihrem Wahrnehmungsspektrum aufweisen. "Man kann bei Betroffenen sowohl Über- als auch Untersensibiliäten beobachten", so Rittmann. Sehr verbreitet ist die akustische Überreizung. Dabei ist nicht nur die Lautstärke ausschlaggebend, sondern auch die Anzahl an akustischen Eindrücken. Betroffene haben dann nicht die Möglichkeit, alles was sie hören, auf Prioritäten zu filtern. Eine Überreizung kann aber auch bei Körperkontakt, Gerüchen oder bei zu intensiven visuellen Eindrücken entstehen. Unterempfindlichkeiten können auftreten beim Kälte- oder Schmerzempfinden. Auch die sogenannte Gesichtsblindheit ist unter Asperger-Autisten verbreitet - Gesichter werden dabei nur mit Mühe voneinander unterschieden.

Matthew Kolen (l) umarmt seinen Bruder Russell zu dessen Geburtstag.
Matthew Kolen (l) umarmt seinen Bruder Russell zu dessen Geburtstag.(Foto: Reuters)

Menschen mit Asperger-Syndrom mögen keinen Körperkontakt.

Das trifft häufig zu! Mit Umarmungen, Küssen und anderen Arten von körperlicher Nähe kann die Mehrzahl dieser Menschen nichts anfangen. Die meisten nervt es und sie wehren solche Annäherungsversuche ab. Das geschieht vor allem dann, wenn diese nicht von ihnen selbst ausgehen. Dennoch gibt es auch unter Asperger-Betroffenen diejenigen, die eigene Familien gegründet haben und mit ihrem Partner zusammenleben  - und ihre Sexualität ausleben können.

Das Asperger-Syndrom wird vererbt.

Lange Zeit ging man davon aus, dass das Asperger-Syndrom durch das Erleben traumatischer Zustände entsteht. Heute wird Vererbung als wahrscheinlicher angesehen. Aber auch Schädigungen des Gehirns vor und während der Geburt werden als Ursache in Betracht gezogen. Eine gesicherte Grundlage für die Entstehung des Syndroms kann bisher nicht genannt werden. Es ist aber nachweisbar, dass deutlich mehr Männer als Frauen diese Diagnose gestellt bekommen. Doch auch hier weiß man nicht, wo genau die Ursache dafür liegt. Es könnte sein, dass sich Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom unauffälliger verhalten als Jungen und Männer, dass sie zudem ihr Verhalten besser kontrollieren können und aus diesen Gründen seltener die Asperger-Diagnose gestellt bekommen.

Das Asperger-Syndrom ist nicht heilbar.

Richtig! Allerdings kann Betroffenen und ihren Angehörigen mit verschiedenen Therapieformen geholfen werden. "Je früher man mit einer Therapie einsetzt, desto besser kann sich ein Mensch mit Asperger-Syndrom mit seinen Defiziten in der Gesellschaft zurechtfinden", sagt Rittmann. Ganz wichtig ist jedoch, die gesamte Familie in die Therapie einzubeziehen, zu unterstützen und aufzuklären. So können auch Eltern lernen, ihr Kind nicht zu überfordern und seine Eigenheiten zu akzeptieren. Das hilft den Kindern sehr, später ein erfülltes und zufriedenes Leben zu führen. Die Therapien können so erfolgreich sein, dass die Betroffenen als Erwachsene gar nicht mehr auffallen. Allerdings bedeutet das soziale Leben die größte Anstrengung für Betroffene - und das ein Leben lang.

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Quelle: n-tv.de