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Verschiedene Süßmacher.
Verschiedene Süßmacher.(Foto: imago stock&people)

Schlank- oder Krankmacher?: "Finger weg von Süßstoffen"

Von Jana Zeh

Beim Thema Süßstoffe scheiden sich die Geister: Es gibt die Befürworter, denen Kalorien sparen über alles geht und es gibt die Ablehner, die den künstlichen Süßmachern prinzipiell misstrauen. Als drittes gibt es die Verbraucher, die gar nicht wissen, dass sie Süßstoffe zu sich nehmen. Die Wissenschaft hat keine eindeutige Antwort zu Wirkungen von Süßstoffen im menschlichen Körper. Es gibt einige Fakten und reichlich Mythen zu dem Thema.

Süßstoffe sind gesünder als normaler Zucker.

Acceptable Daily Intake

Acceptable Daily Intake (ADI) ist die englische Bezeichnung für die erlaubte Tagesdosis (ETD) einer bestimmten Substanz, die bei lebenslänglicher Einnahme als medizinisch unbedenklich betrachtet wird.

Sie wird in Milli- oder Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag angegeben. Ein ADI-Wert von 20 mg/kg würde also bedeuten, dass man 20 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag zu sich nehmen könnte, ohne gesundheitliche Schäden erwarten zu müssen.

Die Werte werden durch Fütterungsversuche an Ratten und Mäusen erhoben. Den Versuchstieren wird die zu untersuchende Substanz in unterschiedlich hohen Dosen angeboten oder zwangsverfüttert. Werden bei den Tieren schädigende Wirkungen erkannt, wird die ermittelte Dosierung durch den Sicherheitsfaktor 100 für den Menschen dividiert. Das Zusammenwirken verschiedener Lebensmittelzusatzstoffe kann dabei nur teilweise berücksichtigt werden.

Falsch, denn weder Zucker noch Süßstoffen kann man den allgemeinen Stempel "gesund" aufdrücken. Wie bei allem, was man seinem Körper zuführt, ist es auch bei Zucker und Süßstoffen eine Frage der Dosis. In Bezug auf die Gesunderhaltung der Zähne kann man die Frage jedoch eindeutig mit "richtig" beantworten. Süßstoffe spielen bei der Kariesbildung nämlich keine Rolle, denn die Bakterien, deren Abbauprodukte die Zahnoberfläche angreifen, können mit Süßstoffen nichts anfangen. Wie sich allerdings Süßstoffe auf den Rest des Körpers auswirken, kann bisher nicht eindeutig gesagt werden. Aus diesem Grund existiert eine Tageshöchstdosis (ADI), die in der Europäischen Union (EU) vom Gesetzgeber vorgegeben ist.

Süßstoffe sind süßer als herkömmlicher Zucker.

Richtig! Allen Süßstoffen gemein ist ihre hohe Süßkraft. Aspartam ist beispielsweise 200 Mal süßer als Zucker. Neotam hat sogar eine bis zu 13.000-fache Süßkraft im Vergleich zu herkömmlichem Zucker, der aus Zuckerrüben gewonnen wird. Mischungen aus verschiedenen Süßstoffen können die Süßkraft der Stoffe sogar potenzieren. Aus diesem Grund können Süßstoffe nicht genauso wie Zucker verwendet werden. Zu große Mengen Süßstoff können nicht nur zum Übersüßen, sondern auch zu unangenehmem Geschmack führen.

Süßstoffe helfen beim Abnehmen.

"Die meisten Menschen verwenden Süßstoffe als 'Schlankheits-Helfer', weil sie denken: Süßstoffe machen süß, aber nicht dick, weil sie ja keine Kalorien enthalten. Doch das ist ein Trugschluss: Bislang liegt keine seriöse wissenschaftliche Studie vor, die die Bedeutung von künstlichen Süßstoffen für das langfristige Abnehmen oder Schlankhalten bewiesen hat", sagt Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler und Autor in einem Gespräch mit n-tv.de. Dafür gibt es andere Erkenntnisse der Wissenschaft: Viele Studien lassen vermuten, dass Süßstoffe den Stoffwechsel des Körpers durcheinanderbringen. Sowohl Studien an Mäusen und Ratten als auch viele Beobachtungen bei Menschen weisen auf mögliche ungünstige Effekte hin: So konnte in einer aktuellen Untersuchung israelischer Forscher festgestellt werden, dass Süßstoffe die Darmflora und damit den Zuckerstoffwechsel verändern. Labormäuse legten nach Süßstoffkonsum an Gewicht zu. Darüber hinaus zeigte Anfang 2015 eine "Kohortenstudie" der Universität von Texas, dass der Bauchumfang US-amerikanischer Senioren mit der Zahl konsumierter Light-Getränke anstieg. Ernährungswissenschaftler Knop hält einen klaren Rat bereit: "Finger weg von Süßstoffen, denn ein Nutzen ist nicht bewiesen, dafür stehen die Kunstsüßer als Dick- und Krankmacher unter Verdacht!"

Ob Süßstoff oder Zuckeraustauschstoff, ist doch alles das Gleiche.

Süßstoffe

Süßstoffe sind Zuckerersatzstoffe mit erheblicher Süßkraft und sehr wenigen Kalorien. Sie werden deshalb vor allem in Diät- oder Light-Produkten verwendet. Alle Süßstoffe werden synthetisch hergestellt, nur bei den Ausgangsstoffen unterscheidet man zwischen chemischer und natürlicher Herkunft.

Alle Süßstoffe sind von ihrer chemischen Struktur her in der Lage, an die Geschmacksrezeptoren im Mund anzudocken. Manchmal werden Süßstoffe mit Zuckeraustauschstoffen wie Fructose, Sorbit oder Xylit verwechselt.

Falsch! Süßstoffe sind etwas anderes als Zuckeraustauschstoffe. Beide gehören zu den Lebensmittelzusatzstoffen und sind deshalb zulassungs- und kennzeichnungspflichtig (E und eine dreistellige Zahl). Süßstoffe sind künstliche Verbindungen mit hoher Süßkraft. Sie sind kalorienfrei und kommen vor allem in Light-Produkten zum Einsatz. Zuckeraustauschstoffe - neun sind derzeit in der Europäischen Union (EU) zugelassen - sind natürliche Kohlenhydrate wie Fruktose oder Sorbit mit geringerer Süßkraft als Süßstoffe. Sie haben weniger Kalorien als herkömmlicher Haushaltszucker und werden unter dem Begriff Zuckerersatzstoffe zusammengefasst.

Nicht jeder verträgt Süßstoffe.

Zu dieser Aussage gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung, die die Behauptung bestätigt oder widerlegt. Fakt ist, dass auf Produkten mit bestimmten Zuckeraustauschstoffen (siehe oben) der Vermerk "Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken" aufgedruckt sein muss. Für Produkte, denen Süßstoffe zugesetzt sind, gibt es diese Vorgabe nicht. Verbraucher berichten in Foren allerdings immer wieder darüber, dass sie auch nach dem Konsum von Süßstoffen mit Beschwerden wie Völlegefühl, Blähungen und Durchfällen zu tun haben. Manchmal wird sogar von einer Süßstoffunverträglichkeit berichtet.

Süßstoffe verändern den Geschmack.

Auch zu diesem Thema fehlen wissenschaftliche Untersuchungen, so dass man keine eindeutige Antwort darauf geben kann. Fakt ist, dass Süßstoffe von ihrer chemischen Struktur her in der Lage sind, an die Geschmacksrezeptoren im Mund anzudocken. Fakt ist auch, dass das Geschmacksempfinden mit der Zeit abstumpfen kann - und das nicht nur bei süßen Geschmäckern. Das bedeutet, je öfter man Süßes isst, umso süßer müssen Nahrungsmittel oder Getränke in Zukunft sein, um sie als süß genug wahrzunehmen. Wer darauf Wert legt, auch im Alter einen feinen Geschmack zu besitzen, der sollte schon früh im Leben auf sehr Süßes, sehr Scharfes oder sehr Salziges und vorsichtshalber auch auf Süßstoffe verzichten oder solche Dinge nur selten essen.

Süßstoffe sind nur etwas für Diabetiker.

Falsch! Der Bundesrat beschloss 2010 auf Empfehlung der Fachgesellschaften und des Bundesinstitutes für Risikobewertung, die "spezifischen Anforderungen an Diabetiker-Lebensmittel" zu streichen. Das bedeutet, ab 2012 musste die Produktion von Lebensmitteln für Diabetiker eingestellt werden. Alle Nahrungsmittel mit dem Hinweis "Für Diabetiker geeignet" verschwanden aus den Regalen. Der Grund dafür: Experten konnten keinen Nutzen der mit Zuckerersatzstoffen versetzten Nahrungsmittel für Diabetiker feststellen. Hersteller mussten sich neue Kunden suchen und setzten auf zuckerfreie und kalorienarme Wellness- oder Light-Produkte, die jeder Mensch kaufen und konsumieren kann. Auch wenn sich die Hersteller mit der Zugabe der vielfach eingesetzten Süßstoffmischungen an die täglich erlaubte Tagesdosis halten, ist es für Verbraucher von Light-Produkten nicht möglich, herauszubekommen, wie viel jedes einzelnen Süßstoffes sie zu sich nehmen. Wer also Light-Produkte bevorzugt, läuft tatsächlich Gefahr, mehr als die erlaubte Dosis am Tag an Süßstoffen zu sich zunehmen.

Stevia ist ein natürlicher Süßstoff und damit viel besser als andere Süßstoffe.

Stevia ist der jüngste zugelassene Süßstoff.
Stevia ist der jüngste zugelassene Süßstoff.(Foto: imago stock&people)

Falsch! Stevia ist die neueste Errungenschaft auf dem Markt der Süßstoffe und mittlerweile in vielen kalorienreduzierten Nahrungsmitteln zu finden. Auch wenn die Grundsubstanz aus einer Pflanze stammt, ist Stevia-Süßstoff dennoch kein Naturprodukt mehr. Das Pulver, das es im Supermarkt zu kaufen gibt, ist genauso wie das, was in der Produktion verwendet wird, ein synthetischer Süßstoff mit dem Namen Steviosid und der Lebensmittelzusatzstoffkennung E960. Das rund 300 Mal süßer als Zucker schmeckende Pulver wird in einem chemischen Verfahren gewonnen. Die erlaubte Tagesdosis pro Kilogramm Körpergewicht liegt bei 4 Milligramm und damit am unteren Ende aller zehn in der EU zugelassenen Süßstoffe. Wer allerdings Stevia-Pflanzen im Garten oder auf dem Balkon hat und die Blätter als Süßstoff im Tee verwendet, der süßt natürlich - und weiß relativ schnell, wann er zu viel davon verwendet, denn dann kippt der Geschmack.

Süßstoffe sind gut für die Zähne.

Nicht ganz richtig, denn Süßstoffe als "gut oder gesund" für die Zähne zu bezeichnen, ist übertrieben. Die Kunstsüßer ohne Kalorien enthalten auch keine Kohlenhydrate. So sind die Bakterien im Mund zwar nicht in der Lage, Süßstoffe wie Kohlenhydrate zu sauren Abbauprodukten umzuwandeln, die den Zahnschmelz angreifen könnten. Süßstoffe senken so lediglich das Kariesrisiko, wirken sich aber nicht schützend  auf die Zähne aus. Wer glaubt, dass süßstoffhaltige Light-Produkte das Zähneputzen ersparen, der irrt. In vielen kalorien- oder zuckerreduzierten Nahrungsmitteln sind nicht nur verschiedene Süßstoffe, sondern auch Zuckeraustauschstoffe, die Kohlenhydrate beinhalten. Durch diese wird Karies begünstigt. Zudem besteht eine ausgewogene Ernährung auch aus kohlenhydrathaltigen Nahrungsmitteln.

Süßstoffe gelangen ins Grundwasser.

Richtig! Acht der zehn in der EU zugelassenen Süßstoffe werden im Körper nicht abgebaut. Der Süßstoff wird vom Darm und damit vom Körper nicht aufgenommen. So wie er verzehrt wird, so wird er auch wieder ausgeschieden. Süßstoffe sind biologisch nicht abbaubar. In Klärwerken ist es nicht möglich, sie herauszufiltern. So gelangen sie nicht nur in Flüsse und Seen, sondern auch ins Trinkwasser. Welche Konsequenzen das hat, kann nicht vorhergesagt werden. Mehr Forschung für Mensch und Umwelt ist dringend nötig.

Quelle: n-tv.de