Wissen
Tokio-Yokohama ist die größte Metropolregion der Welt. Auf einer Fläche von 13.556 Quadratkilometern leben dort 37,5 Millionen Menschen.
Tokio-Yokohama ist die größte Metropolregion der Welt. Auf einer Fläche von 13.556 Quadratkilometern leben dort 37,5 Millionen Menschen.(Foto: picture alliance / dpa)

Stress in the City: Große Stadt, kranke Seele

Von Ina Brzoska

Schizophrenie, Psychosen, Depressionen - in den Metropolen dieser Welt erkranken immer mehr Menschen daran. Kein Wunder. Forscher finden heraus, dass die Großstadt unser Gehirn verändert. Wer in einer Metropole geboren wird und mit ihr verwachsen ist, hat gute Chancen, ein Großstadtneurotiker zu werden.

Bilderserie

Es gibt gute Gründe, aus Dörfern und Kleinstädten zu fliehen: Meist sind es fehlende berufliche Perspektiven, oft auch Eintönigkeit oder Gartenzwerge in den Vorgärten. Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat die Verstädterung der Welt dramatisch zugenommen. Lebte vor 60 Jahren noch weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung in Metropolen, ist es heute mehr als die Hälfte. Bis 2050, schätzen Experten, werden es sogar 70 Prozent sein. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Urbanisierung zu den größten Veränderungen zählt, die die Menschheit je durchgemacht hat.

Diese Entwicklung hat ihren Preis: Studien belegen, dass das Leben in der Großstadt die seelische Gesundheit belastet – etliche schwere psychische Erkrankungen treten hier verstärkt auf: Deutsche Großstädter beispielsweise leiden bis zu 40 Prozent häufiger an Depressionen; die Quote der Angststörungen ist um rund 20 Prozent erhöht. Noch dramatischer steigt das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken.

Je größer die Stadt, umso gefährdeter der Geist

"Besonders betroffen sind Menschen, die in einer Stadt zur Welt kamen und dort ihre frühe Kindheit verbracht haben", sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. Anonymität in der Masse, Lärm und Hektik, instabile familiäre Verhältnisse: All das sind Belastungen, mit denen Städter fertig werden müssen.

Das menschliche Gehirn

Angst: Die Amygdala, deutsch Mandelkern, ist an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung möglicher Gefahren. Eine Zerstörung der Amygdala führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen.

Nähe und Distanz: Für das menschliche Zusammenleben sind die Mandelkerne essenziell. Sie sorgen dafür, dass wir uns unwohl fühlen, wenn uns ein anderer Mensch zu nahe kommt. Wie stark der Mandelkern unser Empfinden von Nähe und Distanz beeinflusst, zeigt die Arbeit des Biologen Daniel Kennedy vom California Institute of Technology: Kennedy hatte 2009 das Verhalten einer Frau untersucht, deren Mandelkerne nicht funktionierten – mit erstaunlichem Ergebnis: Sie wusste zwar, dass ihren Mitmenschen zu viel körperliche Nähe unangenehm ist, spürte dies jedoch selbst nicht. In einem Distanztest rückte sie ihren Mitmenschen sehr viel näher als andere und schrak vor Berührungen selbst nicht zurück.

Stress und Wohlbefinden: Neurowissenschaftler können dank neuer Bildgebungsverfahren wie der Magnetresonanztomographie neuronale Netzwerke der Angst darstellen. Sie vergleichen die Hirntätigkeit bei Depressiven mit der von gesunden Probanden. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Neurotransmitter Serotonin. Er ist ein wichtiger Botenstoff des Körpers und wird auch als Glückshormon bezeichnet. Serotonin, das unter anderem in Blutplättchen (Thrombozyten), in bestimmten Zellen des Magen-Darm-Traktes und in Nervenzellen hergestellt wird, reguliert Körpertemperatur, Appetit, Schlaf und unsere Stimmung. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein niedriger Serotonin-Spiegel Stress, Aggression und schlechte Laune verursacht.

Belastbare Studien gab es bisher kaum. Bei Tieren konnte aber nachgewiesen werden, dass der Serotoninspiegel massiv sinkt, wenn man sie früh sozial isoliert. Mäuse beispielsweise reagierten enthemmt und überempfindlich auf bedrohliche Reize. Relativ sicher sind sich Psychiater, dass Menschen, die in einer Stadt geboren und aufgezogen wurden, doppelt so häufig an Schizophrenie erkranken. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gefahr für den Geist mit der Größe der Stadt wächst.

Für den dahinterstehenden Mechanismus lieferte das Team um Andreas Meyer-Lindenberg erstmals Belege: Die Forscher rekrutierten psychisch gesunde Probanden, die entweder im ländlichen Raum oder in einer Großstadt aufgewachsen waren. Im Labor waren die Teilnehmer sozialen Stresstests ausgesetzt. Sie mussten Rechenaufgaben lösen und wurden dabei mit permanentem negativen Feedback unter Druck gesetzt. Die Aufsichtspersonen – Forscher in weißen Kitteln – täuschten Verärgerung vor, wenn die Probanden zu langsam oder falsch rechneten oder schlechter abschnitten als ihre Vorgänger.

Die Hirnareale, die in der Stresssituation aktiviert waren, hatten die Wissenschaftler im Lauf des Tests per Magnetresonanztomographie im Blick. Je nachdem, wie stark die urbane Erfahrung der Teilnehmer war, zeigten sich unterschiedliche Ausprägungen in der Amygdala, einem Kerngebiet des Gehirns, das Teil des limbischen Systems ist, und in einem Teil der sogenannten "präfrontalen" Gehirnrinde. "Besonders der präfrontale Kortex sprach umso mehr auf den sozialen Stress an, je mehr Lebenszeit die Probanden in der Kindheit in Städten verbracht hatten", sagt Meyer-Lindenberg.

Das Fazit der Forscher: Wer in der Stadt aufgewachsen ist, zeigt unter Stress eine ähnliche Aktivität in bestimmten Hirnregionen wie Menschen, die aufgrund einer genetischen Disposition anfällig für Schizophrenie sind. Die Großstadt hat einen bisher wohl unterschätzten Einfluss auf uns Menschen: Sie verändert unser Gehirn.

Architektur kann krank machen

Doch welche Belastungen -  neben Lärm und Luftverschmutzung - sind es, die Menschen in die Depression treiben? Ricky Burdett ist Urbanismusforscher an der London School of Economics (LSE). In interdisziplinären Teams aus Soziologen, Architekten, Stadtplanern und Medizinern beschäftigt er sich mit der Frage, wie gesund oder krank uns Großstädte machen. Burdett und seine Teams haben Befragungen in allen großen Metropolen durchgeführt, von Berlin über Sao Paulo bis Mumbai. "Jede Stadt reagiert mit ganz unterschiedlichen Modellen auf den wachsenden Zuzug", sagt Burdett. Über Sao Paulo kreisen die Helikopter, weil Angestellte dem Verkehrschaos auf den Straßen entgehen wollen, Bogota pflastert Fahrradwege, damit Eltern ihre Kinder rechtzeitig zur Schule bringen können, London pflegt unzählige kleine Parks und Vorgärten, um den Bewohnern ein Stück Natur zurückzugeben, in New York oder Paris werden Hochhäuser bepflanzt.

Bilderserie

"Hochhaussiedlungen in China und Indonesien beispielsweise gelten als besonders effizient", sagt Burdett. Sie beherbergen Millionen Menschen, gewährleisten jedem Bewohner einen schnellen Zugang zu Transportmitteln oder Einkaufsmöglichkeiten. Doch dann steht die Gesellschaft plötzlich vor der Herausforderung, dass Menschen reihenweise depressiv werden, und dann erst wird nach den Ursachen gefragt. Burdett fordert, dass der psychischen Gesundheit ein viel größerer Stellenwert auch bei Architekten und Stadtplanern eingeräumt werden müsse. "Leider wissen wir noch viel zu wenig darüber, was Städte mit uns Menschen machen", sagt Burdett.

Bringen Menschen die Probleme mit?

Welche Faktoren am städtischen Leben Stress im Gehirn verursachen, ist noch äußert unklar und muss noch genauer erforscht werden. Wissenschaftler gehen davon aus, dass auch individuelle Aspekte wie Alter, Einkommen oder das aktuelle psychische und physische Befinden Einfluss nehmen. Es könnte auch sein, dass Menschen mit psychosozialen Problemen die Anonymität der Großstadt suchen und ihre Probleme mitbringen.

Gesunde Städte brauchen laut Burdett vor allem eines: Platz für Vielfalt und Zufälligkeit. "Die Leute wünschen sich den Bummel am Fluss, sie erholen sich im kleinen Park um die Ecke, sie müssen die Möglichkeit haben, am kulturellen und sozialen Leben teilzuhaben", sagt Burdett. Unweit der eigenen Haustür müsse jeder Stadtbewohner das Leben an sich vorbeiziehen sehen, jeder brauche die Möglichkeit, daran teilhaben zu können.

Bilderserie

Einig sind Forscher sich darin, dass Menschen sehr unterschiedlich mit dem Stadtleben zurechtkommen. Manche blühen in New York auf, andere würden es mit Freuden gegen eine einsame Insel oder die Land-Idylle tauschen. Viel hängt eben auch von einem ganz bestimmten Gefühl ab: dem Eindruck, das eigene Leben im Griff zu haben.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen