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Diese Utensilien zum Bau einer Bombe wurden im Jahr 2012 bei einem polnischen Wissenschaftler gefunden - er soll einen Bombenanschlag gegen führende Politiker des Landes geplant haben.
Diese Utensilien zum Bau einer Bombe wurden im Jahr 2012 bei einem polnischen Wissenschaftler gefunden - er soll einen Bombenanschlag gegen führende Politiker des Landes geplant haben.(Foto: imago stock&people)

Sprengstoff aus dem Online-Handel: Wie einfach ist es, Bomben zu bauen?

In Brüssel töten Terroristen mit Bomben Dutzende Menschen. Wie einfach ist es für Terrorzellen, derart tödliche Sprengsätze herzustellen? Darüber sprach n-tv.de mit Martin Härtel, als Chemiker an der Universität München auf "Homemade Explosives" spezialisiert, also Sprengstoffe aus frei erhältlichen Grundstoffen.

n-tv.de: Das Terrornetzwerk in Belgien und Frankreich hat bei den Anschlägen in Paris Sprengstoffwesten verwendet, die sogenanntes TATP oder Triacetontriperoxid als Sprengstoff verwendeten. Erneut könnte dieser Stoff bei den Anschlägen in Brüssel zum Einsatz gekommen sein. Was ist das Besondere an dem Sprengstoff – und warum ist er bei Terroristen beliebt?

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Martin Härtel: TATP lässt sich direkt aus frei erhältlichen Grundchemikalien in einfacher Weise herstellen. Man benötigt keine aufwändigen Apparaturen und kein chemisches Verständnis. Es kann zudem nur wenig schiefgehen bei der Herstellung. Bezüglich seiner Leistungsfähigkeit ist TATP anderen Sprengstoffen aber deutlich unterlegen und relativ flüchtig.

Ist es möglich, auf legale Weise in Deutschland die Zutaten für eine TATP-Bombe zu erwerben?

Bei einem großen deutschen Online-Versandhändler finden Sie alles, was man für TATP und leistungsfähigere Sprengsätze benötigt. Es bleibt die Frage offen, ob man mit solch einer Bestellung ohne Hausdurchsuchung davonkommt.

Was braucht man an Material, um TATP herzustellen? Reichen dafür Utensilien, wie sie in Baumärkten zu kaufen sind?

Ich möchte keine Syntheseanleitung für TATP liefern, aber alles, was man benötigt, findet man zu Hause in der Küchenausstattung.

Wie einfach ist es für jemand ohne Vorkenntnisse, eine tödliche Bombe zu bauen?

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Mir ist ein Fall bekannt, bei dem ein anfänglicher Laie ohne chemische Vorbildung einen sehr leistungsfähigen Sprengsatz in Alleinarbeit gebastelt und damit einen großen Terroranschlag erfolgreich durchgeführt hat (Anders Breivik in Oslo; Anmerkung der Redaktion). Im Grunde genommen ist jeder in der Lage, einen Sprengsatz zu bauen und zu zünden. Dafür gibt es genügend Videobeweise im Netz. In dem erwähnten Fall wurden ANFO-Sprengstoffe (Ammonium Nitrate Fuel Oil) eingesetzt.

Auch für diese ANFO-Sprengstoffe sind die benötigten Rohstoffe - Düngemittel und Heizöl - leicht und legal zu besorgen. Wie einfach sind solche Bomben herzustellen?

Die Düngemittel sind nicht direkt für die Verwendung als Sprengstoff geeignet und müssen dafür erst bearbeitet werden. Zudem ist es nicht so einfach, diese Gemische zu zünden. Sie benötigen für einen Sprengsatz immer einen Zünder und eine Hauptladung. Für die relativ unempfindlichen ANFO-Sprengstoffe benötigt man einen leistungsfähigen Zünder, dessen Herstellung ein tiefergehendes chemisches Verständnis erfordert.

Was ist der Unterschied in der Handhabung von beiden Sprengstoffen? Wie gefährlich sind sie für den, der sie herstellt?

Das sind zwei völlig unterschiedliche Sprengstoffe. TATP ist unter bestimmten Umständen in der Lage, von sich aus zu detonieren. Kondensiertes TATP ist wesentlich empfindlicher als das Rohprodukt aus der Synthese. Wer mit TATP hantiert, riskiert definitiv seine körperliche Unversehrtheit und unter Umständen sein Leben. ANFO muss durch spezielle Zünder zur Detonation gebracht werden und ist in Abwesenheit dieser relativ ungefährlich.

Welche Arten von Sprengstoffen sind für Terroristen besonders interessant?

Terroristen interessieren sich im Falle der Eigensynthese von sogenannten "Homemade Explosives" für Sprengstoffe, die folgende Eigenschaften erfüllen: Die Grundmaterialien müssen einfach zugänglich sein, es soll möglichst wenige und einfache Syntheseschritte bis zum fertigen Sprengstoff geben, der Sprengstoff soll eine gute Zündfähigkeit haben und eine relativ sichere Handhabbarkeit - man möchte sich ja nicht schon bei der Synthese ins Jenseits befördern.

Mit Martin Härtel sprach Kai Stoppel

Quelle: n-tv.de

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