"Massive Mitnahmeeffekte"E-Prämie macht Autoexperten fassungslos
Von Christina Lohner
Eine neue Kaufprämie soll den Hochlauf der Elektromobilität beschleunigen. Branchenkenner erwarten stattdessen, dass der Staat draufzahlt.
Nachdem die Bundesregierung das Aus des Verbrenner-Aus mit durchgesetzt hat, soll nun eine neue Kaufprämie den Absatz von E-Autos ankurbeln. Auch von dieser Idee der schwarz-roten Koalition sind Branchenkenner alles andere als begeistert. Sie erwarten vor allem eins: Mitnahmeeffekte, die die Steuerzahler teuer zu stehen kommen. Bei Frank Schwope löst das "Kopfschütteln, wenn nicht Fassungslosigkeit" aus, wie der Lehrbeauftragte für Automotive Management an der Fachhochschule des Mittelstands Köln ntv.de sagt.
Auch Stefan Bratzel hätte überhaupt keine Prämie aufgelegt, "und schon gar nicht das, was man jetzt vorhat", sagte der Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach im Gespräch mit ntv.de. "Das wird ein großes Strohfeuer erzeugen" - also keine nachhaltige Förderung der Elektromobilität.
Je nach Einkommen, Familienstand und anderen Kriterien sollen die Zuschüsse 1500 bis 6000 Euro betragen, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Die Details wollte die Regierung eigentlich an diesem Freitag vorstellen, verschob den Termin aber kurzfristig auf kommenden Montag. Offensichtlich ist sich die Koalition mal wieder nicht einig. Einig sind sich Autoexperten allerdings in ihrer scharfen Kritik. "Ökonomisch macht eine Förderprämie keinen Sinn", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research in Bochum. Schwope sieht es genauso: "Man hätte sich mehr wirtschaftlichen Sachverstand gewünscht."
Profitieren dürften die Hersteller
Die drei Experten rechnen mit enormen Mitnahmeeffekten - "von Autokäufern, die sowieso den Kauf eines Autos geplant haben, genau so wie schon bei der Abwrackprämie 2009", so Schwope. "Steuergelder werden unnötig verprasst, die Regierung schmeißt mit dem Geld der Steuerzahler um sich."
Profitieren dürften vor allem die Hersteller: Nach Dudenhöffers Prognose werden die Autobauer ihre zuletzt hohen Rabatte kürzen, im Dezember betrugen diese demnach gut 19 Prozent. Der Preisabstand zwischen Verbrennern und Elektroautos war nach Dudenhöffers Berechnungen im vergangenen Monat auf durchschnittlich nur noch 1340 Euro zurückgegangen - Tendenz weiter sinkend.
Sinken werden nach Bratzels Prognose nun infolge der Kaufprämie die Restwerte von gebrauchten Elektroautos. Er hätte stattdessen das Laden staatlich gefördert, "beispielsweise ein oder zwei Jahre kostenfreies Laden an öffentlichen Ladesäulen bis zu einer bestimmten Kilometerzahl". Möglich wäre das etwa durch eine Ladekarte mit Guthaben bei Versorgern.
Soziale Komponente "schleierhaft"
"Das hätte auch einen deutlich sozialeren Aspekt, weil die niedrigeren Einkommensgruppen eher öffentlich laden müssen als die höheren, die eine Garage mit Wallbox haben", gibt Bratzel zu bedenken. Die für die Prämie geplante Einkommensgrenze von 80.000 Euro zu versteuerndem Haushaltsjahreseinkommen pro Jahr hält er für zu hoch, da das durchschnittliche Haushaltseinkommen mit etwa 65.000 Euro brutto zuletzt deutlich darunter lag. Dabei will insbesondere die SPD kleine und mittlere Einkommensgruppen fördern. "Wie hier das sozialpolitische Motiv zum Tragen kommen soll, ist mir schleierhaft", sagt Bratzel. Schwope hält die Einkommensgrenze ebenfalls für "viel zu hoch".
Der bürokratische Aufwand der geplanten Lösung ist in Bratzels Augen ebenfalls zu hoch. Dabei ist die Elektromobilität laut den Branchenexperten inzwischen ohnehin ein Selbstläufer. Der Anteil reiner E-Autos an den Neuzulassungen lag im vergangenen Jahr bei knapp einem Fünftel, im Dezember bei 22 Prozent. "Die Förderung ist längst nicht mehr nötig", meint Schwope.
Nicht einmal einen positiven Effekt auf die Arbeitsplätze in Deutschland sieht Dudenhöffer. Beim Kauf von Oberklassenmodellen ändere eine Prämie von einigen Tausend Euro "wenig bis gar nichts", wohl aber bei günstigeren Autos. Diese werden allerdings vor allem im Ausland produziert. Auch Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit wird seiner Einschätzung nur noch schlechter. Damit werde "am wichtigsten Problem" vorbeigegangen.
Nachdem die Ampel-Koalition die vorherige Kaufprämie abrupt beendet hatte, waren die Verkäufe von E-Autos deutlich eingebrochen. Auch diesmal gilt der Kaufanreiz nicht unbegrenzt, insgesamt stehen drei Milliarden Euro zur Verfügung. "Die Mittel reichen für geschätzt 800.000 Fahrzeuge in den nächsten drei bis vier Jahren", sagte Umweltminister Carsten Schneider der "Bild". Schwope hält das für eine Fehlkalkulation, das Geld wird seiner Prognose nach maximal zwei Jahre lang reichen. "Nach Auslaufen der Prämie wird es wieder zu einem massiven Einbruch des Elektroautomarktes kommen wie schon im Dezember 2023."