Panorama

Bertelsmann-Kita-Studie Kindererziehung muss mehr wert sein

imago0093359888h.jpg

Gleiche Chancen für alle - davon ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt.

(Foto: imago images / Stefan Trappe)

In Politikerreden sind Kinder unser wertvollstes Gut, unsere Zukunft. Und trotzdem scheint es nicht möglich zu sein, diese wertvolle "Ressource" vernünftig zu behandeln, zu erziehen, auszubilden. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt diese Annahme mit bedenklichen Fakten.

Viele Kitas in Deutschland können ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt umsetzen. Dies geht aus dem Ländermonitoring "Frühkindliche Bildungssysteme" und einer zeitgleich veröffentlichten Studie der Fernuniversität in Hagen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Das Ergebnis - ernüchternd: Trotz des Ausbaus der Kita-Plätze und der Investitionen in zusätzliches Personal sind die Bedingungen für die pädagogische Arbeit vielerorts noch immer unzureichend. Außerdem sind in einem Großteil der Kitas die Personalschlüssel und die Gruppengrößen nicht kindgerecht. Hier ist zwar ein Lichtblick zu verzeichnen - bei den Personalschlüsseln flacht das Qualitätsgefälle zwischen den Bundesländern langsam ab - jedoch ist das Qualifikationsniveau in den Bundesländern noch immer sehr unterschiedlich.

Noch immer sind grundsätzliche Veränderungen nötig, betont Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung. Aus ihrer Sicht sind das die Erzieher-Ausbildung oder ein entsprechendes Studium. "Ohne gut ausgebildete Fachkräfte geht es gar nicht, für die Zukunft ist diese Frage zentral. Die Bedingungen müssen attraktiver werden, und man bräuchte eine Gesamtstrategie auf der politischen Ebene. Gegen den bestehenden Personalmangel muss man mit allen zusammenarbeiten, um die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zu verbessern." Und sie fügt an: "Die Bezahlung, die Unterstützung und Beratung - auch berufsbegleitend - muss gefördert werden. Außerdem muss eine Karriereentwicklung möglich sein, damit das Interesse bei jungen Leuten für den Erzieher-Beruf nicht nur geweckt wird, sondern auch bestehen bleibt."

Die geringe Bezahlung der Erzieher ist ein Dauerthema in der frühkindlichen Bildung. Stein hat jedoch trotz der Coronakrise kein besonderes Umdenken bemerkt. "Bei den Eltern ist die Wertschätzung noch weiter gestiegen", lacht sie, "bemerkbare Konsequenzen sind jedoch nicht vorhanden, weder in der Bezahlung noch bei den Rahmenbedingungen."

*Datenschutz

Bundesweit war der Personalschlüssel am 1. März 2019 für insgesamt 1,7 Millionen Kita-Kinder nicht kindgerecht. Für 74 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand somit nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. In Ostdeutschland betraf dies 93 Prozent der Kinder, in Westdeutschland 69 Prozent. Und das, obwohl das Fachpersonal im Osten der Republik deutlich besser ausgebildet ist.

Brauchen einen langfristigen Stufenplan

Noch immer ist der große Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland eklatant, sowohl in der Bezahlung als auch in der Ausbildung. "Die Bezahlung ist Träger-abhängig, alle Bundesländer zahlen Zuschüsse nach Tarif. Das Niveau im Osten ist aber besser, weil wir dort mehr ausgebildete Erzieher haben, in den westlichen Bundesländern sind es deutlich häufiger Assistenzkräfte", erläutert Stein. Bayern hat davon am meisten (37 Prozent), in den östlichen Bundesländern sind es im Durchschnitt 2 Prozent. Bremen und Baden-Württemberg haben die besten Personalschlüssel, Mecklenburg-Vorpommern hat den schlechtesten.

fraistein.PNG

Anette Stein forscht an der Bertelsmann-Stiftung über frühkindliche Bildung.

Das hat historische Gründe: 16 Bundesländer, 16 Systeme. "Im Osten war es ja schon immer üblicher, dass Kinder betreut wurden, dort ging es vor allem darum, DASS die Kinder betreut werden, nicht WIE. Das Thema Bildung ist natürlich sehr in den Vordergrund gerückt mittlerweile, aber ich betone ausdrücklich, dass sich die Qualität trotz des gesteigerten Quantitätsbedarfs nicht verschlechtert hat. Aber eben leider auch nicht verbessert", so Stein. "Was wir dringend brauchen, ist ein langfristiger Stufenplan, wo die Reise hingehen soll." Sie betont: "Wir müssen mit einem Bündnis aus Bund, Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften arbeiten, gemeinsam attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen schaffen, eine angemessene Bezahlung durchsetzen und berufsbegleitend Unterstützungs- und Beratungsstrukturen anbieten." Außerdem wäre es ratsam, wenn Kita-Personal durch Hauswirtschafts- und Verwaltungskräfte entlastet werden würde.

Im bundesweiten Durchschnitt kam 2019 rein rechnerisch eine Fachkraft auf 4,2 Kinder in Krippengruppen, in Kindergartengruppen waren es 8,8 Kinder. Und das, obwohl sich die Lage im Vergleich zu 2013 durchaus verbessert hat: Damals lag in Krippengruppen der Personalschlüssel noch bei 1 zu 4,6 und in Kindergartengruppen bei 1 zu 9,6. Ideal aber wären in Krippengruppen drei Kinder pro Fachkraft und in Kindergartengruppen maximal 7,5. Dass die reale Personalsituation häufig noch mal eine andere ist, liegt auf der Hand: Urlaubszeiten, unbesetzte Stellen oder fort- und weiterbildungsbedingte Abwesenheiten der Fachkräfte gestalten den Kita-Alltag noch schwierigerer.

Die Defizite haben durchaus Folgen für die betreuten Kinder. "Das bedeutet für die Kinder und auch das Fachpersonal übermäßigen Stress, etwa durch Lautstärke, was wiederum dazu führen kann, dass entwicklungsangemessene Aktivitäten nicht ausreichend durchgeführt werden können", schätzt Stein. Derzeit sind bundesweit über die Hälfte aller amtlich erfassten Kita-Gruppen zu groß.

Viele Eltern denken zunehmend darüber nach, ihre Kinder gar nicht mehr in die Kita oder den Kindergarten zu bringen, sondern selbst zu betreuen. Für die Expertin ist das keine gute Idee. "Kinder selbst zu betreuen, ist sicher nicht die Lösung, auch wenn man den Wunsch verstehen kann", gibt Stein zu bedenken. Denn das Risiko einer niedrigeren Bildungsqualität steigt und es gibt keine Aussicht auf bundeseinheitliche Qualifikationsstandards für das Personal. In Ostdeutschland gibt es zwar mehr und besser ausgebildetes Personal - der Anteil der Erzieherinnen und Erzieher ist mit 82 Prozent um 16 Prozentpunkte höher als in den westdeutschen Bundesländern (66 Prozent). Aber - die Bildungschancen hängen nach wie vor vom Wohnort ab, 2013 lag die größte Differenz zwischen Bremen und Mecklenburg-Vorpommern: Eine Fachkraft auf drei Kinder im Vergleich zu einer Fachkraft für sechs Kinder. Diese Quote hat sich zwischen den Bundesländern seit 2013 um rechnerisch mehr als ein Kind verringert.

Der dringende Appell der Bildungsexperten an Bund und Länder lautet: Auch wenn in den vergangenen Jahren schon viel für die Kitas getan wurde - es reicht noch nicht. Gute pädagogische Arbeit für Kinder geht nur mit zusätzlichen Mitteln und braucht eine angemessene und dauerhafte Finanzierungsbeteiligung.

Quelle: ntv.de