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Oldtimer oder Daily Driver Das Schnäppchen mit dem H-Kennzeichen

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Der Mercedes-Benz "Autokurier" aus dem Jahr 1936 und ein VW Golf II GTI aus den 1980er Jahren.

(Foto: Collage Daimler/VW hpr)

Jedes 100. in Deutschland zugelassene Auto ist ein Oldtimer. Und es werden mehr. Die 30-Jahres-Regel macht es möglich. 1997 wurde sie erlassen, um fahrendes Kulturgut zu sichern. Unterdessen wird genau das für viele zum preiswerten Alltagsfahrzeug. Und das neben immer schärferen Umweltvorgaben für Neuwagen.

Im Durchschnitt ist laut Kraftfahrt Bundesamt ein Fahrzeuge in Deutschland etwa zehn Jahre im Besitz eines privaten Halters. Nach dieser Zeit wird der Wagen in der Regel gewechselt. Das muss aber unterdessen kein Neuwagen mehr sein. Ein jüngerer Gebrauchter kommt mit Blick auf die Preise ebenso in Frage wie ein echter Oldtimer.

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So stellt man sich gemeinhin einen Oldtimer vor.

(Foto: Zusa)

Mit dem für die EU im Jahr 1997 erlassenen Gesetz, dass alle Fahrzeuge, die das Alter von 30 Jahren erreicht haben, als Oldtimer eingestuft werden können, eröffnet sich seit einigen Jahren ein richtiger Boom. Allein im kommenden Jahr werden knapp 100 Fahrzeugmodelle dieses Alter erreicht haben. Und dabei geht es schon lange nicht mehr darum, dass ein Oldtimer eine lukrative Wertanlage ist. Für einen Großteil der Besitzer der in Deutschland zugelassenen 595.046 Oldtimer sind die inzwischen keine Geldanlage mehr, sondern Alltagsfahrzeug und Sparstrumpf.

Oldtimer unterdessen vollwertige Fahrzeuge

Und das in mehrerlei Hinsicht: Fahrzeuge, die am Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre erstmals zugelassen wurden, haben zwar, was Spielereien wie Touchscreens, Sprachsteuerung oder Head-up-Displays betrifft, nichts zu bieten, aber sie befinden sich technisch auf einem Stand, der auch heute in vielen Belangen Gültigkeit hat. Nehmen wir als Beispiel den Golf II. Mit dem Modelljahr 1989 hatten alle Fahrzeuge ab 70 PS ein serienmäßiges Fünfganggetriebe. Hinzu kamen gegen Aufpreis eine Servolenkung, elektrische Fensterheber, Anti-Blockier-System (ABS) und eine Zentralverriegelung. Wer wollte, konnte zusätzlich für das reine Umweltgewissen auch noch einen geregelten oder ungeregelten Katalysator dazubestellen. Wenig später gab es den dann in Serie. Bedenkt man nun, dass Ende 2021 der Golf III, der erstmals mit Airbags fuhr, die 30 Jahre knackt, wird ein solches Auto eben nicht für Sammler, aber vielleicht für Sparfüchse attraktiv.

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Ende 2021 werden die ersten Golf III nach der 30-Jahre-Definition Oldtimer.

(Foto: VW)

Und tatsächlich findet der Suchende in den einschlägigen Online-Börsen einen Golf III aus erster Hand, zugelassen im Dezember 1991, mit 111.000 Kilometern auf der Uhr und 90 PS für schlanke 2990 Euro und neuem TÜV. Damit würde der Proband nicht nur die Vorgaben erfüllen, sich im Verkehr bewegen zu dürfen, sondern auch die, die die Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV) im Paragraf 2, Nummer 22 für Oldtimer definiert. Oldtimer sind demnach nämlich "Fahrzeuge, die vor mindestens 30 Jahren erstmals in Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen". Na, und dem soll mal einer bei einem VW Golf widersprechen.

Trotz Umbauten ein Oldtimer

Nun ist das Alter nicht das einzige Kriterium, das ein Auto zum Oldtimer macht und den Besitzer damit berechtigt, ein H-Kennzeichen zu beantragen. Eine weitere Voraussetzung ist die, dass es sich in einem "gepflegten originalen oder originalgetreuen Zustand befindet und so den Geist der damaligen Zeit widerspiegelt". Kein Problem bei einem 90 oder 75 PS starken Golf. Anders als der GTI oder der 204 PS leistende 2,8 VR6 hat man an diese Fahrzeuge, was das Tuning betrifft, eher selten Hand angelegt. Und selbst wenn: Sind diese Maßnahmen ebenfalls vor 30 Jahren durchgeführt wurden, gelten sie als eine Art Zeitzeugnis und können nicht die Vergabe des H-Kennzeichens verhindern. Auch der in den 80er und 90er Jahren beliebte Motortausch bei einem Opel Kadett D wäre also absolut legitim. Der fährt dann nicht mehr mit dem lahmen 1,2-Liter-Benziner, sondern zum Beispiel mit dem stärkeren 1,6-Liter-Motor.

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Das GTI-Treffen am Wörthersee, seit Jahrzehnten ein Mekka für die Fans.

(Foto: VW)

Und noch ein Vorteil tut sich auf: Während die Abgasanforderungen für Neufahrzeuge mit Verbrenner immer anspruchsvoller werden, darf der Oldtimer ordentlich was aus dem Endrohr blasen. Denn es gilt Folgendes: Wenn Oldtimer mit Benzinmotor nach dem 1. Juli 1969 zugelassen wurden, müssen sie genau wie Dieselfahrzeuge, die nach dem 1. Januar 1977 ihre Zulassung bekamen, regelmäßig zur Abgasuntersuchung. Aber die dort angelegten Kriterien unterliegen eben nicht den aktuellen Anforderungen an die Abgasreinigung, sondern denen, die zur Zeit der jeweiligen Erstzulassung gültig waren. So darf ein Golf III mit 90 PS Benzinmotor auch heute noch einen CO2-Ausstoß von 197 g/km haben. Nur zum Vergleich: Ab 2021 wurde der Grenzwert bei Neuzulassungen auf durchschnittlich 95 g/km festgelegt. Nicht jedes Auto muss den Wert erreichen, es geht hier vielmehr um den Flottengrenzwert – der Durchschnitt aller in der EU in einem Jahr zugelassenen Autos einer Marke soll den Wert nicht überschreiten.

Der Wohnmobil-Oldtimer

Entsprechend den damaligen Anforderungen an die Technik sieht der CO2-Ausstoß bei anderen Fahrzeugtypen aber nicht besser aus. Eher schlechter. Noch mieser fällt die Bilanz bei entsprechend großen Fahrzeugen wie zum Beispiel Wohnmobilen mit Dieselmotoren aus. Doch gemäß der fünfunddreißigsten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes Anhang 3, Nummer 10, dürfen Fahrzeuge dann ohne vorgeschriebene Kennzeichnung in Umweltzonen einfahren, wenn sie als Oldtimer gemäß nach dem schon erwähnten Paragraf 2, Nummer 22 der Fahrzeug-Zulassungsverordnung gelten und über ein amtliches Kennzeichen nach Paragraf 9 der Verordnung über die Zulassung von Fahrzeugen zum Straßenverkehr verfügen. Oder kurz; mit H-Kennzeichen, auch wenn sie nicht über die vorgeschriebene Feinstaubplakette verfügen. Umwelttechnisch müsste man hier mit Blick auf die seit Jahren anhaltende Diskussion über den Selbstzünder von einer Katastrophe sprechen. Macht man aber nicht, denn das Oldtimer-Gesetz hebt diese Fahrzeuge in den Stand des Kulturguts und befreit sie damit per se von der Unterstellung, eine "Dreckschleuder" zu sein.

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Der Mercedes-Benz 230 E (W 123) ist schon seit einigen Jahren ein Oldtimer.

(Foto: Mercedes)

Aber nicht nur, dass man sich das schlechte Gewissen mit dem Oldtimerstatus versüßen kann - man kann unter Umständen auch noch Geld. Eine Oldtimer-Versicherung ist in der Regel billiger als eine reguläre Kfz-Versicherung. Vorausgesetzt der Versicherer geht davon aus, dass der Oldtimer eher eine Geldanlage als ein Gebrauchsgegenstand ist, was zum Beispiel das Unfallrisiko immens senkt. Einige Versicherer beschränken die Laufleistung für Oldtimer auf 6000 bis maximal 10.000 Kilometer pro Jahr, was dann allerdings die tägliche Nutzung deutlich einschränken dürfte. Hinzu kommt ein Mindestalter des Fahrers und die Festlegung, dass das Fahrzeug nur privat und nicht beruflich genutzt werden darf. Ein Beispiel: Für einen Mercedes 230 E Baujahr 1984 mit einem aktuellen Wert von 3800 Euro beläuft sich der Jahresbeitrag der Haftpflichtversicherung auf etwa 52 Euro. Und das gilt auch, wenn das Fahrzeug kein H-Kennzeichen hat. Die Beiträge zur Teil- und Vollkasko orientieren sich am Marktwert des Fahrzeugs. Während die Haftpflichtversicherung verpflichtend ist, ist die Wahl einer Kaskoversicherung für den Oldtimer optional.

Oldtimer dürfen überall hin

Wer am Ende dann aber ein H-Kennzeichen für sein mindestens 30 Jahre altes Auto haben möchte, um eine günstige Kfz-Steuer zu bekommen, der muss sein Fahrzeug einer Prüfung bei Tüv, GTÜ, Küs oder Dekra unterziehen und sich dort ein entsprechendes Zertifikat ausstellen lassen. In der Regel kostet das Gutachten je nach Fahrzeugart zwischen 80 und 200 Euro. Kann man das vorlegen, zahlt man momentan jährlich lediglich eine Steuer von 191,73 Euro. Für Oldtimer ohne H-Kennzeichen ist hingegen weiterhin der Hubraum maßgeblich für die Berechnung der Kfz-Steuer, was wiederum deutlich teurer werden kann und es ist möglich, dass man mit der regulären Abgaseinstufung 00 nicht mehr in die Umweltzonen der Städte einfahren darf.

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Die Peugeot 106 die im Jahr 1991 zugelassen wurden, werden 2021 ebenfalls Oldtimer.

(Foto: Peugeot)

Am Ende schlagen natürlich zwei Herzen in der Brust eines Fahrers. Mit Blick auf den Alltagsnutzen und die möglichen Ersparnisse ist so ein Oldtimer als Daily Driver mehr als attraktiv. Auch die Diskussion der Nachhaltigkeit mit Blick auf die jahrzehntelange Nutzung ist gut nachvollziehbar. Wer aber die wogende Umweltdebatte, das drohende Fahrverbot für Autos viel jüngeren Datums, mit deutlich effizienteren Motoren und einem erheblich geringeren Schadstoffausstoß einbezieht, könnte auf die Idee kommen, dass eine Änderung der 30-Jahres-Regel durchaus sinnvoll wäre. Denn das, was noch mit Blick auf das Jahr 1967 im Jahr 1997 eine Rarität war, ist eben aus heutiger Sicht keine mehr. Von einem Golf III zum Beispiel wurden von 1991 bis 1997 fast 4,7 Millionen Exemplare verkauft. Selbst ein Peugeot 106, der ebenfalls 1991 auf den Markt kam, wurde fast 2,8 Millionen Mal verkauft. Klar, dass diese Fahrzeuge auch nach 30 Jahren in entsprechenden Stückzahlen unterwegs sind.

Auch angesichts der Tatsache, dass unterdessen jeder 100. Pkw in Deutschland als Oldtimer angemeldet ist, Tendenz steigend, sollte die Zeitspanne überdacht und die Begrifflichkeit vielleicht neu definiert werden. Denn bei immer steigenden Neuwagenpreisen, einer wirklich nicht für jedermann praktikablen Elektromobilität und dem Gedanken, Fahrzeuge mit Verbrennern seitens der Politik einfach zu verbieten, könnte die Zahl an Oldtimern im Straßenbild weiter zunehmen. Was per se nicht schlimm wäre, aber die gesetzten Umweltziele der Bundesregierung doch konterkarieren würde. Obgleich, was an CO2-Ausstoß bei Oldtimern nicht gemessen wird, zählt ja auch nicht!

Quelle: ntv.de