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Ein Sportwagen für alle Glas 1700 GT - auf ein flottes Gläschen

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Bis heute ist der zierliche Sportler in Form des Glas 1700 GT ein Hingucker.

(Foto: Patrick Broich)

Es war Andreas Glas, der es sich auf die Fahne geschrieben hatte, einen bezahlbaren Sportwagen in Deutschland zu bauen. Mit dem Glas GT ist ihm das im Jahr 1964 bravourös gelungen. Noch heute erfreut der kleine Bolide aus Dingolfingen mit seiner rohen, ungefilterten Direktheit.

In den frühen 1960er Jahren war es in Deutschland schlecht bestellt um bezahlbare Sportwagen heimischer Provenienz - man musste entweder auf britische oder italienische Produkte ausweichen oder deutlich mehr Geld für Boliden aus dem Hause BMW oder Porsche ausgeben. Diese Lücke wollte Andreas Glas, Juniorchef der Hans Glas GmbH seinerzeit schließen und kreierte mit Hilfe von Karosseriebauer Frua ein attraktives Coupé.

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Ungefiltert dröhnt der Vierzylinder aus dem schmalen Endrohr des Glas 1700 GT.

(Foto: Patrick Broich)

Und so war die Modelllandschaft ab 1964 um einen erschwinglichen Sportwagen reicher, nämlich um den Glas GT. Der zierliche Sportler, der mit einer Länge von 4,05 Meter im heutigen Kleinwagen-Segment fahren würde, ist in der Tat ein Hingucker. Seine Kombination aus kurzem Heck und langer, flacher Schnauze erzeugt Sexappeal, die kleine Hutze auf der Motorhaube lässt ahnen, dass der 1,7-Liter-Vierzylinder bei Bedarf tief durchatmen kann.

Die übrigen Verkehrsteilnehmer durften sich gewarnt fühlen, und das gilt noch viel mehr, wenn der Sportler im zeittypischen Bonbonorange vorfährt. Das gut sortierte rollende Museum des Einbecker PS-Speichers macht es möglich, auf automobile Zeitreise zu gehen, um nachvollziehen zu können, wie sich 100 PS vor 56 Jahren angefühlt haben.

Keine Mühen gescheut

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Auch der Glas 1700 GT nutzt die typische Silhouette eines Coupés, um seine Sportlichkeit zu unterstreichen.

(Foto: Patrick Broich)

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn der zeitgenössische 1700 GT tummelte sich in einem Verkehrsraum, in dem die meisten Teilnehmer mit weit unter 50 PS Vorlieb nehmen mussten. Glas spendiert seinem soundstarken Treibsatz eine obenliegende Nockenwelle, was in diesem Preissegment eine Ansage war. Um die Kosten dieses modernen Motors zu kompensieren, dirigiert ein Zahnriemen die Ventile und eben keine Steuerkette. Glas scheut die Kosten, aber nicht die Mühen schickt die Fahrgestelle über die Alpen nach Turin und lässt sie dort einkleiden, bevor sie wieder nach Bayern transportiert werden. Klingt aufwendig, war aber machbar, weil die Lohnkosten in Italien günstiger waren als hierzulande.

Genug der Theorie jetzt geht es hinters Steuer. Der Glas GT sitzt stramm, aber fühlt sich nicht wirklich eng an. Vielleicht täuscht dieser Eindruck aber auch einfach, weil man sich auf die schicken Instrumente konzentriert, die aus nicht weniger als sechs mechanischen Präzisionsmessgeräten bestehen. Hier erfährt man etwas über den Öldruck, die Temperaturen von Schmiermittel und Kühlwasser. Klar, über Drehzahl, Tempo und Tankfüllstand informieren die Rundskalen auch. Doch es ist nicht nur die Fülle an Infos, die fasziniert, sondern auch die Darbietungsform: Das Ensemble aus den chromumrandeten Skalen präsentiert sich akkurat integriert in den elegant gebogenen Instrumententräger, der in seiner Anmut nicht hinter dem eines damals mehr als doppelt so teuren Ferrari 275 zurückstehen muss.

Launiger als die Werksangaben

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Die Instrument im Glas 1700 GT sind sehr schick hinter einem großen Lenkrad verpackt.

(Foto: Patrick Broich)

Dass der Dingolfinger nur mit einem Drittel von dessen Zylindern auskommen muss, macht gar nichts, ist schnell vergessen, wenn die 1700er-Drehmaschine einmal in ihrem Element ist. Und hier treffen 100 Pferdchen auf schmale 850 Kilogramm Leergewicht, da geht es vorwärts. Der Vierzylinder hängt gut am Gas, nachdem er Betriebstemperatur erreicht hat und steigt die Tonleiter kongruent zur Drehzahl hinauf. Das alte Glas-Coupé ist viel launiger, als die schnöde Werksangabe von zwölf Sekunden bis Landstraßentempo vermuten lässt.

Sechzigerjahre-Autos fahren einfach roher, ungefiltert und erfrischend direkt. Ein bisschen skurril wirkt das große Lenkrad für ein Auto dieses Kalibers, aber es erleichtert das Rangieren in der Stadt ungemein - Servolenkung? Natürlich nicht. Dabei treibt es den Glas GT gen Landstraße, man möchte den kleinen Sportler mit seinem Hinterradantrieb beherzt um die Ecken schmeißen, aber muss sich immer wieder ein bisschen einbremsen. Schließlich soll das neuwertige Museumsstück ja heil wieder ins Depot.

Vergaloppiert und in die Knie gezwungen

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Nach der Übernahme von BMW wurde aus dem Glas 1700 GT der BMW 1600 GT.

(Foto: Patrick Broich)

Auf der Straße trifft man den sportiven Gran Turismo heutzutage eher selten, mit knapp 7000 Einheiten war er auch nie ein Massenauto, wobei der Verkauf seinerzeit gut anlief. Doch Deutschlands einstiger kleinster Autobauer mit Fließbandfertigung hat sich vergaloppiert mit seiner properen Modellpalette, die zeitweise gar das Angebot des Volkswagen-Konzerns übertrumpfte. In die Knie gezwungen, wurde der Hersteller ein Übernahmekandidat für die bayerischen Motorenwerke, die die Produktion in Dingolfing übrigens bis heute betreiben.

So endete die Glas GT-Karriere im ersten Schritt, indem er im Jahr 1967 zunächst auf BMW 1600 GT umgelabelt wurde und den Motor aus dem 1600 TI erhielt sowie statt der Starr- eine Schräglenker-Achse hinten. Äußerlich machen die BMW-Niere sowie die Rückleuchten aus der BMW 02-Reihe auf die späten Modelle aufmerksam. Der zweite Schritt folgte schnell, denn bereits ein gutes Jahr später war die GT-Ära Geschichte. Die bis heute erhaltenen Exemplare dürften hingegen noch lange leben.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x