Auto

Borgwards großer Wurf Goliath GP 900 E - unpopulärer Luxus der 50er

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Der Goliath GP 900 E war mit seinen 4,05 Meter nicht größer als der um Längen populärere VW Käfer, was auch am Preisunterschied gelegen haben könnt.

(Foto: Patrick Broich)

Die Goliath GP-Baureihe hat Fünfzigerjahre-Charme pur. Schade, dass dieser kleine, feine Hersteller des rasch untergegangenen Borgward-Imperiums nie viel Popularität erlangen konnte. Doch eine Ausfahrt im fast schon luxuriösen GP 900 E mit Benzin-Direkteinspritzung zeigt, dass hier Potenzial war.

Autos aus den Fünfzigerjahren wollen größenmäßig nicht so recht in das heutige Klassen-Raster passen. Nach aktuellem Verständnis unter der Annahme des ständigen Wachstums müsste der Goliath GP fast schon der mittleren Kategorie angehören. Mit einer Außenlänge von 4,05 Metern war er damals allerdings eher kompakt unterwegs, analog zum gleich großen Volkswagen Käfer.

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Mit seinen 40 PS war der Goliath GP 900 E ganz bestimmt kein Rennwagen.

(Foto: Patrick Broich)

Ein schönes Beispiel übrigens dafür, dass die Autos nicht zwingend immer fülliger werden - stattdessen wachsen sie phasenweise und schrumpfen ebenso phasenweise wieder. Doch einer Sache kann man sich sicher sein - die Mobilität mit dem Auto war vor siebzig Jahren wesentlich beschwerlicher als heute. Und da ist nicht etwa die Rede von fehlenden Assistenzsystemen oder einer Klimaanlage - geschenkt.

Wer in den Fünfzigern mit dem Auto unterwegs war, freute sich über ganz grundsätzliche Dinge. Beispielsweise, dass die Scheiben bei feuchter Witterung nicht beschlugen oder dass die häufig mickrig ausgeführten Scheibenwischer überhaupt die Wassermassen bewältigten. Oder, noch banaler, dass man überhaupt halbwegs problemlos das Getriebe bedienen konnte. Unsynchronisierte Schaltgetriebe waren mitunter ganz schön zickig und stellten eine Hürde für ungeübte oder talentärmere Autofahrer dar: Doppeltes Kuppeln und im richtigen Moment die passende Drehzahl parat halten, war und ist einfach nicht jedermanns Sache.

Eine individualistische Wahl

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Das synchronisierte Vierganggetriebe des Goliath GP 900 E erfreute den Fahrer schon in den 50er Jahren.

(Foto: Patrick Broich)

Und jetzt kommt Goliath mit einem kompakten Auto um die Ecke, dessen Ingenieure mal eben eine Direkteinspritzung installiert haben. Das Benzin-Luft-Gemisch direkt in den Zylinder spritzten zu dieser Zeit eigentlich nur die beiden Mercedes-Modelle 300 SL oder 300 SC und der Gutbrod Superior - also kann man sich vorstellen, wie spektakulär das eigentlich war. So richtig skurril wird es aber erst, wenn man bedenkt, dass der gerade mal knapp 900 Kubikzentimeter große Goliath-Motor wie der Gutbrod ein Zweizylinder-Zweitakter ist - das will gedanklich nicht so recht zur innovativen Einspritzanlage passen. Außerdem nutzt Goliath ein schwaches Bordnetz mit sechs Volt Spannung - seinerzeit üblich, aber nicht eben fortschrittlich.

Doch genug der Fakten, der Einspritzer will schließlich ge- und vor allem erfahren werden. Also reingesetzt in den recht großzügig geschnittenen Wagen und den Zündschlüssel gedreht. Rängdängdängdäng schallt es durch den luftigen Innenraum, wenn das 40 PS starke Mini-Kraftwerk seine Arbeit aufnimmt und eine markante blaue Fahne produziert, die durch das dünne Auspuff-Endröhrchen entweicht. Goliath GP 900 E statt Käfer war damals eine ziemlich individualistische Wahl - vielleicht ungefähr so, als würde man heute einen DS4 dem Golf vorziehen. Nur der Preisunterschied hatte sich gewaschen. Vor allem ein GP 900 E mutet mit seinem Grundpreis von knapp 6000 Mark deutlich exklusiver an als ein schöner Käfer, der im Jahr 1957 gerade einmal zwischen 3790 und 4600 Mark kostet. Dazu passt auch die optionale Zweifarbigkeit des GP 900 E - mit 120 Mark extra abgegolten. Wirklich erfolgreich war insbesondere das Goliath-Spitzenmodell nicht, nur etwas mehr als 8000 Exemplare verließen seiner Zeit das Band.

In zehn Stunden von Bremen nach Stuttgart

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Der 900 Kubikzentimeter große Goliath-Motor ist ein Zweizylinder-Zweitakter.

(Foto: Patrick Broich)

Als Werner Buck 1955 einen GP 700 E für die Fachzeitschrift "Auto, Motor und Sport" testete, überführte er ihn persönlich von Bremen nach Stuttgart. Es gelang ihm innerhalb von zehn Stunden und mit einem einzigen Tankstopp, den 29 PS-Goliath durch Starkregen und über verschneite Straßen ins Ländle zu befördern. So weit wurde der auf 40 PS erstarkten Neunhunderter aus dem Einbecker PS-Speicher natürlich nicht entführt und auch nicht so lange, aber für einen ordentlichen Fahreindruck hat es gereicht.

Wer mit dem Gedanken spielt, auch einen raren Goliath GP anzuschaffen, sollte wissen, dass er sich wirklich spielend einfach fahren lässt. Vor allem das synchronisierte Viergang-Getriebe rastet zumindest bei durchgewärmten Öl geschmeidig - es macht mächtig Spaß, den Hebel am Lenkrad fleißig durch die Gassen zu schieben. Allerdings: Ein bisschen Feingefühl schadet nicht. Laune macht auch das Motörchen. Natürlich sind 40 PS (und der GP 900 E war ja schon das Spitzenmodell) nicht gerade die Welt, aber erstens wiegt der Bremer nur etwas mehr als 900 Kilogramm. Und zweitens stellt man sich bei einem siebzig Jahre alten Fahrzeug gedanklich auf zähe Fortbewegung ein.

Fast ein bisschen Quirlig

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Um die angegeben 120 km/h Spitzengeschwindigkeit zu erreichen braucht der Goliath GP 900 E einen Augenblick.

(Foto: Patrick Broich)

Aber nein, der Goliath fühlt sich sogar ein bisschen quirlig an, hängt ganz ordentlich am Gas und scheint in munterer Art und Weise Geschwindigkeiten zu erreichen, mit denen man ohne Probleme Überland-Etappen bestreiten kann. Dass sich dieser Eindruck natürlich eher aus den ganz schön lauten Fahrgeräuschen speist, tut der Gaudi keinen Abbruch. Erst wenn erste ungeduldige Verkehrsteilnehmer energisch überholen, weiß man den Goliath dynamisch wieder einzuordnen. Für die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h braucht der Goliath wirklich viel Anlauf, und jedes Tempo schon ab 100 km/h fühlt sich atemberaubend schnell an.

Abgesehen von der wenig ausgeprägten Fahrdynamik, was auch charmant ist, hat der Kompakte wirklich Züge aus der Oberklasse. Die manifestieren sich beispielsweise in den soliden Metall-Armaturen oder den eleganten, chromumrandeten Rundskalen mit Tankfüllstand und Zeituhr, wie sie italienische Sehnsuchtsautos aus dieser Zeit kaum ästhetischer darbieten. Armlehnen vorn und hinten sowie gar ein Aschenbecher im Fond sind nur ein paar in aller Kürze aufgezählte Luxusfeatures dieser Zeit. Und wem die Ponton-Limousine zu schlicht war, konnte auf ein schickes Coupé oder gar Cabriolet zurückgreifen. Beides Kategorien, die heute im Kompaktsegment so gut wie nicht mehr zu finden sind.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x

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