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Gestrenger Renault Latitude Grau-schwarze Alternative

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Offensive in der Oberklasse: Renault nimmt einen neuen Anlauf.

Mit dem Latitude melden sich die Franzosen wieder in der oberen Mittelklasse zurück. Das neue Modell bietet nicht nur eine sehr vollständige Ausstattung, sondern auch einige Überraschungen.

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Reichlich Ausstattung bringt der Latitude mit.

Es ist fast wie zu Henry Fords Zeiten. Sein T-Modell konnten Kunden ab 1908 zwar in jeder Farbe bestellen. Allerdings nur, wenn sie schwarz war. Auch fehlten weitere Optionen auf der Preisliste des Topsellers. Der Kunde bekam, was der Hersteller baute. Renault hat sich die Verkaufsstrategie des Amerikaners vor 100 Jahren anscheinend genauer angeschaut und für sein neues Modell Latitude in Deutschland ein ähnliches Konzept erdacht: Die Wahlmöglichkeiten beim Franzosen beschränken sich auf eine Metalliclackierung in grau und schwarz sowie drei Motoren. Auch gibt es das Fahrzeug nicht zu kaufen, zumindest nicht für Barzahler. Um den Viertürer zu erwerben, müssen ihn Kunden leasen oder mieten, ab 399 Euro im Monat für den Basisantrieb, für vier Jahre und einer maximalen Laufleistung von 40.000 Kilometer. Inkludiert sind dabei Wartung und Garantie. Dafür ist die Limousine aber auch, anders als das damalige T-Modell, vollständig ausgestattet.

Wer sich auf die ungewohnte Bevormundung einlässt, wird verwöhnt. Im Vergleich zum 23 Zentimeter kürzeren Laguna bietet der Latitude nicht nur einen deutlich längeren Radstand und damit mehr Platz im Innenraum, sondern auch einige Features, die es sonst in keinem anderen Renault-Modell gibt. Dazu gehören vordere Komfortsitze mit Massagefunktion, schwarze Ledersitze, Rückfahrkamera, Drei-Zonen-Klimaautomatik, Luftionisierer sowie einen Parfümzerstäuber. Nicht nur Liebhaber von am Innenspiegel hängenden Duftbäumen dürften darüber erfreut sein. Dezent eingestellt, kann man den Geruch der sechs zur Wahl stehenden Düfte sogar über eine längere Fahrt ertragen. Zum sauber verarbeiteten Innenraum mag diese Spielerei dennoch nicht passen. Der Latitude ist eher schlicht gezeichnet, als verspielt oder gar flippig. Die Materialien wirken hochwertig, aber nicht edel. Vollständig überzeugend ist dafür das Platzangebot mit dem großen Raumgefühl, vor allem für die Fondpassagiere, die ihre Beine weit ausstrecken können. Der 4,89 Meter lange Latitude misst zwischen den Achsen 2,76 Meter. Das Kofferraumvolumen von 477 Liter überzeugt, ebenso wie die Möglichkeit, lange Gegenstände unterzubringen in dem man die Lehnen der Fondsitze umklappt. Dagegen sollte das Gepäck nicht allzu breit sein: die Öffnung ist recht schmal, systembedingt durch das gestufte Heck. Praktischer wäre hier eine Heckklappe.

Komfort zu Lasten der Lenkung

Speziell für den asiatischen und südeuropäischen Raum drei Jahre lang entwickelt, rollt der Latitude in Korea vom Band und ist baugleich mit dem Samsung SM5. Das Fahrwerk wurde bewusst komfortabel abgestimmt. Der Renault schluckt große Bodenwellen, pendelt aber leicht nach. Darunter und unter der gefühllosen Lenkung leidet der Fahrkomfort. Denn das Lenkrad ist selbst bei Geradeausfahrt ständig im Einsatz. Die Abstimmung passt aber zu den drei angebotenen Motoren. Neben dem trägen 2,0-Liter Benziner von Nissan mit 103 kW/140 PS und manuellem Sechsgang-Getriebe bieten die Franzosen einen hubraumgleichen Diesel mit 131 kW/173 PS, der die eindeutig bessere Wahl ist. Lediglich das serienmäßige und langsam reagierende Automatikgetriebe verdirbt den ansonsten guten Eindruck. Der Common-Rail verrichtet gut hörbar seinen Dienst und schiebt den Fünfsitzer in 9,9 Sekunden auf Tempo 100; die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 205 km/h.

Mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,5 Litern (CO2-Ausstoß 170 g/km) auf 100 Kilometern kommt man zwar bei zügiger Fahrweise nicht hin, dennoch hält sich der Konsum im Rahmen. Als Topmotorisierung dient der 3,0-Liter-V6-Diesel mit 177 kW/241 PS, den es ebenfalls nur mit der Automatik gibt. Ein Motor, der zu Karosserie besser passt, da er souverän und unauffällig arbeitet, aber gleichzeitig genügend Schub für einen kurzen Zwischenspurt bereithält: Der Spurt auf die 100-km/h-Grenze ist in 7,6 Sekunden erledigt und der Vortrieb endet erst bei 234 km/h. Dabei soll das Triebwerk 7,2 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen, was einen CO2-Ausstoß von 188 g/km entspricht. Preise für die beiden stärkeren Motoren hat Renault noch nicht bekannt geben. Ebenso fehlen Assistenzsysteme wie Abstandswarner, Spurhalteassistent oder Tote-Winkel-Erkennung. Sicherheitsfeatures, wie es sie bei den meisten Mitbewerbern längst gibt.

Dass Renault in Deutschland vom Latitude nur wenig Autos verkaufen wird, kann vermutet werden. Denn traditionell sind in der Mittelklasse bei uns eher praktischere Fünftürer mit große Kofferraumklappe und Kombis beliebter als Stufenheckmodelle. Zumal der Latitude lediglich bei rund 50 Händlern in Deutschland angeboten werden soll – bei einem Renault-Netz von rund 1.300 Händlern. Und das Finanzierungsangebot dürfte einige Privatkunden ebenfalls abschrecken: ausgerechnet jene, die noch am ehesten einen ausladenden Kofferraum goutieren – die neudeutsch genannten Silver Ager. Die sind das Ford T-Modell zwar bestimmt nicht mehr selbst gefahren, würden sich aber über eine gewisse Auswahl an Optionen freuen. Schwarz oder grau, das kann im Alter doch nicht alles sein.

Quelle: n-tv.de

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