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Bei der Kurvenfahrt im Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg in Linthe.
Bei der Kurvenfahrt im Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg in Linthe.(Foto: Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg )
Donnerstag, 31. Mai 2018

Kurventraining im Selbstversuch: "Guckst du scheiße, fährst du scheiße"

Von Holger Preiss, Linthe

Kurven fährt man mit einem Motorrad am besten in Schräglage. Das ist nicht neu, das ist Physik. Der steht aber in vielen Fällen die Psyche im Weg. Beim Kurventraining im größten Fahrsicherheitszentrum Deutschlands wird die auf den rechten Weg gebracht.

"Das, was ihr hier macht hat mit Motorradfahren wenig zu tun. Wenn ihr Angst habt euch in die Kurve zu legen, dann solltet ihr darüber nachdenken, ob das hier das richtige Hobby für euch ist." Ein Satz, der bei den Teilnehmern des Kurventrainings auf dem Gelände des Fahrsicherheitszentrums Berlin-Brandenburg in Linthe einschlägt wie eine Bombe. Ausgesprochen von Martin, einem von zwei Instruktoren, die sich auf der 25 Hektar großen Anlage der GmbH unter dem Dach des ADAC mitten im märkischen Sand darum bemühen, die Köpfe der Biker freizubekommen und sie so zu fokussieren, dass sie in der Kurve eins mit ihrem Motorrad werden und vor allem die Angst vor der Seitenneigung verlieren. "Das Problem ist", erklärt der Tiroler, "dass viele Motorradfahrer aus Angst vor der Schräglage lieber ihr Leben im Gegenverkehr riskieren."

Wer dem Trainer zuhört, fährt am Ende besser.
Wer dem Trainer zuhört, fährt am Ende besser.(Foto: Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg)

Dessen sind sich wohl auch die Teilnehmer des "Motorrad-Kurventrainings" bewusst. Denn 12 der 14 Teilnehmer haben den Kurs selber gewählt, fünf von ihnen sind Wiederholungstäter. Eines ist aber allen gemein: sie wollen ihr Kurvenfahren verbessern. Der Großteil weil er eine Urlaubsfahrt in den Harz oder in die Alpen plant. Denn, und auch das ist ein nicht von der Hand zu weisender Fakt: In Brandenburg, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern geht es auf den Straßen eher geradeaus als ums Eck. Umso größer die Verunsicherung, wenn sich plötzlich eine Kehre zuzieht, oder Serpentinen den Biker auffordern schnelle Lastwechsel einzuleiten.

Gefühl und Geschwindigkeit

Natürlich wird keiner nach einem fünfstündigen Kurs in Linthe wie Valentino Rossi ums Eck fegen, aber die Grundideen des Kurvenfahrens werden hier von Peer und Martin absolut professionell vermittelt. Beide übernehmen jeweils sieben Teilnehmer. Während Pere als Hobby-Rennfahrer die Biker übernimmt, die von sich sagen: "Lass uns mal ein paar schnelle Kurven probieren", sind bei Martin die, die vor allem das Gefühl für die Kurve aufbauen wollen. Klingt jetzt vielleicht etwas abstrakt, läuft aber am Ende auf das gleiche hinaus und mündet in dem einen Satz: "Guckst du scheiße, fährst du scheiße."

Und da sind wir auch gleich wieder bei der Eingangsszene, wo die Biker auf der hauseigenen Kartbahn ihre Runden drehen, um die Blickführung zu trainieren. Tatsächlich ist es so, dass man dorthin fährt wo man hinschaut. Wer also nicht den Kurvenausgang, am besten schon den folgenden Kurveneingang im Auge hat, der wird mal ganz geschmeidig im Graben landen. Hier in Linthe natürlich nicht. Genau das ist ja der Vorteil. Frei von Gegenverkehr, riesigen Alleebäumen oder tiefen Abgründen kann sich der Motorradfahrer auch mal vertun, um zu begreifen was es heißt bei flacher Blickführung "scheiße zu fahren".

Im Kreisel an die Grenze

1,6 Kilometer misst der zu fahrende Rundkurs um das Trainingsgelände.
1,6 Kilometer misst der zu fahrende Rundkurs um das Trainingsgelände.(Foto: Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg)

Natürlich düst man auf einem Gelände wie dem Fahrsicherheitszentrum in Linthe nicht nur um die engen Kurven der Kartbahn. Mit den Übungsstrecken für Autos und Lkws gibt es insgesamt 15 Module. Darunter auch ein Off-Road-Gelände wo zum Beispiel Enduro-Trainings durchgeführt werden. Dynamikplatten mit Gleitflächen für Pkws oder Multifunktionsflächen mit Längs-Aquaplaning. Es gibt also kaum eine Situation, die auf dem Arial nicht nachgestellt werden könnte.

Für die Kurven-Biker gab es insgesamt vier Module zu absolvieren. Neben der Kartbahn wurde die Kurvengefällestrecke mit 10 Prozent Steigung befahren und die im Durchmesser 80 Meter messende Kreisbahn. Auf letztgenannter will Martin, dass die Teilnehmer wirklich maximale Schräglage aufbauen. "Versucht bitte mit euren Maschinen konstant 50 km/h zu fahren. Wenn ihr das habt, dann liegt euer Neigungswinkel bei zirka 30 bis 35 Prozent. Wer sich sicher fühlt, der kann das Tempo auf 60, 65 km/h erhöhen. Das ist der Moment, wo ihr hier auf der Kreisbahn das Motorrad bis zu 45 Grad neigt."

"Das ist ein Lenker, kein Festhalter"

Das ist auch der Winkel in dem das Bike noch eine optimale Bodenhaftung hat. Der natürliche Indikator – bei Straßenmotorrädern – und für jeden Fahrer spürbar, ist hier die Fußraste. Wenn die schleift, sollte man als Alltagsfahrer mit dem Neigen aufhören. Interessant ist, dass sich auf der Kreisbahn nicht nur unbändiger Spaß einstellt, sondern das Vertrauen in das eigene Motorrad und damit in die eigenen Fähigkeiten wächst. "Euer Motorrad kann mehr als ihr denkt", wiederholt Martin immer wieder. Letztlich ist aber der Pilot für die Führung verantwortlich. Wer sich also krampfhaft am Lenker festhält und langsam durch die Kurve stottert, der bringt nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr. "Leute, das ist ein Lenker und kein Festhalter", sagt Peer und legt sein Bike so weit in die Kurve, dass die Knie schleifen. Dabei winkt er noch freundlich mit einer Hand.

Das Foto zeigt das 15 Hektar große Gelände des Fahrsicherheitszentrums Berlin-Brandenburg in Linthe.
Das Foto zeigt das 15 Hektar große Gelände des Fahrsicherheitszentrums Berlin-Brandenburg in Linthe.

Das Ganze ist keine Angabe, soll den Teilnehmern nur zeigen was möglich ist, wenn man sich mit Leichtigkeit auf seinem Bike bewegt und die physikalischen Möglichkeiten, die bis zu einem gewissen Grad entscheidende Hilfsmittel sind, richtig nutzt. Das verstehen auch die Probanden und ein hochachtungsvolles Ah und Oh geht durch die Reihen. Auch die Erklärung von Martin, die er noch am Anfang auf der Kartbahn gegeben hat, bekommt an dieser Stelle eine andere Bedeutung: "Wenn ihr das Motorrad in die Kurve legt, dann lasst den Kopf oben. Nur so könnt ihr den Gleichgewichtssinn überlisten. Andernfalls suggeriert der euch zum Beispiel, dass euer Motorrad wegrutscht. Das führt letztlich zu Fehlreaktionen, die dann tatsächlich zum Sturz führen können."

Sicherheit und Spurtreue

Also, Kurve anvisiert, von außen angefahren, Motorrad reingelegt und Kopf hoch. Genauso fahren die Teilnehmer jetzt hinter Martin die Verkehrslinie über die 1,6 Kilometer lange Rundstrecke mit neun sehr unterschiedlichen Kurven. Hier wird in Straßengeschwindigkeit gefahren. Wichtig also auch Schalten, Motorbremse und natürlich Vorder- und Hinterradbremse. Hier gilt eher vorne anbremsen, hinten nur ganz leicht nachdrücken. Und selbstredend die Blickführung, immer wieder Blickführung. Selbst mit der von Martin vorgegebenen Linie gelingt nicht jede Kehre. Und wieder wird klar, besser auf dem Gelände des Fahrsicherheitszentrums als im Straßenverkehr.

Doch mit jeder Runde nehmen Sicherheit und Spurtreue zu. Am Ende sind die Teilnehmer soweit, dass Martin sagt: "So, jetzt fahren wir mal die Ideallinie einer Rennstrecke. Das ist noch ein Zacken schneller. Aber denkt dran, nicht im Straßenverkehr." Nein, natürlich nicht! Aber auch das macht Laune und am Ende kommt das gute Gefühl auf, gar nicht so weit von der Knieschleifer-Fraktion von Peer entfernt zu sein. Natürlich verlässt man am Ende des Tages das Gelände in Linthe nicht als vollendeter Kurvenfahrer, aber die Angst ist weg oder wenigstens kleiner. Man hat sein Motorrad besser kennengelernt, weiß wo einem der Kopf stehen soll und hoffentlich auch wo die eigenen Grenzen sind.

Auf jeden Fall musste niemand der 14 Teilnehmer nach Hause fahren und sagen: "Motorradfahren ist nicht mein Hobby." Selbst der Teilnehmer mit den größten "Angststreifen" auf den Reifen legte nach den fünf Stunden sein Motorrad mit Verve in die Kurve und keiner hatte das Gefühl die knapp 150 Euro wären eine Fehlinvestition gewesen. Natürlich bietet man in Linthe nicht nur Kurventraining für Biker an. Hier gibt es auch Basis-, Perfektions-, Intensiv- oder Reiseenduro-Training. Der eine oder andere hatte bei der Verabschiedung schon beteuert, dass er wiederkommen wolle. Der Autor gehört dazu.

Quelle: n-tv.de