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Interview mit Thomas Ingenlath "Irgendwann bauen alle Elektroautos"

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Thomas Ingenlath bei der Präsentation des Precept, eines waschechten Elektrosportlers.

(Foto: Polestar)

20 Jahre prägt Thomas Ingenlath als Designer die Fahrzeuge von Audi, Volkswagen und Skoda. Mit einer ganz eigenen Formensprache versieht er ab 2012 als Design-Chef von Volvo die Modelle der Schweden. Im Jahr 2017 übernimmt er als CEO die Führung der E-Auto-Marke Polestar und macht das Design dort sogar zur Chefsache. Seit diesem Jahr ist mit dem Polestar 2 ein gefeiertes Sportcoupé mit E-Antrieb auf dem Markt. Das ist aber erst der Anfang. ntv.de sprach mit Thomas Ingenlath über die Pläne der Marke, wie sie sich in Zukunft von Volvo unterscheidet, über Elektromobilität, Sportwagen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und über einen Plagiatsvorwurf.

ntv.de: Herr Ingenlath, gegen Polestar ist eine Klage von PSA anhängig, verbunden mit einem Verkaufsverbot Ihrer Modelle in Frankreich. Der Grund: Ihnen wird vorgeworfen, das Polestar-Logo sei ein Plagiat der Markenzeichen von DS und Citroën. Was sagen Sie dazu?

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PSA behauptet, das Polestar-Logo (oben) sei ein Plagiat der Logos von Citroën und DS.

(Foto: Collage hpr)

Thomas Ingenlath: Ich fühle mich ehrlich gesagt in meiner Ehre angegriffen. Mein ganzes Leben arbeite ich mit Marken, mit Design und bilde mir auch ein, in 25 Jahren bewiesen zu haben, dass mir nichts ferner liegt, als andere zu kopieren. Wir haben die Marke Polestar mit so viel Sorgfalt und Liebe zum Detail aufgebaut, und wäre auch nur im Ansatz ruchbar geworden, dass der stilisierte Stern von Polestar etwas mit den Rhomben von Citroën oder dem DS-Schriftzug zu tun hat, dann hätte ich sofort die Reißleine gezogen.

Zudem ist das jetzige Logo ja nicht aus dem Nichts entstanden. Polestar hat seit jeher den Stern, wir haben ihn lediglich im Design mit Blick auf die Marke unseren Vorstellungen angepasst. Um es kurz zu machen: Der Plagiatsvorwurf ist nicht nur ehrenrührig, sondern in meinen Augen auch absolut an den Haaren herbeigezogen. Zumal Frankreich im Moment gar nicht in unserem Rollout-Plan der sieben Länder in Europa steht, in denen wir zuerst den Polestar 2 verkaufen wollen.

Apropos Markenidentität: Polestar ist ja von Volvo in den Stand der Elektro-Sportwagen-Marke gehoben worden. Nun wollen die Schweden aber ebenfalls in naher Zukunft all ihre Modelle elektrifizieren, haben selbst Fahrzeuge unter dem Label "Polestar Engineered" am Start. Wie wird sich Polestar in Zukunft von Volvo unterscheiden?

In der Tat nicht darüber, dass wir jetzt Elektroautos anbieten und Volvo nicht. Volvo ist ja schon relativ früh auf den Zug der E-Mobilität aufgesprungen und hat sich auch dazu bekannt. Allerdings muss man auch sagen, dass Elektromobilität im Moment noch ein Alleinstellungsmerkmal ist, aber für die Zukunft müssen wir ohnehin damit leben, dass alle Marken zu Elektromarken werden.

Was Volvo betrifft, ist das Merkmal, und das weiß ich ziemlich sicher durch meine acht Jahre bei der Marke, dieser All-inclusive-Anspruch. Volvo umfängt nicht nur die Personen im Auto, sondern auch die außerhalb des Fahrzeugs. Das ist wohl auch der Grund, warum es bei Volvo nicht möglich war, ein richtig sportliches Auto zu machen. Da kam sofort die Frage: "Was ist denn mit den Kindern in der zweiten Reihe, die werden ja so durchgeschüttelt?" Volvo ist also Familiendenken.

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Für Thomas Ingenlath hat auch bei Polestar das Design oberste Priorität.

(Foto: Polestar)

Für mich war nur klar: Wenn du etwas anderes machen willst, dann kannst du das nur mit einer anderen Marke. Und da dieses skandinavische Design auch in einer etwas extremen Form eine Chance hat, war ich froh, das mit Polestar ausleben zu können. Dazu gehört dann eben auch, ein Fahrerlebnis zu zelebrieren, bei dem man auch die eine oder andere Einbuße beim Fahrkomfort in Kauf nimmt. Und ganz ehrlich: Das Premiumsegment ist so riesig, dass klar war, dass man hier Volvo etwas an die Seite stellen konnte, das die Marke nicht behindert, sondern hervorragend ergänzt.

Wenn jetzt die sportliche Seite von Polestar samt der Elektrifizierung die Klammer, als auch das Alleinstellungsmerkmal zu Volvo ist, was halten Sie dann von der selbst auferlegten Beschränkung, alle Ihre Fahrzeuge bei 180 km/h abzuregeln? Wird sich Polestar als Sportmarke dieser Tempo-Auflage irgendwann anschließen?

Nein, unser offizielles Statement dazu ist ganz klar: Diese Selbstbeschränkung auf 180 km/h haben wir mit Polestar nicht mitgemacht und werden das auch nicht. Und irgendwie ist das ja auch fast schon ein Geschenk für uns gewesen, weil es die Markendifferenzierung dann auch ganz klar nach außen gebracht hat. Natürlich zahle ich als Polestar-Fahrer meinen Preis, wenn ich vermehrt auf die Tube drücke, indem die Batterie schneller leer wird. Andererseits liegt das und auch die Verantwortung für die Verkehrssicherheit beim Fahrer eines Polestars.

Herr Ingenlath, ein bisschen geht es Autoherstellern ja immer wie Musikern - kaum haben die einen neuen Song am Start, kommt die Frage: Wann kommt denn das nächste Album? Insofern die Frage von mir, nachdem der Polestar 2 jetzt in den Markt rollt: Wie sieht der nächste Polestar aus und wann kommt er?

Das ist in der Tat immer diese Geschichte, man will ein Auto präsentieren und schon sind mindestens die Hälfte der Fragen beim nächsten Fahrzeug. Allerdings, und das muss ich sogar eingestehen, ist die Frage bei Polestar gar nicht unberechtigt. Mit dem Polestar 1 und dem Polestar 2 haben wir schon zwei recht extreme Autos präsentiert, die sich auch sehr stark unterscheiden.

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Der Precept wird kommen, aber vorher gibt es ein SUV von Polestar.

(Foto: Polestar)

Und so wird der nächste Polestar unsere Interpretation eines SUV sein, das sich noch deutlicher von Volvo unterscheiden soll. Es wird aber auch Elemente wie zum Beispiel Thors Hammer in den Scheinwerfern oder dieses schwedische Gefühl geben, das die beiden Marken vereint. Was wir auf keinen Fall machen werden, ist, ein Auto unterhalb des Polestar 2 anzusiedeln. Da wir aber - und dafür stehe ich per se - eine Design-getriebene Marke sind, wird auch bei künftigen Fahrzeugen ein großes Augenmerk auf der Optik liegen.

Uns ist aber ebenso wichtig, dass wir in Zukunft den CO2-Fußabdruck bei der Produktion deutlich verringern. Und da geht es um viel mehr als nur die Produktion oder die Batterie. Hier geht es vor allem darum, dass Rohöl-basierte Materialien aus dem Fahrzeug durch nachhaltige oder recycelte Materialien ersetzt werden. Ich glaube ohnehin, dass das auch ein riesiges Thema für die Premiummarken ist. Denn es war von jeher so, dass solche Sachen dort angefangen haben und später demokratisiert wurden. Ich bin fest davon überzeugt, dass das erste komplett CO2-neutrale Fahrzeug von einem Premiumhersteller kommen wird.

Wenn die Zukunft der Marke zwischen einem Polestar 1 und einem Polestar 2 mit ausschließlich nachhaltigen Materialien und einer CO2-neutralen Produktion liegt, sind das dann auch die Merkmale, die Ihre Fahrzeuge von einem Tesla oder einem Elektro-Porsche unterscheiden werden?

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Künftig soll der Polestar 2 schon ab 40.000 Euro zu haben sein.

(Foto: Polestar)

Wir haben tatsächlich nicht vor, irgendwann Fahrzeuge über 300.000 Euro anzubieten. Der Polestar 2 ist mit künftig 40.000 Euro sicher kein günstiges Fahrzeug, aber hier soll schon unser Eröffnungsangebot liegen. Und auch mit den 150.000 Euro für den Polestar 1 ist das obere Ende ganz gut beschrieben. Dennoch wird das kein Alleinstellungsmerkmal bleiben. Porsche hat auch die Elektromobilität sehr schnell für sich entdeckt und begriffen, wo die Reise hingeht. Was Polestar auch in Zukunft im Wesentlichen von Porsche und Tesla unterscheiden soll, sind Design und Nachhaltigkeit.

Nun steht ja Polestar auch für Sportlichkeit. Marken wie Porsche zum Beispiel schaffen sich ihre Reputation auch damit, dass sie in E-Sportserien präsent sind. Ist das auch für Polestar eine Option? Ich meine, schließlich hat die Marke ihren Ursprung im Motorsport.

Was das betrifft, sind wir relativ undogmatisch. Und ich glaube, man kann hier nicht Ja oder Nein sagen. Aber im Moment bin ich einfach Realist und sage, dass wir uns das zum jetzigen Zeitpunkt finanziell nicht leisten können. Es ist aber auch von dem, was auf unserer To-do-Liste steht, nicht angesagt. Kurz: Unsere Firma wäre bei dem, was wir alles vorhaben, hoffnungslos überfordert, wenn wir uns jetzt noch eine Rennsportserie antun würden. Ich glaube aber auch ehrlich gesagt nicht, dass uns das bei der Markenprofilierung helfen würde. Aber sage niemals nie. Vielleicht kommt ja der Zeitpunkt, an dem wir uns auch wieder einem solchen Thema widmen können.

"Sage niemals nie" ist ein gutes Stichwort: Was würde denn aus Polestar werden, wenn sich die Elektromobilität nicht wie erwartet durchsetzt?

Also, wovon ich wirklich zu 100 Prozent überzeugt bin, ist, dass der Elektromotor der Antrieb der Zukunft ist. Das war eigentlich schon vor 100 Jahren so, nur dass damals die Ressource fehlte, diesen Motor richtig zu betreiben. Jetzt hat man Batterien, die das anständig hinkriegen. Ich glaube auch, dass jeder, der einmal mit einem Elektroauto gefahren ist, sich davon begeistern lässt. Zum einen durch die Vibrationslosigkeit, mit der der Motor arbeitet, zum anderen durch die nahtlose Beschleunigung und dieses sofort verfügbare Drehmoment. Da kann kein Verbrenner mithalten.

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Der Polestar 2 ist nicht nur Gewinner beim German Car Of The Year Award, dem GCOTY 2021, sondern auch Gewinner des Goldenen Lenkrads.

(Foto: Polestar)

Die andere Frage ist, woraus sich dieser Elektromotor in Zukunft speisen wird. Da gibt es natürlich unterschiedliche Möglichkeiten, und durch den Kampf der Technologien wird es da in 20 bis 30 Jahren vielleicht eine andere Quelle geben als die Batterie. Wobei die sich natürlich auch weiter in der Entwicklung befindet und es schnell sein könnte, dass die jetzt geführte Reichweitendiskussion in den Hintergrund tritt.

Selbst wenn ich das Thema Biokraftstoff jetzt immer wieder höre. Ich will das gar nicht, dieses Auf und Ab der Kolben, nicht in einem modernen Auto. Es ist für mich schon ein enttäuschendes Erlebnis, wenn bei einem Plug-in-Hybrid nach 60 Kilometern plötzlich der Verbrenner zuschaltet. Ich glaube einfach, dass wenn wir den E-Motor nicht konsequent nutzen, wir ganz einfach die Zukunft verschlafen.

Apropos die Zukunft verschlafen. Sie haben ja bereits früh darauf hingewiesen, dass die deutsche Autoindustrie die Zukunft verschlafen hat. Was glauben Sie denn wo wir heute wären, wenn das nicht passiert wäre?

Na ja, dann hätten wir womöglich doch schon weit mehr Elektrofahrzeuge auf den Straßen und Tesla wäre nicht das wertvollste Automobilunternehmen der Welt. Natürlich ist das Rennen nicht vorbei, aber momentan ist man da schon etwas ins Hintertreffen geraten. Andererseits ist die jetzige Situation auch Ansporn, um wieder ganz nach vorne zu fahren. Das bedarf natürlich des Mutes, sich von alten Erfolgsrezepten zu lösen und neues auf den Weg zu bringen.

Gehört es denn auch zum Erfolgsrezept der Elektromobilität, dass man in einigen Ländern schon darüber berät, den Verbrenner über kurz oder lang zu verbieten? Oder anders gefragt: Ist es eine kluge Entscheidung der Politik den Menschen die E-Mobilität per Erlass zu verordnen?

Da gibt es zwei Aspekte: Wenn es um die Konkurrenz der zwei Systeme Elektromobilität und Verbrenner geht, da muss ich sagen, nein. Das Verbot des Verbrenners ist nicht das richtige Mittel, um dem E-Auto zum Durchbruch zu verhelfen. Was ich da von der Politik viel eher erwarte, ist eine Ladeinfrastruktur zu schaffen und all die Ungleichheiten, die es gibt, zu eliminieren. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wenn ich mir eine Wohnung miete, ich eine Ladebox installieren kann. Das sind die Dinge, die die Politik leisten muss, um die Elektromobilität zu unterstützen.

Andererseits muss ich die Politik auch in Schutz nehmen. Denn die ist dafür verantwortlich, dass der Klimawandel gestoppt wird. Dazu gehört eben auch, dass der CO2-Ausstoß deutlich verringert werden muss. Und da kann es dann schon sein, dass ein Verbot die letzte Konsequenz ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Mit Thomas Ingenlath sprach Holger Preiss

Quelle: ntv.de, hpr