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Kompaktes Großraum-SUV Mercedes GLB - ein "Baby-GLS" für alle?

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Wahrscheinlich wird kein Mensch mit seinem GLB so durchs Gelände heizen. Aber gut zu wissen, dass man es könnte.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Der Mercedes GLB mag auf den ersten Blick im Portfolio der Stuttgarter keinen Sinn ergeben. Doch fährt man den Baby-GLS erst einmal und lernt so seine Vorzüge kennen, könnte man sich glatt in ihn verlieben. Dabei stammt die Idee für das Auto von sehr weit her.

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Optisch ist der GLB ein kleiner GLS, wirkt in sich aber sehr stimmig.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Der Kenner mag sich wundern, warum Mercedes zwischen den GLA und den GLC jetzt noch einen GLB geschoben hat. Mit 4,63 Metern Länge misst er 3 Zentimeter weniger als ein GLC und ist 23 Zentimeter länger als der in Kürze zu erwartende neue GLA. Warum also dieses weitere SUV? Die Erklärung ist denkbar einfach. "Die Idee für das Auto kam aus China", erklärt Robert Lesnik, Chef für das Außendesign bei Mercedes. Im Reich der Mitte ist man gern mit der ganzen Familie unterwegs, was zum einen Platz braucht, zum anderen soll das Transportmittel natürlich standesgemäß sein. Insofern brauchte es ein Auto, das diese Wünsche erfüllt, aber auch noch erschwinglich ist. "Unsere Idee war es dann, ein SUV zu schaffen, das an den GLS erinnert, kompaktere Maße hat, ohne aber die Wünsche nach Raum und Sitzplätzen einzuschränken. Einen Baby-GLS sozusagen", erklärt Lesnik.

Und das ist gelungen. Der kompakte GLB, der mit 2,83 Metern den aktuell längsten Radstand der Kompakten bei Mercedes hat, bietet auf Wunsch nicht nur eine im Boden versenkbare dritte Sitzreihe mit zwei zusätzlichen Plätzen, sondern aufgrund seiner Bauart auch die größte Kopffreiheit im Segment. Die Beinfreiheit in der um 14 Zentimeter verschiebbaren zweiten Sitzreihe beträgt im geringsten Fall 94 Zentimeter, was immer noch reicht, um Personen mit 1,80 Meter langstreckentauglich zu platzieren. Die zwei Plätze in Reihe drei sind mit 74 Zentimetern dann aber, so Mercedes, für Kinder bis zu einer Körpergröße von 1,68 Meter gedacht. Die können sich dann auch besser durch den etwas schmalen Einstieg zwängen.

Schicker Raumriese

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Der Kofferraum des Mercedes GLB ist dank verschiebbarer Rückbank in der Größe recht variabel.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Doch wie dem auch sei, der GLB zeigt sich in Gänze als Raumriese. Denn auch der Kofferraum bietet mit 570 bis 1805 Litern ausreichend Stauraum für alle Belange. Hier profitieren sowohl der Ladefreund als auch die Passagiere auf den hintersten Plätzen von dem hohen Heckabschluss. Beim Siebensitzer können im Übrigen an den Isofix-Vorrüstungen bis zu vier Kindersitze befestigt werden. Um bei voller Besatzung Ordnung zu halten, hat Mercedes beim GLB mit vielen praktischen Ablagen für Ordnung gesorgt. Zum Beispiel gibt es auf Wunsch Fächer in der Bordkante, links und rechts in der Verkleidung des Kofferraums, Taschen- und Kleiderhaken an der Unterseite der Heckklappe sowie einen zweifach in der Höhe verstellbaren Laderaumboden.

"Es war gar nicht so einfach", so Lesnik, "diese kompakte Form so hinzubekommen, dass der Wagen nicht wie ein rollender Kasten aussieht." Gelungen ist es den Designern, weil sie ein wenig getrickst haben. So hat der GLB zum Beispiel das aufsteigendste Tagfahrlicht, oder anders: die höchste Augenbraue im Scheinwerfer, was die Proportionen an der Front hebt. In der Seitenlinie wirkt er höher, weil die Dachreling anders aufgesetzt wurde. Und das Dach streckt sich dank eines Dachspoilers ohne Coupé-Linie über das Heck und verlängert so die Linie. Die Radhäuser sind eckiger, erinnern damit mehr an einen Offroader, wobei sie mit 17- bis 19-Zoll-Rädern gefüllt werden, was den Stand noch präsenter macht.

Optik gleich Können?

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Über das Fahrverhalten des Mercedes GLB gibt es nichts Negatives zu berichten.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Auch beim Interieur hat man darauf geachtet, dass der Offroad-Charakter des GLB deutlich mehr betont wird als im GLA und GLC. Da der Arbeitsplatz des Fahrers eins zu eins aus der Baugruppe der Kompakten kommt, blieb dafür aber nur die Beifahrerseite. Dort wurde dann auch ein Rohrelement in Aluoptik in die Armaturentafel eingefügt. Unterhalb der daneben platzierten Mitteldüsen befindet sich die Bedienung für die Klimaanlage. Deren Tasten sollen den Eindruck vermitteln, als wären sie aus einem Aluminiumzylinder herausgefräst worden. In Summe gibt das dem Innenraum dann tatsächlich eine robuste Eleganz.

Und weil Mercedes den Anspruch hat, dass Optik und Fahreigenschaften eine Einheit bilden, wurde dem GLB in den höheren Motorisierungen nicht nur ein Allradantrieb gegeben, sondern auf Wunsch auch ein Offroad-Programm, das die Motorcharakteristik, den Allradantrieb und die ABS-Regelung in leichtem Gelände anpasst. Was das heißt, konnte bei einer ersten Ausfahrt erfahren werden. Steigungen von mehr als 35 Grad auf sandigen und nassen Untergrund lassen sich dank der elektronisch gesteuerten Allradkupplung, die als Längssperre fungiert und damit eine variable Kraftverteilung ermöglicht, ganz locker überwinden. Verschränkungsfahrten sind ebenso problemlos möglich wie Bergabfahrten. Hier hält die Downhill-Speed-Regulation (DSR) mit gezielten Bremseingriffen die Geschwindigkeit - je nach Vorwahl und Steigungswinkel - zwischen 2 und 18 km/h.

Der Diesel macht das Rennen, AMG macht Spaß

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Mehr als im Gelände dürfte der Mercedes GLB auf der Straße bewegt werden.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Doch mehr als im Gelände dürfte der GLB, egal auf welchem Kontinent, auf asphaltierten Straßen unterwegs sein. Für den Vortrieb bietet Mercedes hier die gesamte Motorenpalette an, die auch für die A- und B-Klasse sowie für den kommenden GLA verfügbar ist. Das fängt mit den kleinen 1,33-Liter-Vierzylindern und 163 PS an und endet vorläufig bei einem GLB 35 AMG mit 306 PS. Allerdings muss ganz klar gesagt werden, dass die besten Alltags-Triebwerke genau dazwischen liegen. Namentlich sind das der GLB 250 mit 224 PS und der GLB 220d mit 190 PS. Beide fahren in Serie mit Allradantrieb und dürfen deshalb auch zwei Tonnen an den Haken nehmen. Die Kraftverteilung der 350 respektive 400 Newtonmeter erfolgt bei Benziner und Diesel immer über eine Achtgang-Automatik. Die verrichtet ihren Job in beiden Fällen auf das Unauffälligste, wobei der Diesel am Ende den schlüssigeren Eindruck hinterlässt.

Der Selbstzünder wirkt weniger angestrengt, bringt seine Kraft linearer auf die Straße und hat nicht das Problem, dass bei spontaner Leistungsabfrage die Drehzahlen ungebührlich lang auf der Stelle verharren, wenn der Fuß vom Gas genommen wird. Zudem fühlen sich die 190 PS des Diesels nach mehr an als die des 224 PS starken Benziners. Zu Rennwagen machen beide Motorisierungen den GLB dann aber auch im Sportmodus nicht. Während der Benziner in 6,9 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo beschleunigt und bis zu 216 km/h schnell wird, braucht der Diesel 7,6 Sekunden für den Standardsprint, wird am Ende aber mit 217 km/h sogar 1 km/h schneller als der GLB 250. Für den Fahrkomfort sorgt serienmäßig eine Stahlfederung. Optional gibt es natürlich auch ein Fahrwerk mit adaptiver Verstelldämpfung, die ihren Arbeitsbereich entsprechend den vorgewählten Fahrmodi von Comfort bis Sport ausrichtet.

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Für Spaß-Fahrer gibt es den Mercedes GLB AMG 35 mit 306 PS.

(Foto: Andreas Lindlahr)

Wer die ultimative Kampfmaschine unter den GLB-Modellen sucht, wird am AMG 35 nicht vorbeikommen, der als erstes Modell mit der Kennziffer an der Front den Panamericana-Grill des Mercedes GT trägt. Mit seinen aus einem Reihenvierzylinder und zwei Litern Hubraum geschöpften 306 PS und einem maximalen Drehmoment von 400 Newtonmetern schiebt er seine 1,8 Tonnen in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 und beschleunigt bis auf abgeregelte 250 km/h. Anders als bei den oben ausgesprochenen Empfehlungen muss der Sportfahrer ein immer noch sehr kommodes, aber eben auf hohe Kurvengeschwindigkeiten ausgelegtes Fahrwerk akzeptieren, das zwar eine geringe Seitenneigung verspricht, Querfugen aber deutlich in den Innenraum weiterreicht. Das bringt dem sportlich orientierten Fahrer ebenso wie die Parameterlenkung und das spät regelnde ESP zu 100 Prozent Spaß. Der könnte aber spätestens beim Verbrauch enden. Während der GLB 250 4Matic die Teststrecke mit 8,5 Litern verließ, der 220d 4Matic sich mit sanftem Gasfuß gar mit 6,0 Litern begnügte, nahm der AMG mit 9,6 Litern doch einen ordentlichen Schluck. Wenngleich das immer noch ordentliche Verbräuche sind. Natürlich wird es in Zukunft auch einen Plug-in-Hybrid für den GLB geben.

Umfängliche Unterhaltung

Unterhaltungsspaß bringt das Infotainmentsystem MBUX (Mercedes-Benz User Experience), das mit Einführung der neuen A-Klasse im Jahr 2018 immer noch einige Alleinstellungsmerkmale aufweist. Da ist nicht die Ansprache des Systems mit "Hey Mercedes" gemeint, das können andere Hersteller unterdessen auch. Nein, vielmehr zählt dazu die Navigation mit Augmented Reality, bei der das mithilfe der Frontkamera aufgenommene Umgebungsbild auf den bis zu 10,25 Zoll großen Touchscreen übertragen und mit Richtungspfeilen oder Hausnummern angereichert wird. Serienmäßig sind zwei sieben Zoll große Displays für Kombiinstrument und Media-Display mit Touchscreen, Lenkrad mit Touch Controls, USB-Schnittstelle vom Typ S, Bluetooth-Anbindung für das Smartphone sowie eine Audioquelle an Bord.

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Wer den Mercedes GLB mit dritter Sitzreihe bestellt, kann vier Kindersitze per Isofix befestigen.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Bleibt wie immer an dieser Stelle zu klären, was Mercedes für den GLB an Preisen aufruft. Für einen GLB 200 mit Frontantrieb, 163 PS und Siebengangautomatik in der Ausstattungslinie Standard werden 37.747 Euro fällig. Der GLB 180d kostet als kleinster Diesel mit 116 PS, Frontantrieb und Achtgang-Automatik ab 37.770 Euro. Der oben beschriebene GLB 250 geht in der Standard-Ausstattung für mindestens 44.857 Euro an den Käufer, während der 220d bereits ab 44.600 Euro zu haben ist. Wesentlich tiefer muss der Sportfreund für den AMG 35 in die Tasche greifen. Hier werden mindestens 55.000 Euro aufgerufen. Natürlich kann man den GLB auch wie einen GLS mit reichlich Komfort von Massagesitzen, über Energize-Funktionen, Head-up-Display, 19-Zoll-Rädern et cetera bestücken. Dann schnippt der Preis aber schnell auf über 60.000 Euro.

Quelle: n-tv.de