Auto
Mit knapp einer Viertelmillionen Euro ist der Niesmann Flaitr 920 alles andere als ein Schnäppchen.
Mit knapp einer Viertelmillionen Euro ist der Niesmann Flaitr 920 alles andere als ein Schnäppchen.(Foto: Michael Lennartz)
Samstag, 08. September 2018

Mehr kann auch zu viel sein: Niesmann Flair 920 das Glamping-Mobil

Der Flair 920 LE aus dem Hause Niesmann+Bischoff ist als 7,5-Tonner so ziemlich das größte Reisemobil, das man mit dem alten Führerschein Klasse 3 bewegen darf. Doch nicht alles an der beweglichen Luxuswohnung macht wirklich Spaß.

Torsten Maaß ist der Betreiber eines ruhig gelegenen, kleinen Campingplatzes direkt am Schweriner See. Als wir mit unserem Niesmann Flair 920 LE an der Schranke zu seiner "Südseeperle" anhalten, starrt er mit einem ebenso staunenden wie skeptischen Blick auf unser 9,27 Meter langes Luxus-Reisemobil und meint: "Schauen Sie sich erst mal um, ob Sie hier mit dem Riesending überhaupt einen Platz finden."

Der Niesmann Flair 920 LE ist kompromisslos auf Wohn-Luxus getrimmt.
Der Niesmann Flair 920 LE ist kompromisslos auf Wohn-Luxus getrimmt.(Foto: Michael Lennartz)

Wir finden einen. Sogar einen wunderschönen. Keine fünf Meter vom Ufer entfernt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Enten, Blässhühnern und brütenden Sägern. Den leicht abschüssigen Untergrund korrigiert die 4-Kanal-Vollluftfederung, die allerdings mit satten 9600 Euro Aufpreis zu Buche schlägt, dafür aber das Fahrzeug mit vier ausfahrbaren Stützen auf Knopfdruck so ausrichtet, dass die vorderen beiden Räder in der Luft hängen. Der freundliche und jederzeit hilfsbereite Campingplatz-Chef stellt uns noch eine zusätzliche Kabelrolle zur Verfügung, weil die vorhandene bis zu der weit entfernten Stromabnahmestelle nicht ausreicht, und fragt dann ganz verstohlen, "ob man denn mal reingucken darf" in den Flair, der von der Fachzeitschrift Promobil gerade erst wieder zum "Reisemobil des Jahres" in der Liner-Klasse gewählt wurde.

Eine Chill- und Koch-Oase

Nachdem über die ausklappbare, mehrstufige Treppe das hohe Wohnraumniveau über dem durchgängig doppelten Boden erreicht ist, häufen sich die Ausrufe des Erstaunens. Das beginnt bei der üppigen Leder-Sitzgarnitur, die aus den beiden drehbaren Frontsitzen und zwei Längssofas gebildet wird und bis zu sechs Personen bequemen Platz sowie ein großzügiges Raumgefühl bietet. Das verstärkt sich in der Küche, die neben einem Drei-Flammen-Gaskocher, einem 190-Liter-Kühlschrank plus Gefrierfach und einem Gas-Backofen tatsächlich noch mit einer Geschirrspülmaschine ausgestattet ist. Auch eine Kapsel-Espressomaschine ist an Bord und der Arbeitsbereich ist immerhin so groß, dass auch engagierte Hobbyköche ein Mehr-Gänge-Menü zaubern können.

Selbst einen Geschirrspüler gibt es im Niesmann Flair 920.
Selbst einen Geschirrspüler gibt es im Niesmann Flair 920.(Foto: Michale Lennartz)

Es schließt sich ein Raumbad an, das seinen Namen wirklich verdient. Auf der rechten Seite das Waschbecken, große Spiegelflächen und jede Menge Stauraum sowie eine eigene Duschkabine mit viel Bewegungsfreiheit. Gegenüber die Keramik-Toilette mit einer Absaugspülung, wie man sie aus Flugzeugen kennt. Eine Tür mit doppeltem Anschlag trennt entweder nur die Toilette oder das komplette Raumbad vom Wohnraum ab.

Pfiffige Raumoptimierung

Zwischen Toilette und dem hinteren Schlafraum mit zwei bequemen Einzelbetten ist sogar noch Platz für einen Hängeschrank, der Mäntel, Jacken und für den Fall der Fälle vielleicht auch die etwas vornehmere Abendgarderobe aufnimmt. Zudem präsentiert Niesmann im Flair die pfiffigste und beste Lösung, die wir als Verstaumöglichkeit für Klamotten bisher in einem Reisemobil mit Längskojen im Heck vorgefunden haben. Anstelle der sonst eher üblichen, schwer zugänglichen Tiefschränke unter den Bettfußteilen hat der zur Erwin-Hymer-Gruppe gehörende Premium-Hersteller Ablagefächer und Schubladen unter den Betten mit den Treppenstufen des Bettaufgangs verbunden. Diese Treppe lässt sich leicht nach rechts und links verschieben und eröffnet somit leichten Zugang zu den Schrankfächern. Genial.

Eine Armada an Fernbedienungen gibt es für die Annemlichkeiten im Niesmann Flair 920.
Eine Armada an Fernbedienungen gibt es für die Annemlichkeiten im Niesmann Flair 920.(Foto: Michael Lennartz)

An Stauraum mangelt es allerdings auch sonst nicht. Oberschränke säumen beide Seiten von vorn bis hinten. Über die riesige, auf bis zu 400 Kilogramm Zuladung ausgelegte Heckgarage witzelt Torsten Maaß: "Die kann man ja hier auf dem Campingplatz untervermieten." Und der doppelte Boden, durch verschiedene Klappen von außen zugänglich, würde auch sperrigere Mitbringsel aus dem Urlaub verkraften.

Manchmal riecht es etwas

Die technische Wohnausstattung lässt ebenfalls kaum Wünsche offen. Zwei getrennt per Fernbedienung regelbare Klimaanlagen, eine SAT-Anlage mit zwei Flachbildschirmen im Wohn- und Schlafbereich, die auch unterschiedlichen Sehgewohnheiten gerecht wird, ein Konverter, der aus der Zusatz-Bordbatterie zumindest für einen kurzen Zeitraum auch mal 230 Volt herauskitzelt, Fußbodenheizung und ein Gaswarner (nein, nicht für den Kocher, sondern für Betäubungsgas) – es ist an alles gedacht. Das sei wohl mehr Glamping als Camping, kommentiert unser Besucher.

Das Bett ist groß un die Ablageflächen im Niesmann Flair 920 pfiffig.
Das Bett ist groß un die Ablageflächen im Niesmann Flair 920 pfiffig.(Foto: Michael Lennartz)

Große, ach was, riesige Tanks sorgen in der Regel für lange Ver- und Entsorgungsintervalle. 370 Liter Frischwasser reichen sogar bei häufigem Duschen für einige Tage. Der Abwassertank nimmt 250 Liter auf. Und der Fäkalientank hat mit einem Volumen von 160 Litern ebenfalls eine hohe Kapazität. Er kann aber durchaus Probleme bereiten, weil Camping- und Stellplätze wie etwa auch unsere "Südseeperle" zwar immer eine Entsorgungsmöglichkeit für tragbare Chemie-Toiletten haben, Auffangbehälter im Boden aber oft nur für Grauwasser geeignet sind. Positiv: Im Flair befinden sich alle Ablasshebel in der zentralen Entsorgungseinheit. Nach Entleerung des Fäkalientanks kam es im Innenraum aber immer wieder zu vorrübergehenden Geruchsbelästigungen.

Mit den Brummis auf Du und Du

Vor die Genussphase des Luxusurlaubs auf Rädern haben die Götter allerdings die Mühen der Anreise gesetzt. Und da gilt für den 2,39 Meter breiten und 3,30 Meter hohen Neun-Meter-Koloss nun mal: Handlich geht anders. Auf Autobahnen und breiten Landstraßen ist man mit dem 205 PS starken Iveco Daily als Basis-Fahrzeug und der Achtgang-Automatik weitgehend entspannt unterwegs, sofern man sich daran gewöhnt, trotz gelegentlicher Überholvorgänge mit zulässigem Tempo 100 mit den Brummis auf Du und Du zu sein. Auf engen kurvigen Sträßchen und verwinkelten, kleinen Ortschaften macht das Fahren schon weniger Freude. Dafür können die Insassen auf bestmöglichen Sicherheitsstandard vertrauen, denn dank eigener, aufwändiger und teurer Crashtests ist der Flair der erste und bisher einzige Iveco-Liner, der über Airbags verfügt.

Dass trotz eines Verbrauchs von 15 bis 17 Litern Diesel pro 100 Kilometer ein ordentlicher Aktionsradius möglich ist, liegt an dem ebenfalls großen Sprittank von 170 Litern. Einmal Volltanken bedeutet da schon ein hübsches Sümmchen jenseits der 200-Euro-Marke. Zumal da noch ein nicht unerheblicher Aufschlag für die Harnstoff-Lösung AdBlue hinzukommen kann.

Mehr Wohn- als Fahr-Luxus

Der größte Kritikpunkt am Niesmann Flair dreht sich auch um diese Form der Diesel-Abgasreinigung. Der Einfüllstutzen zu dem 25 Liter fassenden AdBlue-Tank ist so ungünstig angebracht, dass er sich an den wenigen Tankstellen mit entsprechender Zapfsäule zwar einfach befüllen lässt, nicht aber mit den überwiegend angebotenen Plastikkanistern. Mehr als drei Viertel der Menge lassen sich wegen der zu weit zurückliegenden Einfüllöffnung nicht direkt eingießen. Der Rest geht nur mit Umfüllen in kleinere Gefäße und Trichter – eine Prozedur, die nicht so recht zu dem sonstigen Wohn-Luxus passt. Und auch die Sensorik arbeitet nicht richtig. Sie zeigt eben noch eine AdBlue-Restreichweite von 2450 Kilometer an, meldet 300 Kilometer später aber per Warnleuchte nur noch Saft für 500 km.

Ein Reisemobil stellt normalerweise immer einen Kompromiss zwischen Wohn- und Fahrkomfort dar. Der Niesmann Flair 920 LE ist eher kompromisslos auf größtmöglichen Wohn-Luxus getrimmt. Dass An- und Abreise zu den Urlaubszielen etwas länger dauern, nimmt man bei der Kundschaft, die eine runde Viertelmillion Euro (exakt schlägt unser Testmobil mit 254.612 Euro zu Buche) für solch einen Luxus-Liner hinblättert, wohl gern in Kauf. Wer das Luxus-Leben im Reisemobil einfach nur mal ausprobieren möchte, kann sich einen 920er-Flair auch für 280 Euro pro Tag bei "Freistaat Rent" in Sulzemoos mieten. Es dürfte ein einprägsames Erlebnis werden. Wie auch für Torsten Maaß, der uns zum Abschied hinterher winkte. Und wir versicherten ihm: "Es ist ein schönes Fleckchen hier. Wir kommen bestimmt wieder." Allerdings wohl mit einem Fahrzeug, das ein, zwei Nummern kleiner ist.

Quelle: n-tv.de