Auto

Fahrtraining für Gehandicapte "Noch einmal auf richtiger Rennstrecke fahren"

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Tina Schmidt-Kiendl weiß als querschnittsgelähmte Fahrtrainerin genau, was ihre Fahrschüler brauchen, um sicher und mit Spaß durch den Verkehr zu kommen.

(Foto: Bernhard Filser)

Fahrtrainings gibt es viele, aber eins für Menschen mit Handicap ist neu. Initiatorin und Instruktorin dieses Angebots der Driving Acadamy ist Tina Schmidt-Kiendl. Selbst querschnittsgelähmt, möchte sie Betroffenen zeigen, wie man sicher fährt, aber auch die Fahrfreude zurückgeben.

"Für mich war der Rollstuhl so weit weg wie der Mars", sagt Tina Schmidt-Kiendl und lächelt dabei. Aber müsste sie nicht eigentlich verbittert, traurig, wütend oder gar resigniert sein? Denn wie die junge Frau in den Rollstuhl gekommen ist, kann gemeiner nicht sein. Bei einem Besuch im Fitnessstudio hat sie einen Bandscheibenvorfall. Eine unangenehme Sache, die mit heftigen Schmerzen verbunden ist. Als diese selbst mit Medikamenten nicht mehr zu deckeln sind, empfiehlt ein Arzt einen Eingriff, der die Wirbel wieder richten sollte. Fünf Tage waren mit kurzer Reha veranschlagt.

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Tina Schmidt-Kiendl in ihrem Dienstwagen bei der Arbeit.

(Foto: Bernhard Filser)

Am Anfang läuft alles glatt, die Schmerzen sind weg, die Übungen verlaufen vielversprechend, bis ihr Körper plötzlich etwas nicht Nachvollziehbares macht: Die Nerven im unteren Rücken verkleben und lassen schlicht die Befehle an die Beine nicht mehr durch. Aus fünf Tagen werden elf Monate, in denen die Ärzte viel versuchen. Eine OP jagt die nächste, aber irgendwie bleiben die Datenleitungen gekappt. Das alles geschieht im Jahr 2017, also vor gut vier Jahren. Heute sitzt Tina Schmidt-Kiendl als Instruktorin vor ihren ebenso gehandicapten Schülern beim Fahrsicherheitstraining der Driving Academy Maisach.

"Einmal auf der Rennstrecke fahren"

Der Job ist nicht neu für sie. Bereits 2003 war sie Teil der Mannschaft, die nicht nur Autonarren zeigt, wie man sicher um Pylonen wedelt, die Bremse konsequent einsetzt oder im Ernstfall einen schnellen Spurwechsel vollzieht, um einen Unfall zu vermeiden. All das Dinge, die auch Menschen mit Handicap einmal mehr zugutekommen. "Gerade für Leute wie mich", erklärt Schmitt-Kindel, "ist es enorm wichtig, im Straßenverkehr für andere mitzudenken und selbst keinen Unfall zu bauen. Denn bedenken Sie: Wir sind nicht in der Lage, uns ohne Hilfe aus dem Auto zu befreien." Ein Umstand, der so klar ist wie die berühmte Kloßbrühe. Aber wäre es da nicht besser, man würde schon aus Selbstschutz nicht Auto fahren?

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Tina Schmidt-Kiendl erklärt die speziellen Unterschiede beim Fahren mit einem behindertengerechten Fahrzeug.

(Foto: Bernhard Filser)

"Auf gar keinen Fall", so Schmidt-Kiendl. "Es gibt viele Leute, die auch mit diesen Einschränkungen Auto fahren wollen. Und wenn die dann abseits der schnöden Mobilität die Freude am Fahren wiedergewinnen, dann haben wir hier alles richtig gemacht." Und wenn jemand diese Freude, diese Begeisterung am Autofahren auch mit körperlichen Einschränkungen vermitteln kann, dann ist es diese Frau. Denn einen Traum hat sie noch: "Ich möchte gerne noch einmal auf einer richtigen Rennstrecke fahren." Natürlich mit einem der Autos, die für das Fahrsicherheitstraining der BMW Driving-Experience umgebaut wurden.

Nicht alle sind gleich

Denn nicht alle Autos für Fahrer mit Handicap sind gleich. Es gibt wohl zwei gängige Varianten: Die eine ist die, bei dem über eine Art Joystick gesteuert wird sowie das Gas und die Bremse bedient werden. Die andere ist die in Maisach benutzte Ausstattung mit einem Gasring am Lenkrad und einer separaten Bremse rechts neben dem Lenkrad, die mit der rechten Hand bedient wird. Um sich einen Eindruck von dem Fahrzeug und der Bedienung zu machen, musste auch der Autor ran. Die erste Reaktion ist natürlich die, dass nach dem Einsteigen versucht wird, die Füße vor den Pedalen zu platzieren. Aber Pustekuchen, die sind mit einer Abschirmplatte überdeckt.

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Gasring am Lenkrad, Abschirmplatte vor den Pedale und die Handbremse rechts vom Lenkrad unterscheiden das Trainingsauto von einem herkömmlichen Wagen.

(Foto: Bernhard Filser)

Aber warum? Ein Querschnittsgelähmter kann doch die Beine gar nicht bewegen. "Doch, kann er", erklärt Schmidt-Kiendl. "Es gibt unkoordinierte Bewegungen der Gliedmaßen. Hier macht der Körper manchmal einfach sein eigenes Ding." Um also zu vermeiden, dass auf diese Art und Weise versehentlich das Gaspedal oder die Bremse betätigt werden, hat man die mit einer Metallplatte gesichert. Aber auch sonst verlangt das Fahren mit einem behindertengerechten Auto deutlich mehr Feingefühl und Konzentration, als es bei einem über die Fußpedalerie zu bedienenden Fahrzeug notwendig ist.

Erstmal mit Sicherheitsknopf

Zum Beispiel ist der Weg des Gasrings am Lenkrad, der mit den Handballen bedient wird, deutlich kürzer als der eine Gaspedals. Ergo muss die Sache hier wesentlich vorsichtiger angegangen werden. Um zu verhindern, dass der Wagen unkontrolliert nach vorne schießt, gibt es einen Sicherheitsknopf, der, wenn er gedrückt wurde, die Gasannahme auf 60 Prozent reduziert. Die visuelle Information, ob die Reduktion erfolgt ist, wird über eine kleine Leuchtdiode oberhalb der Lenkradverkleidung angezeigt. So entschleunigt ist es auch einfacher, zu lernen, mit der Handbremse umzugehen. Die muss nämlich in Fahrtrichtung nach vorn geschoben werden, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Wer zu kräftig schiebt, macht kurzerhand eine Vollbremsung. Auch hier sind die Arbeitswege deutlich kürzer als beim Bremspedal.

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Alles mit den Händen zu steuern erweist sich als gar nicht so einfach.

(Foto: Bernhard Filser)

Ist das alles einmal ausprobiert, geht es an die Fahrübungen. Zu denen gehört das Ausweichen ebenso wie das Reagieren auf ein Über- oder Untersteuern des Autos. Ganz wichtig auch das rechtzeitige und konsequente Bremsen sowie die Slalomfahrt. Eine Übung, die schon einiges Feingefühl in den Händen verlangt, die allein wegen des Gasrings nicht so locker über das Lenkrad geführt werden können, sondern auf 3 und 9 Uhr verharren müssen. Einziger schlüssiger Grund, die rechte Hand zu bewegen, ist der, um die Bremse zu bedienen. Aber noch etwas anderes macht das schnelle Slalomfahren für Querschnittsgelähmte schwierig: "die fehlende Rumpfstabilität", erklärt die Instruktorin. Angesichts dieser ganz anders gearteten Koordination ist es dann um so beeindruckender, wie gekonnt und zielgenau Schmitt-Kindel um die Pylonen pfeilt, um am Ende auf dem Punkt zum Stehen zu kommen.

Reichlich Power für den Spaß

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht folgt dann natürlich die Aufforderung an den Autor, Gleiches zu tun. Und das ist trotz vorhandener Rumpfstabilität alles andere als einfach. Hinzu kommt, und das macht dann wieder die Freude am Fahren aus, dass BMW für dieses Fahrsicherheitstraining keine Einstiegsmodelle bereitstellt. Unter den insgesamt sechs Fahrzeugen sind ein Mini John Cooper Works mit 230 PS, ein BMW M3 mit 480 PS, ein BMW 430i mit 258 PS oder ein BMW 330e mit 204 PS Systemleistung.

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Vor allem die schnellen Ausweichmanöver sind für Querschnittsgelähmte nicht ohne, fehlt ihnen doch die nötige Rumpfstabilität.

(Foto: Bernhard Filser)

Also alles Autos, die durchaus schnell sein können und bei den Parcours-Fahrten eine gehörige Portion Spaß versprechen. Jetzt hat der eine oder andere bei den Leistungsstufen der Fahrzeuge sicher auch die Drift im Hinterkopf. Die gibt es hier aber nicht. Das verhindern der Gasring und die Handbremse. Nichtsdestotrotz macht der mit einem normalen Aufbautraining zu vergleichende Kurs unglaublich Spaß. Allein schon, weil Schmidt-Kiendl nichts als gute Laune verbreitet. Über das Funkgerät im Auto erfolgen die Korrekturempfehlungen und so kann sich selbst der absolute Laie schnell in die Fahrübungen einfinden.

Für 150 Euro

Aber wie kommen jetzt Menschen mit Handicap an ein solches Training der Driving Experience in Maisach? Grundvoraussetzung ist, dass im Führerschein vermerkt wurde, dass der Umgang mit einem Wagen per Joystick oder Gasring erlaubt ist. Dann können sich Interessenten ab dem 16. Juni über die Seite der Driving Experience anmelden. Die ersten Kurse starten am 3. Juli, wobei die Teilnehmerzahl pro Kurs auf 10 Personen beschränkt ist.

Zu zahlen sind für das Training 150 Euro. Ein durch BMW subventionierter Preis, denn im Normalfall werden für einen solchen Kurs etwa 400 Euro fällig. Vorerst sind auch nur zehn Trainings im Jahr in Maisach in Bayern geplant. Sollte die Nachfrage größer sein, lässt sich das Ganze problemlos erweitern und auf andere Standorte übertragen. Tina Schmidt-Kiendl jedenfalls ist zuversichtlich, dass sie mit dem Angebot einen Nerv treffen wird, denn: "Manchmal braucht es die eigene Betroffenheit, damit eine solche Idee entstehen kann."

Quelle: ntv.de

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