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55 Jahre Citroën DS Vom Himmel gefallen

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Ein Citroën DS 19 "La Croisette" von Chapron aus dem Jahr 1958.

Sie wurde bewundert, angebetet und manchmal auch verflucht – eben wie eine richtige Göttin. Der Citroën DS von 1955 war ein technischer und emotionaler Meilenstein in der Geschichte des Automobils, der sich bis heute auf die Marke mit dem Doppelwinkel auswirkt.

Vor genau 55 Jahren, am 6. Oktober 1955, wurde im prachtvollen Grand Palais des Pariser Automobilsalons ein revolutionäres Fahrzeug präsentiert, das sich wie kein anderes in die Geschichte von Technik, Kunst und Kultur eingeschrieben hat: Der futuristische Citroën DS - auf Französisch gesprochen Déesse, also "Göttin". Aufgenommen wurde die DS von den Salonbesuchern mit einzigartiger Begeisterung. 750 Kundenbestellungen in den ersten 45 Minuten nach Vorstellung des Autos und 12.000 Kaufverträge am Ende des ersten Messetages sind ein Rekord für die Ewigkeit. Insgesamt wurden es rund 1,5 Millionen Citroën DS in 20 Jahren, erst dann avancierte der Nachfolger Citroën CX zum neuen Inbegriff der Avantgarde in der oberen Mittelklasse.

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Die Déesse - mystisches Objekt direkt vom Himmel.

Der französische Kulturphilosoph Roland Barthes verglich die Vorstellung und Wirkung der Déesse gar mit den großen gotischen Kathedralen und bezeichnete den skulptural geformten Citroën als mystisches Objekt, das vom Himmel gefallen sei. In der "Göttin" befinde sich "der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung", da sie ausschließlich durch die Kraft ihrer fantastischen Form zusammengehalten werde. Tatsächlich war es aber nicht nur die schöne, stromlinienförmige Karosserie mit fast frei schwebendem Dach, die dem großen Citroën einen Platz im automobilen Olymp sicherte und zahllose Auftritte in großen Kinofilmen an der Seite von Stars wie Alain Delon oder Cathérine Deneuve schenkte . Es waren auch die beispiellosen technischen Innovationen, mit denen die radikal avantgardistische Limousine die damalige Welt ähnlich überforderte wie zwölf Jahre später der NSU Ro 80 mit Keilform und Wankelmotor. Mit dem Unterschied, dass die technikgläubigen Franzosen die DS dennoch annahmen und Citroën einen vorübergehenden kommerziellen Erfolg bescherten. Am Ende der langen Karriere der "Göttin" geriet die technikverliebte Marke Citroën allerdings wieder einmal in Liquiditätsprobleme und wurde mehrheitlich von Peugeot übernommen - nachdem Ro-80-Hersteller NSU zuvor vom Volkswagenkonzern gekauft worden war.

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Ein Citroën DS rettet Charles de Gaulle 1962 das Leben.

Zurück zu den Anfängen und den technischen Meilensteinen, die die Déesse setzte. Scheibenbremsen vorn, zwei unabhängige Bremskreise, Gürtelreifen, Einspeichen-Sicherheitslenkrad, Servolenkung, automatische Kupplung und hydropneumatisches Fahrwerk ermöglichten ein bisher nicht gekanntes Komfort- und Sicherheitsniveau, das im August 1962 womöglich sogar Präsident Charles de Gaulle das Leben rettete. Bei einem Attentatsversuch konnte die große Citroën Limousine dank Hydropneumatik auch mit drei Rädern weiterfahren. Für Citroën unbezahlbare Werbung und für De Gaulle bester Beweis für die Unvergleichbarkeit französischer Ingenieurskunst, die er Staatsgästen bereits anlässlich der DS-Weltpremiere auf dem Pariser Salon vorgestellt hatte. Das Citroën-Flaggschiff – De Gaulle fuhr eine beim Karossier Chapron gebaute DS Prestige – galt als technisches Wahrzeichen der Grande Nation, so wie der längste Transatlantikliner aller Zeiten, die "France" von 1961, der Überschallverkehrsjet "Concorde" von 1969 oder der schnelle TGV auf der Schiene. Diesen Sonderstatus des Citroën-Flaggschiffs unterstrichen auch die verwendeten Karosseriematerialien wie neuartiger, glasfaserverstärkter Kunststoff für das Dach und Aluminium für die Hauben. Als die DS 1967 ihre letztgültige Überarbeitung und Form mit Doppelscheinwerfern hinter Glas erhält, sorgen in Kurven mitlenkende Fernscheinwerfer für Weitsicht und Aufsehen.

Bild der Zuverlässigkeit und Unzerstörbarkeit

Mit diesen teils genialen Innovationen erntete die 4,80 Meter lange Limousine Aufsehen und Aufmerksamkeit, nur im Export blieben die Verkaufszahlen mancherorts niedrig. Kein Wunder, kostete die DS etwa in Deutschland anfangs deutlich mehr als vergleichbare Mercedes oder Borgward. Citroën reagierte rasch und schob die preiswertere Einstiegsvariante ID (für "Idee") nach. Auch die über fünf Meter messenden Kombis Break und Familiale sorgten ab 1959 für eine nachdrückliche Belebung des Geschäfts, nahmen sie doch fast eine Alleinstellung im Segment ein. 3,13 Meter Radstand ermöglichten ein konkurrenzlos großes Raumangebot, ideal für Sonderfahrzeuge wie Ambulanzen und Zeitungstransporte, etwa um große deutsche Tageszeitungen an Händler in Frankreich auszuliefern. Auf der Antriebsseite blieb es beim Vierzylinder, anders als beim Vorgänger Citroën Traction Avant, der bis 1955 wahlweise mit Sechszylinderaggregat lieferbar war. In Ländern wie Deutschland fehlte der DS ein standesgemäßes Triebwerk, mit dem die flammend-futuristische Französin gegen Autos wie den BMW 2500 antreten konnte. Daran änderte eine Hubraumvergrößerung auf 2,3 Liter (1972 bei der DS 23) ebenso wenig wie die Einführung einer elektronischen Benzineinspritzung. Wesentlich wichtiger waren Qualitätsprobleme, die sich ab 1970 einstellten. Rost drohte die Zahl der DS-Limousinen vorschnell zu reduzieren. Ein Makel, der sich auch durch die 1973 erfolgte Verlagerung der Produktion ins Werk Aulnaysous-Bois nicht abstellen ließ.

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Auf der sportlichen Seite sollten dafür Triumphe bei legendären Rallyes wie Monte Carlo, Bandama und Marokko ein Bild der Zuverlässigkeit und Unzerstörbarkeit aufbauen. Besondere Noblesse verkörperte dagegen seit 1961 das DS Cabriolet. Der elegante offene Fünfsitzer wurde beim französischen Edelkarossier Henri Chapron gefertigt und kostete stattliche 50 Prozent Aufpreis im Vergleich zur DS-Limousine. Noch teuerer waren nur die ebenfalls bei Chapron gebauten Repräsentationslimousinen DS Prestige mit Trennscheibe und Funktelefon für Chauffeurbetrieb. Anspruchsvollen Normalkunden offerierte Citroën ab 1964 die Spitzenversion Pallas, die sich mit allen gängigen Ausstattungsdetails der Oberklasse schmückten - nur der entsprechende Motor fehlte.

Dieser wurde zwar 1974 als Gemeinschaftsentwicklung von Peugeot, Renault und Volvo vorgestellt, bis die Citroën-Flaggschiffe den V6 erhielten, sollten aber noch zwei Modellgenerationen vergehen. Da war die "Göttin" längst im Olymp der ultimativen Sammlerfahrzeuge angekommen. Anlässlich des 50. Geburtstags der DS trafen sich in Paris 2005 Enthusiasten mit insgesamt 1600 Citroën Déesse und das nächste runde Jubiläum soll noch größer zelebriert werden.

Quelle: n-tv.de, sp-x

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