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In Deutschland spät durchgesetztWie funktionieren eigentlich Winterreifen?

24.01.2026, 18:41 Uhr
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Wenn es mal glatt wird auf den Straßen, sollen Winterreifen für mehr Grip sorgen. (Foto: picture alliance / photothek.de)

Der Winterreifen dürfte jedem ein Begriff sein, auch denen, die selbst nicht Auto fahren. Doch was macht diesen Spezialisten rein technisch betrachtet so besonders? Es kommt vor allem auf zwei Parameter an, die für mehr Griffigkeit auf Schnee sorgen.

Winterreifen sind Spezialisten, die bei Kälte, Nässe, Eis und Schnee deutlich mehr Grip als Sommerreifen liefern. Während Letztere ihre Stärken bei hohen Temperaturen ausspielen, zielen Winterreifen auf Bedingungen, bei denen Fahrbahnoberflächen rutschiger werden und herkömmliche Gummimischungen an Haftung verlieren. Damit gewährleisten Winterreifen sicheres Vorankommen, selbst wenn die Witterung für schwierige Bedingungen sorgt.

Die Idee für speziell auf winterliche Witterung optimierte Reifen geht bis in die 1930er-Jahre zurück. Damals experimentierten Hersteller mit weicheren Gummimischungen und gröberen Profilen, um die Traktion auf Schnee zu verbessern. In Deutschland konnte sich der Winterreifen allerdings erst deutlich später durchsetzen. Bis in die 1970er-Jahre hinein galten Schneeketten als gängige Lösung. Der Winterreifen fand lediglich in alpinen Regionen größere Verbreitung.

Eigenständige Produktkategorie ab 1980er Jahren

Mit wachsender Motorisierung, höheren Fahrleistungen und dichterem Verkehr änderte sich das. Spätestens in den 1980er-Jahren etablierten sich Winterreifen als eigenständige Produktkategorie. Die Technik entwickelte sich rasant. Aus den einfachen Lamellenprofilen wurden rechnergestützt entwickelte, hochkomplexe Laufflächen.

In Deutschland gewann der Winterreifen zusätzlich an Bedeutung, als 2010 die situative Winterreifenpflicht eingeführt wurde. Seither ist er nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein Rechtsfaktor.

Gummimischung macht den Unterschied

Technisch liegt der zentrale Unterschied zwischen Sommer- und Winterreifen in der Gummimischung. Winterreifen enthalten einen höheren Anteil an Naturkautschuk sowie spezielle Silica-Komponenten. Diese Mischung bleibt auch bei niedrigen Temperaturen flexibel. Sommerreifen hingegen verhärten bei Kälte, was ihren Kontakt zur Fahrbahn mit zunehmender Kälte verschlechtert. Die oft zitierte Sieben-Grad-Regel ist kein Gesetz, beschreibt aber gut den Punkt, ab dem Winterreifen ihre Traktionsvorteile ausspielen können.

Neben der Gummimischung spielt auch das Profil eine entscheidende Rolle für guten Grip bei winterlichen Straßenbedingungen. Winterreifen verfügen über tiefere Rillen und eine große Anzahl feiner Einschnitte, sogenannter Lamellen. Diese öffnen sich beim Abrollen, um sich dabei besser mit Schnee und Eis zu verzahnen. Gleichzeitig sorgen breite Profilkanäle dafür, Wasser und Schneematsch effizient abzuleiten, was einem Aquaplaning-Risiko entgegnen soll. Die einzelnen Profilblöcke sind zudem beweglicher ausgelegt, können sich leicht verformen und passen sich so glatten oder unebenen Untergründen besser an.

Winterreifen sind weicher

Sommerreifen sind hier bewusst steifer konstruiert, um bei hohen Temperaturen präzise Lenkreaktionen und kurze Bremswege zu ermöglichen. Diese weichere Auslegung ist zugleich der größte Nachteil von Winterreifen bei milder oder warmer Witterung: Die flexiblen Profilblöcke verformen sich stärker, was zu längeren Bremswegen, schwammigerem Lenkgefühl und höherem Rollwiderstand führen kann. Zudem verschleißen Winterreifen, vor allem wenn höhere Temperaturen vorherrschen, deutlich schneller als Sommerreifen.

Ein weiterer technischer Aspekt betrifft die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Aufgrund ihrer weicheren Gummimischung und der stärker beweglichen Profilstruktur sind viele Winterreifen für geringere Geschwindigkeiten freigegeben als Sommerreifen. Das zeigt sich im sogenannten Geschwindigkeitsindex, der auf der Reifenflanke angegeben ist. Liegt dieser unter der bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs, ist das im Winterbetrieb zulässig - allerdings nur, wenn im Sichtfeld des Fahrers ein entsprechender Aufkleber oder eine Anzeige auf die reduzierte Maximalgeschwindigkeit hinweist. Hintergrund ist weniger die reine Haftung als vielmehr die thermische Belastbarkeit: Bei sehr hohen Dauergeschwindigkeiten kann ein Winterreifen schneller überhitzen und verschleißen.

Dazwischen. Ganzjahresreifen

Zwischen Sommer- und Winterreifen positionieren sich Ganzjahresreifen. Technisch vereinen sie Eigenschaften beider Reifentypen. Ihre Gummimischung ist so abgestimmt, dass sie weder bei Hitze zu weich noch bei Kälte zu hart wird. Im Profil finden sich sowohl Sommer- als auch Winterelemente: weniger Lamellen als beim reinen Winterreifen, dafür stabilere Profilblöcke für den Einsatz bei warmen Temperaturen. Dieser Spagat macht Ganzjahresreifen vor allem in Regionen mit milden Wintern attraktiv. Technisch bleiben sie jedoch ein Kompromiss und erreichen bei extremen Bedingungen nicht ganz das Niveau der jeweiligen Spezialisten.

Rechtlich gilt in Deutschland keine kalendarische, sondern eine situative Winterreifenpflicht. Bei winterlichen Straßenverhältnissen wie Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte dürfen Fahrzeuge nur mit geeigneter Bereifung unterwegs sein. Als geeignet gelten Winter- oder Ganzjahresreifen mit dem Alpine-Symbol, einem Bergpiktogramm mit Schneeflocke. Das früher verbreitete M+S-Zeichen allein reicht seit Oktober 2024 nicht mehr aus. Wer bei winterlichen Bedingungen ohne passende Bereifung fährt, riskiert Bußgeld, Punkte und im Schadensfall Ärger mit der Versicherung.

Winterreifen sind damit weit mehr als grobstollige Gummis für Schnee. Sie sind hochentwickelte Sicherheitssysteme, deren Material, Profil und Konstruktion auf kalte und rutschige Bedingungen abgestimmt sind. Zusammen mit klaren gesetzlichen Vorgaben bilden sie die Grundlage für sichere Mobilität im Winter - auf verschneiten Landstraßen ebenso wie auf nassen Autobahnen.

Quelle: ntv.de, Mario Hommen, sp-x