Rathgeber Fine Hotels Dieses Hotel in St. Pauli rockt nicht so richtig
Carsten K. Rath
Mitten in Hamburgs dynamischem Stadtteil St. Pauli erhebt sich ein historischer Bunker – heute Heimat des "Reverb by Hard Rock Hotel". Doch auch wenn Lage und Angebot überzeugend scheinen, bleiben gerade an dieser Adresse viele Wünsche für Geschäftsreisende offen.
Was macht man mit einem 75 Meter breiten Betonbunker aus der Kriegszeit, dessen Abriss zu teuer und gefährlich wäre? In Hamburg steht so ein Koloss: der Bunker in St. Pauli, 1942 errichtet, sollte er Schutz vor Bombenangriffen bieten und zugleich als Geschützplattform dienen. Seitdem thront er wie ein grauer Riese über der Stadt – zu massiv, um ihn verschwinden zu lassen, und zu dominant, um ihn einfach zu ignorieren.
Also hat man ihn als urbanes Wahrzeichen neu erfunden: Etagen aufgestockt, oben begrünt, mit Restaurants sowie Eventflächen versehen und ein Hotel hinzugefügt, das zur "Hard Rock"-Marke gehört. Für mich stellt sich dabei die Frage: Kann so ein Ort auch für Geschäftsreisende interessant sein? Für das Gütesiegel "Fine Hotels" bin ich auf der Suche nach Adressen, die Business und Komfort zusammenbringen. Ich bin gespannt, ob ich hier tatsächlich einen Ort fürs Arbeiten und Ankommen finde – oder ob es am Ende doch nur ein Touristenfänger in spektakulärer Hülle bleibt.
St. Pauli hat mich schon immer fasziniert. Kaum ein anderes Viertel in Hamburg zeigt seine Widersprüche so unverblümt: Da gibt es mit dem "Haebel" ein Sterne-Restaurant in einer ruhigen Seitenstraße, während nur wenige Straßen weiter das Rotlichtmilieu pulsiert und das Millerntor-Stadion zum Alltag der Nachbarschaft gehört. Mittendrin thront der Bunker samt "Reverb by Hard Rock Hotel", direkt angrenzend an das lebhafte Karoviertel.
Bahnhofsvorplatz oder Hoteleingang?
Mein erster Eindruck: Es ist schmutzig. Vor dem Eingang begrüßt mich ein überquellender Zigarettenständer vor einem großen Graffito. Eine mögliche Erklärung erhalte ich später: Der gesamte Bunker inklusive aller Zimmer gilt als rauchfreie Zone, also flüchten die Raucher nach draußen – dorthin, wo auch viele Touristen vorbeiströmen. Von außen erinnert mich das eher an einen Bahnhofsvorplatz als an einen Hoteleingang, doch im Inneren wird es deutlich besser. Die Einrichtung ist modern, angenehm unaufgeregt und kommt glücklicherweise ganz ohne das übertrieben humorvolle Design aus, an dem sich Hotels wie "25 Hours" versuchen. Geschäftsreisende treffe ich hier allerdings kaum.
Stattdessen spürt man sofort die Handschrift der Marke: "Hard Rock International" betreibt Touristen-Cafés, Hotels und Resorts in über 70 Ländern, immer mit direktem Bezug zur Musik- und Rockkultur. Die Eigenmarke "Reverb" soll ein junges, urbanes Publikum ansprechen. Der Musikbezug zieht sich sichtbar durch das ganze Haus: Überall sind Instrumente ausgestellt, Poster von Rock-Ikonen hängen an den Wänden. Regelmäßig finden Ausstellungen mit Künstlern statt. Wer von all dem noch ein Stückchen "Hard Rock"-Gefühl mit nach Hause nehmen möchte, findet im hauseigenen "Rock Shop" das passende Souvenir.
Guter Zimmerkomfort mit technischen Highlights
Das Hotel verfügt über 134 Zimmer, die dank der Höhe des Bunkers einen großartigen Blick über Hamburg eröffnen. Auf dem Weg zu meinem Zimmer überkommt mich jedoch ein leicht beklemmendes Gefühl – die Flure wirken dunkel und trist. In meinem Eckzimmer mit rund 21 Quadratmetern ändert sich die Stimmung zum Glück sofort. Es ist hell, offen, deutlich freundlicher als erwartet. Das Waschbecken mit Spiegel steht mitten im Raum, Toilette und Dusche liegen zum Glück separat.
Für diese Preiskategorie überzeugt mich die Ausstattung: ein großer Flachbildschirm, ein integriertes Alexa-System sowie eine Kapselkaffeemaschine mit To-go-Bechern. Dazu hängt in jedem Zimmer ein einzigartiges, handgemaltes Graffito. Ein kleines, aber feines Detail. Mein Highlight ist der hervorragende Blick über Hamburg – weit über die Stadt hinaus, eingerahmt von den grünen Flächen auf dem Bunker. Beim Bett bleiben meine Wünsche unerfüllt: Die Matratze ist sehr weich, die Kissen sind noch weicher. Es fehlt ihnen völlig an Rückstellkraft. Doch insgesamt überwiegt für mich im Zimmer der positive Eindruck.
Pluspunkte gibt es für das WLAN. Es ist kostenfrei und ich kann mich ohne komplizierte Anmeldung einloggen. Was mich allerdings etwas irritiert, sind die Aufzüge. In meiner Etage finde ich nur zwei, und ich muss ungewöhnlich lange warten. Für die Anzahl der Zimmer ist das zu wenig.
Es gibt drei gastronomische Anlaufstellen, ich entscheide mich für das Restaurant "La Sala" . Es ist fast den ganzen Tag geöffnet – vom Frühstück bis zum Dinner, lediglich mit kurzen Pausen am Vormittag und am Nachmittag. Die Gerichte untereinander zu teilen, ist hier ausdrücklich erwünscht, ob beim gegrillten Flanksteak, den Steinpilzravioli oder dem Miso-Blumenkohl. Dazu kommt eine entspannte Atmosphäre mit aufmerksamem Service. Businessreisende, die Meetings oder Events für größere Gruppen planen, können die Lobbys und Restaurants auf Anfrage exklusiv buchen. Auch wenn das "Reverb by Hardrock" kein klassisches Konferenzhotel ist, bietet es damit dennoch eine Möglichkeit, Zusammenkünfte professionell umzusetzen.
Ich verlasse das Hotel mit gemischten Gefühlen. Die zentrale Lage ist praktisch, doch die Atmosphäre bleibt stark touristisch geprägt. Die Trennung zwischen Straßenpublikum und Hotelgästen gelingt nur teilweise. So entsteht schnell der Eindruck, dass ständig zu viele Menschen unterwegs sind – Schaulustige, Besucher des Dachgartens oder einfach Neugierige, die ein Erlebnis vermuten. Für Hotelgäste bedeutet das: wenig Ruhe.
Das schmuddelige Umfeld würde mich in Zukunft davon abhalten, hier erneut einzuchecken. Die Zimmer und die öffentlichen Bereiche sind in Ordnung, aber drumherum wirkt vieles ungepflegt. Das hat sicher mit der großen Zahl an Touristen zu tun – angenehm ist es trotzdem kaum, vor allem, wenn man geschäftlich unterwegs ist.
Ob die Stadt dieses Hotel wirklich braucht? Sie hat auf jeden Fall eine gelungene neue Nutzung für diesen wuchtigen, einst unschönen Bunker gefunden. Wer nach Hamburg reist, etwas Besonderes sehen möchte, Lust auf ein Design-Erlebnis hat und bereit ist, dieses mit vielen Touristen zu teilen, für den ist dieses Hotel einen Besuch wert. Für Geschäftsreisen eignet sich das "Reverb by Hard Rock" jedoch weniger: Der Aufwand ist zu hoch und die Atmosphäre wenig geschäftsorientiert.
Raths Reise-Rating (aktuelle Wertung gefettet)
Ganz großes Kino
Wenn’s nur immer so wäre
Meckern auf hohem Niveau
So lala, nicht oh, là, là
Besser als unter der Brücke
Ausdrückliche Reisewarnung
Fakten zum Hotel
| Name | Reverb by Hard Rock |
| Ort | Hamburg |
| Stadtteil | St. Pauli / Heiligengeistfeld |
| Zimmerpreis pro Nacht (von - bis) | ca. 140 Euro (Classic) bis ca. 180 Euro (Suite) |
| Flughafen | Hamburg Airport Helmut Schmidt (HAM) |
| Anreise | 3 km vom Hamburger Hauptbahnhof, 12 km vom Flughafen (HAM) |
| Fitness & Wellness | Hotelgäste erhalten einen vergünstigten Eintritt im UFC-Gymn im Bunker |
| Konferenzbereich | Lobbys und Restaurants lassen sich auf Anfrage für Meetings buchen |
| Besondere Empfehlungen | Im Frühjahr, Sommer und Winter wird das Heiligengeistfeld zum Schauplatz des Hamburger Doms, Norddeutschlands größtem Volkfest |
