Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Lässt sich ein Virus hacken?

Hacker.jpg

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Modular Project - Past Present Future

(Foto: Shutterstock / Agafred)

Noch vor ein paar Wochen konnte man Deutschland mit Fug und Recht als digitales Entwicklungsland bezeichnen, ohne dafür viel Gegenwind befürchten zu müssen. Das ändert sich gerade in schwindelerregender Geschwindigkeit - mit aufregenden Aussichten.

Das Internet, machen wir uns da mal nichts vor, ist nicht mehr das, was es mal war: Mehr als ein Drittel des Traffics besteht tatsächlich aus Verkehr, der pornofreie Rest wird dann mit Katzenvideos, Instagram-Storys und Hasskommentaren aufgefüllt - und voila, fertig ist der zähflüssige Contentbrei, der unsere Hirne auf täglicher Basis zuverlässig verstopft. Normalerweise jedenfalls, denn in Zeiten von Corona zeigt das Internet, was es wirklich draufhat, wenn man es nur ordentlich füttert: Plötzlich können Millionen von Menschen dezentral im Homeoffice arbeiten, vernetzen sich Kliniken in ganz Deutschland untereinander oder schaffen es Angehörige, mit ihren älteren und schwächeren Familienmitgliedern trotz Isolation Kontakt zu halten und sich gegenseitig Trost zu spenden.

Man könnte also meinen, das Wunder der Digitalisierung überkomme Deutschland gerade wie ein Dieb in der Nacht, völlig unvermittelt und ohne Vorwarnung. Dass die Jüngeren und Aufgeschlosseneren schon seit Jahren bemängeln, dass Deutschland beim Thema Digitalisierung hinterherhinkt: Schnee von gestern, immerhin bekommt die Bundesrepublik gerade einen Intensiv-Crashkurs zum Thema, dem sich nun wirklich kaum einer entziehen kann. Auch nicht die Bundesregierung selbst, die ihren schweren Fuß von der Bremse hebt und stattdessen mit voller Kraft aufs Gaspedal steigt.

"#WirVsVirus - Der Hackathon der Bundesregierung" heißt die Initiative, mit dem das sonst eher unauffällige Bundeskanzleramt in der vergangenen Woche einen völlig unerwarteten Erfolg feierte: 43.000 Menschen meldeten sich für das Format an, bei dem innerhalb von 48 Stunden möglichst kreative und effiziente Lösungen für die dringendsten Herausforderungen der Corona-Krise gesucht wurden.

Vielversprechende Hackathon-Projekte

  • Das "digitale Wartezimmer" soll überfüllte und damit potentiell gefährliche Arztpraxen entlasten.
  • "Small Business Hero" macht aus dem kleinen Laden um die Ecke einen Online-Händler, ohne die üblichen Vermittlungsgebühren bekannter Anbieter (Amazon, Ebay, Etsy, etc...).

  • "U:Do" soll Unternehmen bei der komplizierten Beantragung von Kurzarbeitergeld unbürokratisch unter die Arme greifen.

  • "Colivery" will Nachbarschaftshilfen effizienter gestalten - mit einem Algorithmus für optimierte Routenführung.

  • "Print4Life" will private 3D-Drucker dabei unterstützen, ihren Teil zum großen Ganzen zu leisten - und hilft beispielsweise beim Druck von Beatmungsgeräten oder Bauteilen davon sowie ihrer Distribution.


Über 1500 Projekte wurden von teils wildfremden Menschen gemeinsam bearbeitet, 197 besonders vielversprechende blieben am Ende übrig und wollen nun finanziert werden. So soll eine Logistik-App Warenketten durch Kollaboration vor dem Kollaps retten, eine andere namens "Fastbordercrossing" will die Horrorstaus der vergangenen Wochen in Zukunft verhindern.

"Digitaler Trendsetter" Deutschland?

Am Montag schließlich stellte eine Jury bei Youtube 20 Projekte vor, die bereits kurz vor ihrer Fertigstellung stehen - nur etwas mehr als eine Woche nach ihrem Pitch, also der ersten Präsentation. "Die Teilnehmer haben in diesen Stunden das Internet zu dem gemacht, was es einmal war: ein Begegnungsort der besten und offensten Art", sagt Helge Braun, der Chef des Bundeskanzleramts, deshalb im Rückblick. Ich bin geneigt, ihm da voll und ganz zuzustimmen: Teilnehmer des Hackathons loben den Open-Source-Ansatz, also die öffentliche und freie Verfügbarkeit und den Austausch von Wissen; sie feiern die Zusammenarbeit mit anderen ohne die Angst, ihrer kostbaren Ideen beraubt zu werden; und sie freuen sich über die diverse Altersstruktur der Corona-Hacker: Zwei von fünf Teilnehmern waren schließlich schon über 35.

Dass es ausgerechnet eine tödliche Pandemie brauchte, um den Daten-Muff von 20 Jahren (oder meinetwegen auch 30) mal kräftig auszulüften und zumindest in Ansätzen zurück zu den hehren Grundgedanken einer konstruktiv vernetzten Welt zurückzufinden, hätte ich zwar nicht gedacht - aber da es nun mal so ist, sollten wir die Chance nutzen und die zarten Triebe einer gesamtgesellschaftlichen Digitalkompetenz hegen und pflegen, so gut wir eben können.

Dass der Ansatz richtig ist, zeigt das Interesse diverser anderer Länder wie der Schweiz, Indien oder Kanada, die nun ebenfalls einen Hackathon nach deutschem Vorbild ausrichten wollen. Und Kanzleramtschef Braun darf einen Satz sagen, der vor ein paar Wochen noch für allgemeines Amüsement gesorgt hätte: "Da ist Deutschland zum ersten Mal ein digitaler Trendsetter." Sorgen wir dafür, dass es auch so bleibt!

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Modular Project - Past Present Future

Quelle: ntv.de