Leben

Zeitkapsel des eigenen Lebens Die "Positions" muss zeigen, wie Messe geht

Direktoren POSITIONS, links_ Kristian Jarmuschek, rechts_ Heinrich Carstens credits_ Clara WenzelTheiler.jpg

Kristian Jarmuschek und Heinrich Carstens wollen zurück zur Normalität.

(Foto: Clara Wenzel-Theiler)

Position beziehen, Verantwortung übernehmen, zeigen, dass es trotz Covid-19 geht: Die erste deutsche Kunstmesse 2020 geht in Berlin-Tempelhof an den Start. Nach den vielen Messen, Konferenzen, Konzerten, die in diesem Jahr abgesagt und verschoben wurden, ist "einfach mal machen" nicht ganz so einfach, schließlich gibt es jede Menge Regelwerk. Trotzdem landen auf der "Positions" ab dem 10. September vier Tage im ehemaligen Berliner Flughafen 120 Galerien aus Berlin, Stuttgart, Köln oder Weimar, aber auch Vilnius, Florenz oder Amsterdam. In den Hangars der "Positions" sind auch die kleinere "Paper Positions" und als "special guest" die Photo Basel sowie die "Fashion Positions" dabei. Neben aktueller Malerei, Skulpturen und Papierarbeiten kann der Besucher auch Fotografie und neueste Mode entdecken - eine abwechslungsreiche Liaison. Die Gründer der kleinen, feinen Messe, Heinrich Carstens und Kristian Jarmuschek, haben mit ntv.de gesprochen: Über Vorschriften, Vernetzung, und die Vorbildfunktion, die sie jetzt auch für andere Messen in Deutschland übernehmen.

ntv.de: Die Zeit ist aus den Fugen. Sie trauen sich trotzdem die erste Kunstmesse des Jahres 2020 in Deutschland zu machen. Warum?

Kristian Jarmuschek: Wir wollen zurück zur Normalität. Zeigen, dass Kulturveranstaltungen eben doch in unser neuen Realität umsetzbar sind. Eine Messe ist ein ganz tolles Erlebnis, danach sehne nicht nur ich mich. Es passiert so viel auf der "Positions". Der Besucher kann Kunst sehen, sich aber auch mit Galeristen, Künstlern und anderen Gästen austauschen. Man erlebt auf allen Seiten Wertschätzung, es entstehen Dynamiken ...

... die da wären?

POSITIONS Berlin Art Fair 2019_05 copyright_Clara Wenzel-Theiler.jpg

Hauptsache, kein neuer Viren-Hotspot. Auf der "Positions" hat dieses Thema oberste Priorität.

(Foto: Clara Wenzel-Theiler)

Jarmuschek: Plötzlich ist ein Künstler in aller Munde, das kann man nicht im stillen Kämmerlein planen. Es ist wichtig, in Zeiten von Corona Verantwortung zu übernehmen und sich dieser Verantwortung zu stellen. Da sind auf der einen Seite die Künstler und Aussteller, aber eben auch die Besucher. Alle sollen an einen Ort kommen können, der so gut organisiert ist, dass dort kein neuer Viren-Hotspot entsteht.

Der Messebesuch ist mit neuen Regeln verbunden.

Heinrich Carstens: Grundsätzlich gilt das, was überall gilt. Wir werden mit der Maskenpflicht sehr streng sein. Jeder, der den Hangar betritt, muss eine Maske tragen und sie auflassen. Natürlich fragen wir Kontaktdaten ab, damit wir wissen, wer wann da war. Die Temperatur wird gemessen, Desinfektion und Abstand sind genauso wichtig. Das können wir leisten, da die Gänge doppelt so breit gebaut sind wie normalerweise. Mit 14 Meter Raumhöhe und 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kann die Aerosoldichte auf einem niedrigem Level gehalten werden. In jedem Hangar sind Fluchttüren, die je nach Wetter für viel extra frische Luft sorgen. Ticketing, Garderobe, Catering, also alle Stellen, wo Menschen in größeren Gruppen zusammentreffen könnten, werden entzerrt. Wir haben den Luxus des überdachten Rollfeldes, so entsteht zu keinem Zeitpunkt ein Nadelöhr.

Mehr Platz ist angenehm und die Masken sind ja schon so was wie "das neue Normal". Sie sind erfahrene Veranstalter, machen diese Art der Messe zum 16. Mal - was ist noch anders?

Jarmuschek: Vergnügungsanimierende Aktionen, wie es so schön heißt, muss man als Veranstalter vermeiden. Also eng zusammenstehen, trinken, ausgelassen feiern, findet auf der "Positions 2020" nicht statt. Aber 750 Leute gleichzeitig sind im Innenraum erlaubt. Bei insgesamt 23.000 Besuchern im vergangen Jahr hatten wir in der Hochphase ungefähr 500 Gäste zeitgleich da. Dieses Mal rechnen wir eher mit weniger Menschen. Über ein Kamerasystem wissen wir genau, wie viele Menschen im Gebäude sind, wie viele davor.

Apropos Kamerasystem, online ist in Pandemiezeiten definitiv im Kunstmarkt angekommen. Wird ein digitales Programm angeboten?

Carsten: Ja, es gibt die "Live.Positions". Über einen permanenten Livestream kann jeder im Netz sehen, was auf der Messe passiert. Führungen über die Messe werden aufgezeichnet, so kann jeder teilnehmen. Zudem können die Galerien direkt von ihrem Stand in Tempelhof einen kleinen Imagefilm zeigen. Neu ist auch, dass der virtuelle Besucher über diese Plattform direkt in Kontakt mit dem Galeristen treten kann.

Wie ist diese Idee entstanden?

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Hangar 3 und 4 auf dem Flughafen Tempelhof - der ideale Platz.

(Foto: POSITIONS)

Carstens: Während des Lockdowns gab es immer neue "online viewing rooms". Einige der abgesagten Messen wie die Art Basel haben das als Alternative angeboten. Aber virtuell bekommt man selbst mit der ausgefeiltesten Technik kein Gefühl für ein neues Kunstwerk, das da starr an der Wand hängt. Es fehlt die Bewegung, der Mensch, der von der Seite guckt, Details zeigt und ranzoomt. Das geht mit unserem Tool jetzt. Und ganz wichtig: Über ein Kunstwerk zu sprechen ist bei der Erfahrung mit Kunst das Wesentliche. Eine Messe lebt von der Kommunikation und Vernetzung. Wenn jemand mit Leidenschaft über ein Kunstwerk redet, dann betritt man eine völlig andere Welt.

Wie gehen Sie mit dem Druck um, dass diese Messe nun für alle folgenden zu einem Lackmus-Test wird?

Jarmuschek: Das sehen wir, aber empfinden es nicht als Druck. Derzeit arbeiten wir in zwei Teams, falls einer erkrankt, können wir uns aufteilen. Stellen Sie sich vor, es ist Messe und keiner von uns beiden darf hin (lacht).

Mit welchen Schwierigkeiten im Vorfeld mussten Sie kämpfen?

Carstens: Klar, wir trafen mit unserer Idee, die "Positions" trotz Corona zu realisieren, auf sämtliche Reaktionen von "ich traue mich nicht" bis zu "ich mache alles mit". Wir waren aber auch von politischen Entscheidungen abhängig. Dann sind viele Firmen involviert. Vor allem aber ist dieses Mal der Faktor Zeit anders. Es dauert länger, bis eine Entscheidung getroffen wird. Grob geschätzt sind wir mit allem anderthalb Monate verspätet.

Jarmuschek: Dazu kommt, dass viele Messebauer Kurzarbeitergeld beziehen. Zudem hatten wir das Problem, dass nicht genug Messewände verfügbar sind. Zum Teil stecken die in Lagern in Belgien oder Italien fest. Eigentlich machen wir vier Messen gleichzeitig, darüber haben wir gar nicht nachgedacht. Die "Paper Positions" musste von Ende April auf jetzt verschoben werden.

Wie ist denn die Stimmungslage bei den Galerien, den Künstlern?

Jarmuschek: Interessant ist, dass trotz der Digitalisierung viele Kollegen spiegeln, dass sie im Lockdown klassisch gearbeitet haben. Soll heißen, sie haben zum Telefon gegriffen, geredet und wie früher gearbeitet. Selbst große Galerien, die sonst auf Messen wie der Art Basel sind, hatten plötzlich Zeit für Gespräche und für die Frage, wie es der Kunstbranche in Berlin geht.

Und, geht es dem Kunstmarkt gut?

Jarmuschek: Nein, eher nicht.

Wie wirkt sich Corona auf Kunst aus?

Jarmuschek: Ich habe das Gefühl, dass die bildende Kunst in der Abbildung solcher Krisen nicht so schnell ist. Dieser Druck, mit dem wir etwas völlig Neues, die Pandemie, durchleben, das schlägt sich in der Kunst nicht so schnell nieder.

Carstens: Die allermeisten Künstler können sich nicht allein durch ihre Kunst finanzieren. Andere Jobs wie beispielsweise in der Gastronomie sind jetzt weggefallen. Das verändert das Leben radikal und wird sich irgendwann auch in ihrer Kunst zeigen.

Wie sieht Ihr Wunschbesucher aus?

Carstens: Der ist neugierig und mutig genug, sich auch Neues nach Hause zu holen. Klar, ist es Luxus, Kunst zu kaufen, du musst das Geld übrighaben. Aber sich mit dem Künstler auseinanderzusetzen und dann ein erstes Bild zu kaufen, ist etwas Bleibendes. Wie schön ist es, sich an die Situation zu erinnern, in der man ein Kunstwerk gekauft hat. Das hat was von einer Zeitkapsel des eigenen Lebens.

Mit Heinrich Carstens und Kristian Jarmuschek sprach Juliane Rohr

Die Positions Berlin Art Fair findet gemeinsam mit der Paper Positions, der Photo Basel und der Fashion Positions im Rahmen der Berlin Art Week vom 10. bis 13. September in Tempelhof Hangar 3-4 statt.

Quelle: ntv.de