Leben

Zug statt Billigflieger Die Scham beim Fliegen

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Billigflieger machen die Tickets günstig wie nie.

(Foto: dpa)

Der Flugverkehr ist ein riesiger Klimawandeltreiber. Deshalb schämen sich inzwischen viele Menschen fürs Vielfliegen. Den Anfang machen prominente Schweden, dort wird das Phänomen "Flygskam" genannt - Flugscham. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Anhänger.

Fliegen ist die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen, sagt das Bundesumweltamt. Bisher argumentierten die Vielflieger meist, es geben ja keine Alternative. Eine noch relativ kleine Gruppe versucht nun den Gegenbeweis anzutreten und sogar ganz auf das Fliegen zu verzichten. Geboren wurde der neue Trend Flygskam (zu Deutsch "Flugscham") in Schweden. Hier hat sich eine Gemeinschaft gefunden, die nicht mehr fliegen möchte. Das Ziel ist, den CO2-Ausstoß deutlich zu verringern, um die Klimabelastungen zu verringern.

"Aufgrund der Klimakrise bin ich seit März 2016 nicht mehr mit dem Flugzeug geflogen", erklärt beispielsweise die schwedische Opernsängerin Malena Erman auf der Website "no fly climate sci", auf der sich umweltbewusste Fluggegner sammeln und für ihr Anliegen werben. Einer der prominentesten Umweltschützer der Nichtflieger-Szene ist Björn Ferry. Er ist ehemaliger Weltcup- und Olympiasieger im Biathlon und hat ein Zeichen gesetzt: Er hat einen Expert-Job beim schwedischen Fernsehen nur unter der Bedingung angenommen, dass er zu den Weltcup-Orten In Norwegen, Slowenien und Italien immer mit dem Zug anreisen kann. Auf den ganz langen Strecken nutzt Ferry Nachtzüge. Die Prominenten sind gleichzeitig Teil einer Bewegung und Vorbilder für andere. Inzwischen steigen die Schweden vermehrt auf die Schiene um und nutzen deutlich öfter die Nachtzugverbindungen im Land. Allerdings sind die Schweden laut Berechnung der eigenen Naturschutzbehörde bislang auch rund fünf Mal mehr als der globale Durchschnittsbürger geflogen.

Verzicht für den Klimaschutz

Auch in Deutschland gibt es Aktivisten, die den Flugverzicht zu ihrer Mission gemacht haben. Die Initiative "Stay grounded" versucht andere Reisende davon zu überzeugen, auf das Fliegen zu verzichten. Magdalena Heuwieser von "Stay Grounded" ist ebenfalls davon überzeugt, dass es Zeit wird zu handeln: "Es wird wirklich wenig gegen diesen wahnsinnigen Klima-Impact von Fliegen getan. Das Flugzeug ist das klimaschädlichste Verkehrsmittel, doch es wird immer mehr geflogen. Die Tickets sind auch einfach so billig, dass es in Europa eigentlich kein Hindernis ist", erklärt die Aktivistin.

Zu der Gemeinschaft hören auch Gruppen wie "Am Boden bleiben", Attac Deutschland und weitere internationale Organisationen, die sich dem Umweltschutz verpflichtet haben. Rund 100 Mitglieder zählt die Initiative, die seit 2016 stetig wächst. Die Aktivisten sind in vielen Ländern engagiert - nicht nur in Europa, sondern unter anderem auch in den USA, Mexiko und Kanada.

Sie ärgern sich besonders darüber, dass es nur wenige Menschen sind, die so große Schäden anrichten: "Der Flugverkehr ist weltweit eine Elitensache. Es fliegt nur ein kleiner Teil sehr, sehr häufig." In Schweden werben die Anhänger von Flyskam für ein flugzeugfreies Jahr 2020.

Doch nur einfach Fliegen zu verhindern, ist für Organisationen wie "Stay Grounded" zu wenig. Ihrer Meinung nach ist es besonders wichtig, auch die politischen Rahmenbedingungen zu ändern. Zugtickets müssten günstiger werden und der Flugverkehr darf nicht weiter ausgebaut werden. Doch warum schämen sich die Schweden besonders? Auch dafür hat die Klimaaktivistin eine Erklärung: "Es hängt schon mit dem finanziellen Hintergrund zusammen. In Schweden wohnen viele Menschen, die es sich leisten können, viel zu fliegen, und sie haben eine Geschichte des Vielfliegens. Aber sie haben auch ein hohes ökologisches Bewusstsein, deswegen kommt das jetzt zusammen."

Den ökologischen Fußabdruck berechnen

Doch wie schädlich ist das Fliegen wirklich? Ein Blick auf die Website des Umweltbundesamtes gibt Aufschluss auf die genauen Zahlen. Das Amt hat aufgelistet, welche ökologischen Folgen ein Langstreckenflug wirklich hat. Jeder kann seinen eigenen ökologischen Fußabdruck bemessen. Ein Flug von Deutschland auf die Malediven und zurück (Entfernung: Zweimal 8000 Kilometer) verursacht pro Person eine Klimawirkung von über fünf Tonnen Kohlenstoffdioxid. Das entspricht umgerechnet einer 30.000-Kilometer-Fahrt mit einem Mittelklassewagen. Eine klassische deutsche Urlaubsroute wie von Berlin nach Palma de Mallorca erzeugt eine Klimawirkung von 722 Kilogramm CO2 und würde eine Kompensationszahlung von 17 Euro bedeuten.

Im Internet gibt es längst viele Möglichkeiten, eine C02-Kompensation zu zahlen. Atmosfair beispielweise ist eine Klimaschutzorganisation und entstand aus einem Forschungsprojekt des deutschen Umweltministeriums. Sie verkauft auch CO2-Kompensationen an umweltbewusste Passagiere, die, wenn sie schon nicht auf den Flug verzichten, wenigstens eine Ausgleichzahlung für ihre Reise vornehmen wollen.

Bei einer Urlaubsreise auf die Malediven müsste der Passagier laut der Umrechnung des Emissionsrechners etwa 96 Euro Kompensation zahlen. Damit sollen dann Klimaschutzprojekte unterstützt werden. Doch Flugkritiker wie Heuweiser sehen das äußerst kritisch: "Kompensationszahlungen sind absoluter Humbug, das bringt gar nichts. Das bringt höchstens ein besseres Gewissen, damit man dann weiterfliegen kann wie bisher."

Quelle: n-tv.de