Leben

Aus der Schmoll-Ecke Die Weihnachtsverlogenheit der B-Prominenz

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Nicht mal im Zug hat man seine Ruhe.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

An den Festtagen sondern Menschen mit gewissem Bekanntheitsgrad besonders viel verbalen Stuss der Marke "Kalenderblattspruch" ab. Dafür verlässt der moralisch überlegene Gutmensch das Zugabteil, sobald er Frauke Petry erkennt. Ein Sehr-Gutmensch bleibt dagegen sitzen.

Wie Sie eventuell wissen, gehöre ich zur seltenen Spezies der Sehr-Gutmenschen. Das heißt, ich stehe noch über den Gutmenschen - und zwar so weit oben, dass ich gütig zu ihnen hinunterlächeln kann. Schaue ich in den Spiegel, verwechsle ich mich bisweilen mit Gott. Oder dem Papst. Ab und an leihe ich meinen Mantel Helene Fischer für eine Weihnachtsshow. Ich teile nämlich gern. Denn ich bin extrem edel. Wäre ich eine Schokolade, wäre ein Produkt der Firma Lindt im Vergleich mit mir maximal Nahrung für Orks. Ich habe mir einen Panzer aus Altruismus und moralischer Überlegenheit zugelegt, der mich unantastbar macht. Ich bin ein glühender Verfechter von Toleranz und Versöhnung, gerade zur Weihnachtszeit. Da ist mein Herz besonders groß. Ich würde nicht einmal das Zugabteil verlassen, säße Frauke Petry schon darin.

Ja, so edel bin ich, durch und durch ein Sehr-Gutmensch. Das unterscheidet mich vom Gutmenschen. Der nimmt Reißaus, wenn er Petry sieht. Selbst kurz vor Weihnachten weicht er von dem, was er Haltung nennt, nicht ab. Petry, nicht zu verwechseln mit Petrus, schrieb auf Twitter wenige Tage vor Heiligabend: "Gerade im Zug ein junger Mann beim Zusammentreffen im Familienabteil: 'Wenn ich Sie richtig erkenne, will ich hier auch gar nicht sitzen.' Er könnte einem fast leidtun. Ich frage mich nur, wie solche Bürger ihre Kinder erziehen und welche Gesellschaft daraus resultiert?" Gute Frage. Ich habe aber noch viel wichtigere in dem Zusammenhang: Hat der junge Mann nach seiner Flucht aus dem Petry-Abteil der wackeren Greta Thunberg den Sitzplatz weggenommen? War er es, wegen dem die Schwedin auf dem rüttelnden Waggonboden sitzen und durch das Fenster ansehen musste, wie die Welt untergeht?

Ein anderer guter Mensch twitterte Petry: "Für jedes Handeln und jedes Unterlassen in Vergangenheit und Gegenwart muss man halt früher oder später die Verantwortung übernehmen. Möglicherweise hat Ihnen das keiner beigebracht, aber mit diesen Konsequenzen werden Sie bis zum Ende Ihrer Tage leben müssen." Lustig, jetzt weiten sich Ferndiagnosen via Twitter schon auf Eltern aus. Defätistische Propheten sind ohnehin die schlimmsten unter den Wahrsagern. Was sollte denn Petry tun, um wieder ein auch von Gutmenschen akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft zu werden? Selbstverbrennung? Man bedenke: Die Frau hat mehrere Kinder zu versorgen. Diese Haltung finde ich genauso bescheuert, wie den Grünen noch immer vorzuhalten, dass es vor Jahrzehnten einige wenige Irre in ihren Reihen gab, die Pädophilie tolerierten, propagierten oder vielleicht sogar praktizierten.

Abteilgespräche bei Christbaumlicht

Miteinander zu reden, statt vor dem, was Angst macht, abzuhauen, scheint vielen der bessere Weg zu sein, weshalb "Ausladen" angesagt ist. Aber wie gesagt: Ich bin ein edler Sehr-Gutmensch. Ich würde noch nicht mal das Zugabteil verlassen, säße Björn (Bernd?) Höcke darin. Ich würde ihn fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat oder vielleicht sogar das ganze Möbelstück vermisst, wenn er das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet. Oder ob er als Kind mehr Angst vorm Weihnachtsmann oder dem schwarzen Mann hatte und wie das heute aussieht.

Jetzt, bei Christbaumlicht betrachtet, kann ich Abteilgesprächen zwischen Politikern und Wählern eine Menge abgewinnen. Vor allem dann, wenn man von außen absperrt und der Politiker oder die Politikerin nicht abhauen kann. Vielleicht sollte man das einführen, dann würden mehr Leute Bahn fahren.

Ich würde gerne mit der neuen SPD-Domina Saskia Esken in einem Abteil reisen. Dann könnte ich um eine Erklärung bitten, warum sie in die USA fliegt, um sich hässliche, ganz bestimmt in China hergestellte Schuhe zu kaufen, die ganz und gar nicht zum Rest ihrer Klamotten passen. Und glauben Sie mir, Genossin Esken, wenn mir, einer modisch völlig aus der Zeit gefallenen Kreatur, das auffällt, will das was heißen. "Als ich die in San Francisco gekauft habe, hätte ich nicht gedacht, wo sie mich hintragen", twitterte die Frau Esken vor ihrer Wahl zur SPD-Chefin ein Bild ihrer Füße, an denen sich besagte Schuhe befanden. Ja, dass die SPD eines Tages bei zehn Prozent landet, hätte ich auch nicht gedacht. Trotzdem sollte man sich hüten, dieser Kosmopolitin geostrategische Kleinkariertheit zu unterstellen. Wer sich in San Francisco Schuhe kauft, um im Anschluss über Klimaschutzmaßnahmen zu verhandeln, zeigt: Kein Flug ist zu kurz, um die Welt zu retten.

Nicht-Konsum aus der Apotheke?

Aber am meisten würde ich mich freuen, wenn ich im Bahnabteil mit den Zwillingen Nina und Julia Meise fahren würde, die laut eigener Aussage "Models" sind. Mit denen würde ich über das Thema Verlogenheit reden. Ich bin ja, wie gesagt, in vielerlei Hinsicht nicht von dieser Welt und hatte keine Ahnung, wer diese zwei Frauen sind. Ich sah sie - das hat man vom Zappen in der Weihnachtszeit - in einer Sendung, in der sogenannte Prominente der Kategorien A bis Z etwas Kalenderblatttaugliches in Kameras sagen dürfen, sollen oder müssen. Frau Meise und Frau Meise erklärten unisono: "Wir haben uns dieses Jahr zu Weihnachten vorgenommen, nicht so viel zu konsumieren. Wir wollen eigentlich gar nicht konsumieren, wir wollen auch gar keine Geschenke bekommen. Wir wollen auch nichts verschenken, sondern wir wollen nur Zeit verschenken und schöne Erlebnisse."

Es fehlte nur noch das Wort "Konsumterror". Ich bin grundsätzlich misstrauisch, wenn sogenannte Prominente, deren Geschäftsmodell auf dem Konsum beruht, antikapitalistisch angehauchtes, gefälliges Wir-müssen-uns-beschränken-Gelaber absondern. Erst recht dann, wenn sie es wie die Meise-Schwestern bei einer Gala tun und im Hintergrund Sponsoren zu sehen sind. Weil ich nicht wusste, wer die Frauen sind, habe ich gegoogelt und bin auf dem Instragram-Account "meisetwins" gelandet. Und siehe da: Dort gibt es ein fast sieben Minuten langes Video, wo die Meise-Trullas unter milliardenfacher Nennung eines Firmennamens erklären, was sie wem und warum an Heiligabend zukommen lassen wollten.

"Wir verschenken dieses Jahr nicht viel, wir verschenken nur Geschenke aus der Apotheke", sagte eine der Frauen vor einem Tisch, der mich grübeln ließ, wie "viel" aussähe, wenn das hier "nicht viel" ist. Eine der Meisen trillerte etwas über eine namentlich leider nicht genannte "sehr gute Freundin von uns", die "mit Augenringen zu kämpfen" habe, weshalb sie eine Paste bekomme, die "deckt extrem gut Augenringe ab und hilft gegen Schwellungen". Und überhaupt: "Geschenke aus der Apotheke sind immer etwas Besonderes. Und man kann bei niemandem etwas falsch damit machen."

Ich bin dem Rat gefolgt und in die Apotheke gegangen, habe 200 Exemplare der Augenringe-Schmiere käuflich erworben und an Berliner Frauenhäuser verschickt, damit sich die Bewohnerinnen die Hinterlassenschaften ihrer prügelnden Männer übermalen können. Für meine Schwester nahm ich Bio-Hustenbonbons, Tabletten zur Raucherentwöhnung sowie zur Gedächtnisstärkung und einmal Doppelherz mit. Sie glauben nicht, wie sehr sie sich gefreut hat. Sie sagte nur: "Du bist ein wahrer Sehr-Gutmensch."

Quelle: ntv.de