Leben

"Nur über seine Leiche" Eine Witwe findet ein neues Leben

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Eine der berühmtesten Witwen der Weltgeschichte, die auch ästhetisch Maßstäbe setzte: Jackie Kennedy.

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Eine Witwe ist eine Person, deren Ehemann gestorben ist. Eine solche Überlebende ist Brenda Strohmaier. In den drei Jahren, die seit dem Tod ihres Mannes vergangen sind, lernt sie sich selbst, aber auch ihn noch einmal neu kennen.

Das deutsche Personenstandsrecht kennt nur wenige Zustände: Ledig, verheiratet, geschieden und verwitwet. In Deutschland leben 4,6 Millionen Witwen, die meisten sind älter als 70 Jahre. Brenda Strohmaier war lange ledig und liiert, dann verheiratet und ist nun verwitwet. Für eine Frau Mitte 40 ist das ein ungewöhnlicher Familienstand. So kommt es ihr jedenfalls vor, seit ihr Mann Volker im Mai 2016 starb.

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Brenda Strohmaier wurde mit 44 Jahren Witwe.

(Foto: Dominik Butzmann)

"Wenn ich mich als Witwe bezeichne, wundern sich die Leute und fragen, wieso ich das mache", erzählt Strohmaier von dieser Erfahrung. "Dieses Wundern finde ich wiederum verwunderlich, denn so ist es ja nun mal." Sie ist die Frau ohne Mann oder die mit dem gestorbenen Mann, was für viele möglicherweise noch verstörender ist.

Aber wer ist sie als Witwe? Als ihr Mann stirbt, ist Strohmaier 44. Sein Tod kommt nicht vollkommen überraschend, er war seit Jahren an Primär Sklerosierender Cholangitis (PSC) erkrankt, hatte bereits einen Herzinfarkt und eine Lebertransplantation. "Mir war schon klar, dass er angezählt ist." Doch sie hoffte immer, "dass ich irgendwann mal das Problem habe, wie ich uns beide durchfüttere". In diese Situation kommt Strohmaier nun nicht mehr, stattdessen muss sie ihren Mann beerdigen, seine Kleider weggeben , seine Versicherungen kündigen und sein Erbe antreten.

Das Paar hatte in zwei Appartements auf einer Etage gelebt. Innerhalb von drei Tagen räumt sie zusammen mit Schwester und Schwager seine Wohnung aus, fährt zum Recyclinghof, zur Kleiderkammer, zu Ikea. "Diese ganzen Erledigungen nach dem Tod waren unfassbar nervig", erinnert sie sich heute. Strohmaier erweist sich als der Typ Action-Trauerer. "Ich musste ganz viel machen. Sonst hätte ich das nicht aushalten können."

Überraschend vorsorgend

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Obwohl sie wahnsinnig viel schafft, ist sie vom Trauern "wie ausgeknockt", schreibt Strohmaier in ihrem Buch "Nur über seine Leiche", in dem sie ihre Erfahrungen verarbeitet. Sie mietet zu kleine Autos, verliert ihre EC-Karte, weiß nicht mehr, wo ihr Fahrrad steht. Wie "Hausfriedensbruch" kommt ihr der Umgang mit den persönlichsten Dingen ihres gerade verstorbenen Mannes vor. "Ich saß da und schaute auf seine Handschrift, das war wirklich fies", erinnert sie sich fast drei Jahre später an diesen Moment. In dieser Zeit lernt sie ihren Mann noch einmal kennen, denn sie findet das "geordnete Leben eines Frührentners" vor, inklusive einer kleinen Versorgung für sich selbst. 

Er hat offenbar für ihr Leben nach seinem Tod vorgesorgt.  Aber wie genau soll das jetzt gehen, dieses Weiterleben? Soll sie Schwarz tragen, was macht sie mit den Eheringen, ist es Zeit für einen neuen Haarschnitt oder einen neuen Job? "Ich habe immer zu Volker gesagt, mach es dir schön, wenn ich mal nicht mehr bin. Das hat er nie gesagt." Darf sie es sich trotzdem schön machen, soll sie sogar? Die Journalistin spürt eine allgemeine Erwartung, in den Alltag zurückzukehren und entschließt sich zu einer Auszeit-Reise. "Ich habe drei Witwen in meiner Redaktion, die haben alle weitergearbeitet. Ich wollte und konnte mir Zeit nehmen, um das zu verarbeiten." Fünf Monate ist Strohmeier unterwegs, in Los Angeles, Brüssel, Los Angeles, Japan, Hongkong, Indonesien und Australien.

"Allein um das Unbegreifliche seines Todes zu akzeptieren, brauchte ich ein paar Monate." Sie folgt dem Rat einer Trauerberaterin und sucht in sich den Menschen, der sie ist und auch bleibt, wenn sie nicht mehr Volkers Frau sein kann. "Yoga hat mir dabei sehr geholfen. Auf der Matte konnte ich mich spüren, dass ich noch da bin und lebe."

Sie erlebt ihre Freunde noch einmal neu und intensiv, der beste Freund ihres Mannes wird ihre Co-Witwe. Gemeinsam holen sie Fußballrasen aus dem Stadion des Bundesligisten Hertha BSC, dessen Fan Volker war. Und gemeinsam verlegen sie diesen Rasen auf dem Grab. Die Einfassung ziert ein Fußballtor. Strohmaier besucht Trauerseminare und Coaches, sie lässt ihre Eheringe zu einem ganz neuen Schmuckstück umarbeiten und macht ihr eigenes Testament.

Wer kommt jetzt?

Im Laufe der Zeit verändert sich die Trauer. Mehrere Monate lang fühlt sie eine fundamentale Einsamkeit. "In jeder Phase gibt es ein anderes Gefühl", sagt Strohmaier rückblickend. In diesem Frühjahr, in dem sie nun schon fast drei Jahre Witwe ist, vermisst sie ihren Mann plötzlich extrem, "weil er noch mehr weggeht, während die Erinnerungen ohne ihn immer weiter fortgeschrieben werden".

Mit etwas Abstand begreift sie die Witwenschaft als persönliche Entwicklungsaufgabe, auch als Chance. Strohmaiers Buch hat auch deshalb den Untertitel "Wie ich meinen Mann verlor und verdammt viel übers Leben lernte". Heute sagt sie: "Es gibt kein Leben ohne Trauer. Sie darf da sein, einen Platz haben. Das anzuerkennen, habe ich gelernt." Aber auch in der Trauer sei Platz für andere Gefühle. Noch immer genieße sie beispielsweise die Freiheit, einfach reisen zu können. Das war wegen der Krankheit ihres Mannes früher nicht ohne Weiteres möglich.

Und sie schert sich noch ein bisschen weniger um Konventionen. Der erste Liebesmensch nach Volker ist eine vor Leben strotzende Frau. Strohmaier lernt sie auf einer Sexparty kennen, über die sie schreibt. Größer konnte der Kontrast zum verstorbenen Mann wohl kaum sein, sagt sie selbst. Die Frage, wer nach dem verstorbenen Partner kommt, sei für junge Witwen aber elementar. "Ich habe gemerkt, dass Alleinsein doof ist. Ich hatte eine gute Beziehung und habe Lust auf mehr." Inzwischen ist sie wieder verliebt, diesmal in einen Mann. Trotzdem ist sie dankbar, wenn jemand ihr sein Beileid ausspricht zum Tod ihres Mannes, auch noch drei Jahre danach.

Quelle: n-tv.de

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