Leben

In Vino Verena Für Nacktheit gibt's mehr Likes

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Ein gutes Foto ist auf Instagram viele Likes wert.

(Foto: imago images/PhotoAlto)

Ein bisschen Busen zeigen, die Beine überkreuzen oder auf dem Sofa rekeln: Schon gibt es mehr Likes. Unsere Kolumnistin über die sexualisierte Selbstinszenierung auf Instagram & Co. und die Frage: Trinken Sie Ihren Grüntee auch immer nackt?

"Hallo, ich bin auf dein Instagram-Profil gestoßen und möchte dich fragen, ob du Lust hast, Micro-Influencerin zu werden?" Diese Frage wird mir in letzter Zeit öfter gestellt und die netten Damen mit feinstem Geschäftssinn erzählen, sie würden gerade ihr Team ausbauen und meine etwas mehr als 1000 Follower*innen wären ja - hui! - alles "echte Menschen". Sie schlagen mir vor, "Ambassador" zu werden, da könnte ich "tolle Produkte empfehlen" und so jeden Monat "einige hundert Euro und mehr verdienen".

Ich schaue mir die Profile der Damen, die bereits im Team sind, an. Es sind schöne, oft fragil wirkende Frauen mit langen Wimpern, die viel Sport treiben, gern freizügig. Auch im Winter. Kälte, heißt es, sei ja gut für die Figur. Auf sehr vielen Fotos, die sie von sich posten, sind ihre sehr lang wirkenden Beine wie rein zufällig gekreuzt, sie tragen High Heels und schreiben unter die Fotos was von "Losrennen". Ich finde das unfreiwillig komisch.

Sexualisierte Inszenierung: scheu, lieb, unterwürfig

Zum ersten Mal überhaupt fallen mir diese immer gleichen Bein-Posen auf. Was hat es damit auf sich? Ich stoße auf eine Studie über die sexualisierte Inszenierung von Frauen in den sozialen Medien. Okay, man will ja nicht päpstlicher sein als der Papst, denke ich und frage mich: Ist nicht auch im wahren Leben vieles eine Inszenierung? Inszenieren wir uns nicht alle irgendwie selbst? Ich würde schließlich auch kein Foto von mir ins Netz stellen, auf dem ich mit Petersilie am Zahn lache und wie der letzte Schwitzbert aussehe.

Sexualisierte Inszenierung scheint auf den ersten Blick oft unbeabsichtigt. Tatsächlich wird nichts dem Zufall überlassen, nicht einmal das unterbewusst scheinende Streichen der widerspenstigen Haarsträhne hinter das Ohr. So befassten sich die Forscherinnen Maya Götz und Josephine Becker etwa in ihrer Studie mit den verschiedenen Arten von Selbstinszenierung auf Instagram und stellten dabei fest, dass man Influencerinnen mit festem, "beidbeinigem Stand" und "aufgerichtetem Körper" eher selten finde, denn dies seien "typische nonverbale Kommunikationsformen (…)", die Stärke symbolisieren. Starke, selbstbewusste Frauen? Um Gottes willen! Wirkt das nicht abschreckend? Stattdessen zeige man sich oft "unterwürfig", "erotisch auffordernd" und eben "deutlich sexualisiert".

Heute mit Rabatt-Code: Lecker Grüntee!

Schon klar, es ist der Traum vieler Mädchen und Frauen schlechthin, eine große Reichweite zu haben und Influencerin zu werden, während ich mit dunklen Schnappschüssen aus meinem Bad daherkomme, die die Ranzigkeit von drei Monaten am Wannenrand offenbaren. Mein Schreibtisch ist zugemüllt, unter meinem Sofa hat der Staubsauger neulich einen leeren Puddingbecher angesaugt. (Das war die Katze! Schlussfolgerung: Puddingbecher sind fantastische Spielzeug-Hacks!)

Ich frage mich nach derlei Ambassador-Angeboten immer: Was wollen die bloß von mir? Picken die sich wahllos die Leute raus? Wenn ich nachfrage, heißt es: Nein. Ich kann kaum glauben, dass es allem Anschein nach wirklich erstrebenswert ist, seinen Followern irgendwelche Zahnschienen und Shakes anzudrehen, dabei herrlich grenzdebil zu grinsen und von "innerer Ausgeglichenheit" und "Seelenfrieden" zu faseln, weil knackige Gesundheit ja besser ankommt als Leute mit Problemen, ungekämmten Haaren und abgeplatztem Nagellack auf den Zehen.

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Posing ist wichtig - zumindest für viele Instagram-Stars.

(Foto: imago images/Tobias Wölki)

Laut Marketingforschung ist auf Instagram die Authentizität das A und O. Heißt: Frau muss für das Produkt, das sie ihren loyalen Followern andreht, auch stehen. "Mmm ... lecker - dieser Grüntee! Und super zum Entschlacken! Und weil ich euch so wertschätze, gibt es nur heute den Grüntee-Rabattcode!" So oder so ähnlich hört man es zuhauf.

So wirst du erfolgreich!

Auf dem Profil der Dame, die mich "für ein tolles Team gewinnen möchte", sehe ich einen Clip von einer sogenannten "Erfolg auf Instagram"-Schulung, bei der Frauen in hautengen Kleidern auf einer Bühne stehen und irgendwas von "Veränderung" faseln. Sie sagen zu den Frauen, die im Publikum sitzen und ihnen andächtig lauschen, "Erfolg und Fame" kämen nur, wenn frau sich ändere. Power = Glück = viele Follower = Erfolg! So manche Frau, die sich heute einer großen Gefolgschaft erfreue, hätte früher "alles falsch" gemacht und sei nur "eine graue Maus" gewesen. Ich frage mich: Meinen die das wirklich ernst? Ja, tatsächlich, das tun sie!

Also, nein, denke ich, da bleibe ich lieber bei meinem abgeplatzten Nagellack und meinem Vogelnest auf dem Kopf. Selten habe ich so gerne "einige hundert Euro" weniger im Monat verdient! Was mir aber bei dieser ganzen Micro-Influencer-Nummer enorm auf den Senkel geht, sind die Tipps und Anreize, die diese Frauen anderen Frauen mit auf den Weg geben, um erfolgreich zu sein. Abkürzend könnte man das auf folgende Gaga-Botschaft runterbrechen: "Gefalle!"

Die weibliche, vornehmlich sexualisierte Selbstinszenierung, um so vielen wie möglich zu gefallen, mutet oft wenig modern an und erinnert, zumindest mich, an das Rollenbild der Frau in den Fünfzigerjahren. Da war ja meine Oma cooler! Verhuschte Lolita-Posen, unschuldig und gleichzeitig verrucht mit süßem (aufgespritztem) Schmollmund, dazu der ewig gleiche, ach so scheue Rehkitzblick über die selbstverständlich sehr schmale Schulter. Oft sind die Frauen schön und dünn und haben wallendes Haar und trendige Klamotten, die sie auch schon mal weglassen, denn wer sich nackt oder freizügig zeigt, generiert, das ist so sicher wie Sex sells, mehr Likes.

Kritik: Alles nur Neider

Ich lese Posts, in denen junge Frauen ihre Insta-Stars anbetteln, ihnen doch "bitte bitte" die Adressen ihrer Schönheitschirurgen zu verraten, weil sie den gleichen Mund, die gleiche Nase oder die gleichen Brüste wollen. Eine Zeit lang habe ich herrlich naiv gedacht, auf Proll-Karren sich rekelnde, lasziv schauende Frauen - das sei so ein Ding aus der Rapper-Szene, das ausschließlich Männer-Fantasien entsprungen ist. Die Frau, das geile Luder mit den ölig glänzenden Beinen und großen Pobacken, die unentwegt wackeln - ein Träumchen! All das ist so klischeehaft, wie es auch irgendwie langweilig ist.

Was ich aber noch viel langweiliger finde, ist, dass Frauen, die derlei sexualisierte Selbstinszenierung kritisieren, gern und mit entwaffnender Einfachheit als neidische Kampf-Feministinnen abgewatscht werden. Die meisten Feministinnen seien ja sowieso nur "von Neid zerfressen", weil sie nicht so erfolgreich seien wie die Frauen, die sie kritisieren. Schöne Feministinnen, so das gängige Klischee, gäbe es nur ganz selten, im Grunde eigentlich überhaupt nicht. Die meisten Feministinnen seien erstens hässlich, zweitens doch sowieso nur Männerhasserinnen und drittens, wie mir mal ein Herr schrieb, als ich über ein weitestgehend tabuisiertes Thema der weiblichen Sexualität berichtete: "vertrocknete Backpflaumen".

Der Sex ist schuld oder besser: der nicht vorhandene. Weil die Feministinnen meist "ungebumst" seien, kämen sie nämlich überhaupt erst auf all diese aberwitzigen Gleichberechtigungs-Ideen und zu diesem Kampf um eine selbstbewusste Weiblichkeit, zu deren Stärke es zählt, Schwäche zuzulassen.

In erster Linie sich selbst gefallen

Immer wieder lese ich, dass Frauen, die auch nur die kleinste Kritik unter sexualisierten Posts äußern, unverzüglich geblockt werden. Ich habe nichts gegen Freizügigkeit, ich finde, Freizügigkeit ist etwas ganz Wunderbares, die, richtig eingesetzt, eine stolze Frau zeigen kann, welche - und das sollte man in dieser Diskussion nie vergessen - in erster Linie sich selbst und nicht anderen gefallen muss.

Nur was sollte ich meinen Followern andrehen, wohinter ich - Achtung, ein absolutes Muss! - auch hundertprozentig stehe? Ah, ich hab's: Scheuermilch für die Wanne! Oder einen guten, grobzinkigen Kamm zum Entwirren meines Vogelnestes! Oder Bücher, in denen ich auf jeder zweiten Seite Zitate unterstrichen habe! Tipps gibt es bei mir auch. Hier ein sehr, sehr guter: Scheuermilch scheuert nur Dreck weg, keine Blödheit!

Weltbewegende Info: Sollten Sie einen Instagram-Account haben - meine Brüste wollen nicht vor der Kamera an die frische Luft, ich rekele mich nicht erotisch-provokativ und einen Spritzschlauch haltend auf der Motorhaube meiner vermüllten Dreckskarre und meine Beine wollen sich einfach nicht zufällig überkreuzen. Dafür lache ich gern und viel. Oft auch, das gebe ich zu, um wegen so manchem, was mir in all dem Alltagswahnsinn begegnet, nicht elendiglich draufloszuheulen.

Quelle: ntv.de