Leben

"Der Denglische Patient" Holy Shitstorm!

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Das ist nur selten wirklich gemeint.

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Angela Merkel geht mit schlechtem Beispiel voran und kultiviert den ungehemmten deutschen Hang zum "Shitstorm". Dabei fliegt die Kacke im englischen Sprachraum längst nicht so viel durch die Gegend wie bei uns. Schon mit dem Gebrauch von "shit" ist Vorsicht geboten.

Es erfordert kein tieferes sprachhistorisches Wissen, um zu erkennen, dass das englische Wörtchen "shit" dieselben Wurzeln hat wie unsere "Scheiße". Vor ungefähr 1500 Jahren "separierten" unsere gemeinsamen germanischen Vorfahren ihre Exkremente noch in der gleichen Sprache durch den kleinen Ausgang im mittleren Teil des Körpers. Das ist, grob gesagt, der Bedeutungsursprung.

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Seitdem hat sich das sprachliche Verhältnis zu dieser menschlichen Körperfunktion etwas auseinanderbewegt. In Zeiten des Brexit können wir sogar feststellen, dass es sich um einen handfesten Unterschied zwischen uns auf dem Kontinent und den Briten auf ihren Inseln handelt. Während wir im deutschsprachigen Alltag mit fäkalen Kraftausdrücken um uns werfen, wird im Englischen die Kopulation bemüht. Der schnelle Übersetzungstipp für denglische Patienten, die auf Englisch fluchen wollen, lautet: Scheiße - fuck.

Das soll nicht bedeuten, dass im Englischen niemals "shit" in den Mund genommen wird. Doch selbst in den USA hat es einen anderen, viel drastischeren Klang als "fuck". Der Unterschied ähnelt zum Beispiel den verschiedenen Auffassungen von "Irritation" und "irritation". Bei uns ist irgendwas zwischen Verwunderung und Verwirrung gemeint, im Englischen zwischen Verärgerung und Verstimmung. Wie irritiert wären wir, wenn ein englischsprachiger Gast alles das, was für uns mal eben "beschissen" oder "Scheiße" ist, andauernd als "verfickt" und "Fickerei" bezeichnen würde. Zum Beispiel Donald Trump. Mit seinem Hang zum "Locker Room Talk" hat er immerhin eine Ausrede: sein lockeres Mundwerk. Holy Shit!

Kackfrech provoziert

Angela Merkel hingegen ist auf dem internationalen Parkett für ihre bedachte und stets zivilisierte Wortwahl bekannt - und ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass sie selbst in Umkleidekabinen davon nicht abweicht. Umso irritierter müssen englischsprachige Zuhörer gewesen sein, als sie am vergangenen Dienstag auf dem "Digitalgipfel" in Nürnberg davon sprach, dass sie vor ein paar Jahren mit ihrer (durchaus hübschen!) Wortprägung vom "digitalen Neuland" einen "Shitstorm" ausgelöst habe. Als sie das sagte, lächelte sie - als hätte sie am Ende ihrer Kanzlerschaft von Jan Böhmermann gelernt, wie man kackfrech kleine Provokationen vom Stapel lässt und damit Geschichte schreibt. Er selbst hat sich im Vorspann seiner Sendung "Neo Magazin Royale" jahrelang so präsentiert, als wäre umherfliegende Kacke sein Tagesgeschäft. Mit dieser Moral ist es ihm gelungen, die Kanzlerin zur Abschaffung der Majestätsbeleidigung zu bewegen. Die beiden sind also ein eingespieltes Team.

Und siehe da: In ihrem medialen Parabelflug um den Erdball wurde Merkels Scheiße dankbar von den internationalen Medien aufgegriffen und zum Gegenstand einer angeregten Sprachkritik. Etwas irritiert bemerkte die Autorin der "New York Times", dass es offenbar in der deutschen Sprache keine Entsprechung für den "Shitstorm" gebe. Den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ließ sie erklären, warum uns das Gespür für die drastische Wortbedeutung im Englischen fehle - weil uns schlicht der vulgäre muttersprachliche Kontext nicht deutlich ist. Er ist im "Oxford English Dictionary" dokumentiert:
shitstorm | ˈʃɪtstɔːm | noun - vulgar slang
a situation marked by violent controversy.

Von wegen "violent controversy"! Viele Aufreger, die in den deutschen Medien von ARD bis ZDF und "Abendzeitung" bis "Zeit" als "Shitstorm" bezeichnet werden, sind oft keine heftigen Kontroversen, sondern höchstens haarsträubende Böen, die nach wenigen Tagen, manchmal Stunden vorüberziehen. Auch die Reaktionen auf Merkels "Neuland" waren nicht wirklich heftig oder bösartig - schon weil es ja gar keine schlechte Metapher war. (Sie kam nur 10 bis 20 Jahre zu spät.)

"Heißer Scheiß"

Damit wir auf unsere englischsprachigen Kollegen und Freunde nicht regelmäßig so wirken, als würden wir unter einer Art Fäkal-Tourette leiden, sollten wir uns vielleicht einmal ganz generell damit beschäftigen, wie man "shit" im Englischen treffsicher platziert. Die Wahrheit ist, dass es sich dabei um ein recht kniffliges und zugleich nuancenreiches Wörtchen handelt.

Der finnische Comedian Ismo Leikola hat es einmal auf den Punkt gebracht, als er fragte: "How can it be that if something is bad, it is 'shit'? And if something is really good it is 'The Shit'". Auch im Deutschen kennen wir ja die verschiedene Wortbedeutungen für "Scheiße", die übrigens 1934 zum ersten Mal im Duden verzeichnet wurde. "Der letzte Scheiß" ist etwas Schlechtes. "Der neueste Scheiß" ist es nicht unbedingt. Und ein "heißer Scheiß" ist ein Anglizismus, der zeigt, was geht.

Denn es ist in der Tat verblüffend, wie viele beschissene Varianten es im Englischen gibt. Wer "I have shit to do" sagt, hat alles Mögliche zu tun, außer wirklich scheißen zu müssen. Dafür sagt man "I take a shit". Wer sich viel gefallen lässt, "takes shit" - oder umgekehrt: Wer sich nichts gefallen lässt, "doesn't take shit". Die Beispiele zeigen auch: Der unbestimmte Artikel "a" ist entscheidend!

Der bestimmte Artikel "the" wirkt darüber hinaus Wunder: Denn wird etwas als "the shit" bezeichnet, ist es großartig, einmalig, toll. Also ein Hammer!

His/Her speech was the shit!

Was ja eher selten der Fall ist, wenn Politiker sprechen - so dass man meistens auf den Artikel verzichten kann:

Her speech was boring as shit.

So we didn't give a shit!

Quelle: n-tv.de

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