Leben

Interview mit Franz Müntefering "Ich bin gerne im Leben"

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Franz Müntefering - einer, der gerne altert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Er war SPD-Chef, Bundesminister und Vizekanzler. Nun befindet sich Franz Müntefering seit geraumer Zeit im Ruhestand. Ein Gespräch über das Altern, sein neues Buch und die Frage, ob er Angst vor dem Sterben hat.

n-tv.de: Herr Müntefering, Sie sind 79 Jahre, fühlen Sie sich alt?

Ja, ich bin ganz klar alt.

Ist Alter immer eine Frage des Gefühls?

Ab wann man alt ist, ist eine Frage, mit der wir uns als Gesellschaft noch nicht richtig auseinandergesetzt haben. Manche wollen ja nicht gerne alt sein und leugnen, dass sie älter werden. Ich halte das für ein bisschen albern.

Sie sind also gerne alt?

Ich bin insofern gerne alt, dass es die einzige Chance ist, wenn man das Leben leben will, solange wie es möglich ist. Sonst lebt man eben nicht lange. Das ist die Alternative dazu. Ich bin gerne im Leben.

Viele ehemalige Politiker schreiben im Alter nochmal eine Biografie oder einen Befund über die politische Lage. Wieso haben Sie sich für ein Buch über das Altern entschieden?

Weil mehr Menschen als jemals zuvor älter werden. Das ist eine wirklich neue Geschichte der Menschheit, die wir erleben. Vor 300 Jahren war die Lebenserwartung eine ganz andere als heute.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie viele ältere Menschen sehen, die allein sind und denen das Alleinsein meist nicht gut tue. Macht alleine altern unglücklich?

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Alleine will ich nicht sagen, aber einsam; das ist ein Unterschied. Die Familien leben heute anders als früher. Es gibt nicht mehr mehrere Generationen unter einem Dach. So ergeben sich andere soziale Zusammenhänge, die Senioren auch brauchen. Alte Menschen dürfen sich nicht zurückziehen und darauf warten, dass die Welt zu ihnen kommt. Es ist gut, wenn man selbst in die Welt reingeht.

In Ihrem Buch raten Sie alten Menschen, aktiv zu bleiben, Sport zu treiben, soziale Kontakte zu pflegen - alles Dinge, von denen viele sicherlich wissen, dass sie ihnen gut täten. Haben Sie zu dem eine neue Erkenntnis?

Nein. Ich will auch nicht derjenige sein, der sagt, so sollte man das machen. Das Einzige, was wirklich sinnvoll ist: Man sollte wissen, was man aus seinem Leben macht. Auch mit über 65 darf man nicht einfach sagen, jetzt fahren wir den Tank leer, bis das Ende da ist. Lebensqualität kann man in jedem Alter haben, bis zum Schluss - aber man muss sich bemühen.

Sie wollen also keine Ratschläge mit dem Zeigefinger erteilen. Aber Sie haben zwei erwachsene Kinder, sind zum dritten Mal verheiratet und schauen auf ein gutes Stück Lebenserfahrung zurück. Werden Sie heute nicht öfter um Rat gefragt als früher?

Nein, das kann ich nicht sagen. Meine kleine Tochter ist jetzt 50. Als sie zwei Jahre alt war, habe ich zu ihr gesagt, ich bin 15 Mal so alt wie du. Heute weiß ich: Ich bin 79 und habe deswegen nicht recht. Ich habe aber auch nicht unrecht, weil ich 79 bin. Die Gescheiten müssen einfach aufpassen, dass die Bekloppten nicht das Sagen bekommen.

Sie selbst waren fast 40 Jahre in der landes- und bundespolitischen Landschaft unterwegs und saßen bis 2013 im Bundestag. Haben Sie den Rückzug aus der Politik als großen Bruch in Ihrem Leben verstanden?

Nein, das war es auch nicht. Die letzten vier Jahre als Abgeordneter waren ohnehin nicht mehr das Gleiche wie als Vizekanzler oder Bundesminister. Du bist nicht mehr wichtig, du bist nur noch dabei. Für mich war das insofern eine gute Zeit, um den Übergang zu organisieren.

Es war also eher ein Bedeutungsverlust für Sie?

Das kommt ganz drauf an, für wie bedeutend man sich davor gehalten hat. Ich war gerne Abgeordneter und darauf war ich auch stolz, weil es das Höchste ist, was es überhaupt geben kann. Entsandt sein, so auf Ehre und Gewissen, und gute Politik machen für die Leute, das finde ich immer noch unschlagbar. Aber das ist eine Aufgabe auf Zeit, die man hat. Ich glaube, ich bin dabei recht normal geblieben und bin nicht abgehoben.

Aber wie hat es sich denn für Sie angefühlt, in Rente zu gehen?

Franz Müntefering

Er wurde 1940 in Neheim im Sauerland geboren. Sein Vater war Bauer, seine Mutter Hausfrau. Mit 26 Jahren tritt Müntefering in die SPD ein. Anschließend ist er fast 40 Jahre in der Landes- und Bundespolitik aktiv. Erst als Arbeits- und Gesundheitsminister in der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Später ist Müntefering Bundesverkehrsminister, Arbeitsminister, SPD-Chef und Vizekanzler. 2007 legt er alle Ämter wegen der Krebserkrankung seiner Frau nieder, um nur wenige Monate nach ihrem Tod in die Bundespolitik zurückzukehren. 2013 verabschiedet sich Müntefering dann endgültig aus der Politik. Heute ist er weiterhin in verschiedenen Ehrenämtern aktiv. Er ist unter anderem Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisation (BAGSO).

Ich erzähle immer, ich bin damals zu meiner Frau ins Auto gestiegen und konnte gar nicht mehr selbst fahren. Ich wusste gar nicht mehr, wie das funktioniert. Ich hatte immer einen Fahrer.

Schauen Sie jetzt mit 79 Jahren anders auf das Leben als zu dem Zeitpunkt, als Sie jung waren?

Mit Sicherheit. Man hat einen anderen Blick auf Dinge, die man selbst erlebt. Mein Vater ist mit 75 gestorben. Er ist nie so alt geworden, wie ich jetzt bin. Auch unser ehemaliger Bundespräsident, Johannes Rau, den ich sehr geschätzt habe, nicht. Als die beiden starben, dachte ich immer, die beiden seien alt geworden. Jetzt, da ich sie überholt habe, frage ich mich: Wieso sind alle so früh gestorben?

Sie haben einige Ihnen nahestehenden Menschen in deren letzten Stunden begleitet. Sie sind wegen der Krebserkrankung Ihrer Frau 2007 von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Sie ist kurz darauf gestorben. Das Sterben ist auch Thema in Ihrem Buch.

Ja, das Sterben ist der letzte Teil des Lebens. Ich habe mich beim Tod meiner Mutter damit auseinandergesetzt, die ich sehr intensiv auf der letzten Strecke ihres Lebens begleitet habe - das war 1985. Mein Vater war ein Vierteljahr vorher gestorben und das hat mich sehr betroffen gemacht, weil ich das nicht geahnt hatte. Ich habe ihn sonntags im Krankenhaus besucht und als ich wieder zu Hause war, riefen sie mich von dort aus an und sagten, er sei gestorben. Das war ganz fürchterlich, weil wir uns nicht verabschiedet hatten.

War es bei Ihrer Mutter und damaligen Frau dann anders?

Meine Mutter wollte gerne zu Hause bleiben. Sie hat damals zu mir gesagt: Bleib bitte bei mir. Das habe ich auch gemacht, so gut ich konnte. Und das war bei meiner Frau 2007 auch so. Im Kreis der Familie.

Was zählt in diesen Momenten?

Ich bin überzeugt davon, dass diese Phase des Lebens - das Sterben - auch eine Zeit ist, wo es um Lebensqualität geht. Bei denen, die sterben, aber auch bei denen, die bleiben. Es ist wichtig, sich bei den Menschen, die einem ganz besonders wichtig sind, dafür Zeit zu nehmen.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Mutter noch eigenständig darüber entschieden hat, wer zu ihrer Beerdigung kommen soll und sogar Ideen zum Grabstein hatte. Haben Sie für sich auch solche Vorsorge getroffen?

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Franz und Michelle Müntefering sind seit 2009 verheiratet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ich habe natürlich eine Vorsorgevollmacht. Das empfehle ich auch allen anderen Menschen. Es ist wichtig, klar Position zu beziehen, wer im Zweifelsfall für einen entscheiden soll, wenn man es einmal selbst nicht mehr kann. Auch eine Patientenverfügung ist vernünftig. Ich glaube, dass viele Menschen Angst haben, nicht nur vorm Sterben, sondern auch vor der Art und Weise, wie gestorben wird. Aber nicht alle Menschen werden in ein Martyrium stürzen. Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen sterben relativ normal.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Ich muss sagen, umso älter ich werde, umso gelassener sehe ich das Ganze. Aber ich weiß nicht, was zum guten Schluss passiert. Man darf den Mund auch nicht zu voll nehmen.

In Ihrem Buch erwähnen Sie immer wieder die Zuversicht, mit der Sie durch Ihr Leben gehen. Hat diese Eigenschaft es Ihnen ermöglicht, glücklich alt zu werden?

Eigentlich ist es schon immer so gewesen. Ich weiß noch, dass meine Büromitarbeiter früher gesagt haben, wie machst du das eigentlich? Ich habe immer zwei Sachen gesagt. Erstens: Nichts ist sicher. Zweitens: Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge. Eigentlich passt das nicht so gut zusammen, meinten zumindest meine Mitarbeiter. Aber ich glaube, es passt, wenn man es so denkt: Nichts wird von alleine gut, aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden.

Gibt es auch eine Erkenntnis, die Sie erst mit dem Alter gewonnen haben?

Ja, es gibt so ein Grundgefühl, wenn man älter wird. Wenn man jünger ist, denkt man, man muss immer alles besser und anders machen. Aber irgendwann weiß man, ich werde zu Ende sein, eh die Welt ganz in Ordnung ist. Das entlastet aber auch enorm, denn man lernt: es geht allen so. Ich weiß heute, wenn ich gehen muss, werde ich nicht das Gefühl haben, dass ich gescheitert bin, sondern denken, ich habe ein kleines bisschen mitgemischt.

Mit Franz Müntefering sprach Nikola Endlich

Quelle: n-tv.de

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