Leben

50 Jahre "Dr. Sommer" Liebeskummer, Brüste und das erste Mal

14553511.jpg

Sex und nackte Tatsachen am Kiosk - gerade in den Anfangszeiten von "Dr. Sommer" eine Sensation.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Werde ich vom Küssen schwanger? Ist mein Penis zu klein? Fragen, die Teenager brennend interessieren, die sie ihren Eltern aber nie stellen würden, beantwortet seit 50 Jahren "Dr. Sommer". Zum Jubiläum verrät Klaus Mauder vom "Dr. Sommer"-Team n-tv.de, welche die drängendsten Fragen sind, wie Pornos das Sexleben der Jugendlichen verändern und wer sich hinter "Dr. Sommer" verbirgt.

n-tv.de: "Dr. Sommer" beantwortet jetzt bereits seit 50 Jahren Fragen in der "Bravo". Haben Teenager im Jahr 2019 die gleichen Probleme wie Teenager 1969?

Klaus Mauder: Die Fragen haben sich im Wesentlichen nicht verändert. Jugendliche haben während der Pubertät Probleme, die sich in jeder Generation wiederholen. Sie stellen vor allem Fragen zur körperlichen Entwicklung, der ersten Liebe oder zur Verhütung. Mit der Digitalisierung und dem Internet kamen natürlich neue Fragen dazu. Online flirten, sich im Internet verlieben - das sind ganz neue Möglichkeiten für Jugendliche, die aber auch wieder neue Fragen aufwerfen. Hinzu kommen Themen wie Sexting oder Cybermobbing.

Stichwort Internet: Sexuelle Inhalte sind heute viel leichter zugänglich als noch vor einigen Jahrzehnten. Führt das dazu, dass die Jugendlichen früher aufgeklärt sind oder verunsichert es eher?

Ich denke, das trifft beides zu. Dank des Internets kennen sich viele Teenager mit Verhütung und Co gut aus, sind aufgeklärt und informiert, aber auch verunsichert - und zwar immer dann, wenn es um sie persönlich geht, um ihre Fragen, um ihre Pubertät. Die können sie oft schwer ergoogeln. Denn wann ist denn nicht für irgendwen, sondern für mich persönlich der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Dazu kommt, dass Inhalte im Internet zum Thema Sexualität oft nicht altersgerecht aufbereitet sind. Vieles verwirrt dann eher, als dass es für Aufklärung sorgt.

Gilt das auch für Pornos?

DrSommer_Team_Klaus_Mauder.jpg

Sozialpädagoge Klaus Mauder beantwortet seit fast 20 Jahren die Fragen der jugendlichen "Bravo"-Leser.

(Foto: Bauer Media/ B. Müller/ M. Merk)

Der frühe und leichte Zugang zu Online-Pornos hat schon Einfluss auf die Jugendlichen. Wir haben das in einer "Dr. Sommer"-Studie erhoben: Die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der gleichaltrigen Mädchen haben schon Pornos gesehen. Wir stellen fest, dass das die Sprache verändert, sie wird viel härter und direkter. Und es verändert den Druck auf die Jugendlichen. Aber ich möchte sie auch verteidigen: Viele sind in der Lage, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Es ist nicht so, dass jeder, der Pornos sieht, denkt, dass Sexualität im echten Leben so abläuft. Je besser Jugendliche in ihrer sexuellen Entwicklung begleitet werden, je mehr sie über Sexualität wissen, desto besser gelingt die Unterscheidung. Jugendliche, die sehr wenige Infos haben, sind für Pornografie anfälliger.

Sind Jugendliche heute dann auch früher sexuell aktiv?

Das ist absolut verblüffend, aber: nein. 47 Prozent der Jugendlichen haben mit 17 Jahren zum ersten Mal Sex. Bei dem Ergebnis in unserer Studie war ich selbst überrascht. Die Jugendlichen lassen sich sehr viel Zeit mit dem Sex, da ist viel Zurückhaltung. Das widerspricht dem Klischee.

Was sind die Dauerbrenner unter den Fragen?

Immer wieder kommen Fragen zum eigenen Körper: Sind meine Brüste normal? Ist mein Penis zu klein? Hinzu kommt alles, was mit der ersten Liebe zu tun hat: Wie merke ich, dass ein Junge oder ein Mädchen auf mich steht? Was kann ich gegen Liebeskummer tun? Wann ist der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Und wie verhüte ich dann am besten?

Antworten auf Verhütungsfragen findet man auch online. Wie viele Zuschriften erhalten Sie denn noch?

Uns erreichen etwa 200 bis 250 telefonische und schriftliche Anfragen in der Woche. In den Anfangszeiten konnte man noch von einer ganz anderen Anzahl berichten. Da waren es tatsächlich Tausende Briefe, die pro Woche eingegangen sind. Die altbekannten Briefe von früher gibt es natürlich nicht mehr. Uns erreichen E-Mails und wir haben dreimal in der Woche eine Telefonhotline eingerichtet. "Bravo" ist auch bei Instagram, bei Facebook, auf Youtube, und wir bieten Podcasts an. Auf dem "Dr. Sommer Channel" auf bravo.de finden die Jugendlichen Antworten auf fast alle Fragen rund um das Thema Sex. Zudem können sie sich mit persönlichen Fragen an unser Expertenteam und die Community wenden. 

Bleibt die Frage, wer antwortet - wer steckt hinter "Dr. Sommer"?

Der inzwischen verstorbene Arzt und Psychotherapeut Martin Goldstein war der erste Jugendberater der "Bravo" unter dem Synonym "Dr. Sommer". Er war der Ideengeber und hat vorgeschlagen, die eingesendeten Fragen auch im Heft zu veröffentlichen. Die Reaktionen waren riesig und "Dr. Sommer" war geboren. Bis 1984 hieß die Rubrik allerdings "Was uns bewegt". Schon in den 70er-Jahren stand hinter Dr. Goldstein ein Team, sonst hätte man die Menge an Zuschriften nicht bewältigt. Heute sind wir zu dritt. Ich bin Sozialpädagoge, dazu kommen zwei Redakteurinnen.

Warum brauchte es "Dr. Sommer" überhaupt?

33734238.jpg

"Dr. Sommer" hieß jahrzehntelang eigentlich Dr. Goldstein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Bedarf war einfach da. Neben der elterlichen und der schulischen Aufklärung klaffte eine ganz große Lücke für Jugendliche in der Pubertät. Das ist eine Phase, in der sie sich Erwachsenen einfach nicht anvertrauen wollen, vor allem nicht Mutter und Vater. Diese Lücke füllen wir noch immer.

Gibt der "Dr. Sommer" von heute andere Antworten als der der 60er- oder 70er-Jahre?

Was die Inhalte betrifft, ist nicht viel anders. "Dr. Sommer" ist es schon in den Anfängen gelungen, Fragen nie mit erhobenem Zeigefinger zu beantworten und immer vorurteilsfrei aufzuklären. Was sich verändert hat, ist die Art, wie wir Fragen beantworten: Inzwischen sind wir direkter, kommen schneller zur Sache. Früher war die Sprache etwas blumiger und umschreibender.

Wie reagieren Sie, wenn sich jemand mit Problemen an Sie wendet, die über die alltäglichen Teenagersorgen hinausgehen - wenn es zum Beispiel um körperliche oder sexuelle Gewalt geht?

Das kommt nicht selten vor. Wir wollen den Jugendlichen in dem Fall dazu befähigen, dass er sich jemandem aus dem persönlichen Umfeld anvertraut. Dass das Problem nicht bei uns bleibt, sondern dass er es schafft, sich gegenüber Eltern, Schulsozialarbeitern, Lehrern oder Beratungsstellen zu öffnen. Schwierig ist es, wenn Gewalt im familiären Nahbereich stattfindet. Noch schwieriger wird es, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Dann ist das familiäre Umfeld betroffen und der Ratschlag "Rede doch mal mit deinen Eltern" sehr kontraproduktiv. Da ist es sehr wichtig, sich an das Jugendamt zu wenden. In solchen Fällen bauen wir den Kontakt auch mal längerfristig auf und es gibt Beratungsprozesse, die sich über Wochen und Monate ziehen. Ich biete dann auch an, zu telefonieren. Manchen Jugendlichen ist es wichtig, eine Stimme zu hören.

Mit Klaus Mauder sprach Franziska Türk

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema