Leben

Im Dienste des Green Deals Einsteins "Lucion" produziert wieder Strom

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In das Gebäude in Sannazzaro kehrt das Leben zurück.

(Foto: Andrea Affaticati)

Ein Startup-Unternehmen setzt in Norditalien ein Wasserkraftwerk aus dem Jahr 1895 wieder in Gang, das einst von Albert Einsteins Familie gebaut wurde. Nun produziert es nachhaltige Energie für Künstliche Intelligenz.

Sannazzaro de' Burgondi ist eine kleine Gemeinde südwestlich der Universitätsstadt Pavia und zählt knapp 5400 Einwohner. Sie liegt inmitten der Lomellina, eines der bekanntesten Reisanbaugebiete Italiens. Im Spätfrühling hat die Landschaft einen ganz besonderen Reiz: Die Reisfelder liegen unter Wasser und man hat das Gefühl, Himmel, Sonne, Wolken und Abendrot hätten sich darin verirrt.

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Das Wasser erzeugt in dieser Gegend schon lange Energie.

(Foto: Andrea Affaticati)

Das System der Bewässerungskanäle, das diese Gegend prägt, stammt noch von Leonardo da Vinci. Es erwies sich Ende des 19. Jahrhundert, als sich die elektrische Beleuchtung immer mehr durchsetzte, auch für die Errichtung von lokalen, kleinen Wasserkraftwerken als sehr vorteilhaft.

Eines dieser Werke befindet sich in der Gemeinde Sannazzaro. Es liegt am Ende eines Pfades, etwas versteckt von Bäumen und Gebüsch. Die leuchtend roten Ziegelsteine deuten darauf hin, dass das Gebäude vor nicht allzu langer Zeit saniert wurde. Die mechanischen Elemente, Schleusen, Turbinen und Raster sind jedoch viel älter. Sie stammen noch aus dem Baujahr 1895. Seine Bauherren waren damals Jakob und Hermann Einstein, Onkel und Vater von Albert Einstein.

"Wir waren schon seit längerem auf der Suche nach einem Wasserkraftwerk, um die Energie, die wir für unsere Server benötigen, selber zu produzieren", erzählt Marco Trombetti ntv.de. Der Geschäftsführer des in Rom ansässigen Startup-Unternehmens Translated, einer Online-Plattform für professionelle Übersetzer, hat die Anlage gekauft. Man wollte nichts Neues bauen und noch mehr Zement in die Welt setzen. Deshalb hielt man nach alten Wassermühlen Ausschau. Nachhaltigkeit gehöre zur Firmenphilosophie und sei im Bereich der Künstlichen Intelligenz umso wichtiger, weil diese unglaublich viel Strom verbraucht, erklärt Trombetti. "Als wir dann statt einer Mühle sogar ein Wasserkraftwerk hatten und außerdem erfuhren, dass es Einsteins Vaters gebaut hatte, war es Liebe auf den ersten Blick."

Er selber habe Physik studiert, fährt Trombetti fort, und deswegen seinen Investmentfonds Pi genannt. Das Pi steht für den griechischen Buchstaben Π, ist aber auch eine Kreiszahl mit dem Dezimalbruchwert 3,14. "Und diese Zahlen stehen wiederum für den 14. März, Albert Einsteins Geburtstag", fügt er erklärend hinzu.

Albert Einsteins Familie zieht nach Mailand

Möglicherweise hat Einstein dieses Wasserwerk in seinen jungen Jahren besichtigt. Seine Familie war 1894 von München nach Mailand gezogen und hatte auch eine Zeit in der Universitätsstadt Pavia gelebt. Einsteins Onkel Jakob war Ingenieur und hatte in München die elektrotechnische Fabrik "J. Einstein & Cie" gegründet, in die Bruder Hermann eingestiegen war. Als die Firma der Konkurrenz nicht mehr standhalten konnte, wurde diese aufgelöst und Hermann beschloss sein Glück in Norditalien zu versuchen.

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Vieles musste restauriert werden.

(Foto: Andrea Affaticati)

Zuerst gründete er, zusammen mit dem italienischen Ingenieur Lorenzo Garrone, die Werke "Officine Elettrotecniche Einstein & Garrone". Anfangs liefen die Geschäfte gut, doch schon nach eineinhalb Jahren wurde die Fabrik geschlossen. Daraufhin gründete Hermann Einstein allein die elektrotechnische Firma "Einstein & Co." Die Fabrik befand sich im heutigen Szenenviertel der Navigli, der künstlichen Kanäle. Die Fabrik stellte Dynamos und Maschinen für die Wasserwerke her, die dann die kleinen Gemeinden mit Elektrizität versorgten.

"Das mit der Stromversorgung funktionierte damals so. Es gab ja noch keine Stromrechnungen, wie wir sie heute kennen. Stattdessen war der Stromverbrauch im Preis einer jeden Glühbirne mit inbegriffen, die man dann so lange verwenden konnte, wie sie eben leuchtete", erklärt Trombetti.

An wie vielen Wasserwerken in Italien Hermann Einstein mitgebaut hat, ist nicht dokumentiert. Im Gebiet der Lomellina sollen es drei gewesen sein, eins davon ist das von Sannazzaro, das die Einwohner "Lucion" nannten, was übersetzt großes Licht bedeutet. Damals leistete es an die 100 KW.

Anfang der 60er-Jahre wurde die Stromversorgung in Italien verstaatlicht und der Konsumpreis festgelegt. Und da der Staat nur an den großen Wasserwerken interessiert war, mussten die kleinen, darunter auch das von Sannazzaro, schließen. "Ein paar Jahre später kaufte es jedoch ein Unternehmen, das die Generatoren abbaute und die mechanische Kraft des Wassers nutzte, um ihre Säge- und anderen Maschinen in Bewegung zu setzen", erzählt Trombetti.

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Die alte Technik wird jetzt digital gesteuert.

(Foto: Andrea Affaticati)

Als es irgendwann auch damit aus war, wurde das Werk verlassen und verwahrloste. Das Dach stürzte ein, Unkraut spross durch alle Ecken, Fenster und Spalten. Anfang des neuen Jahrtausends führte Italien die Deregulierung der Stromversorgung ein. Giampiero Savini, ein Unternehmer der Gegend, der im Erdölgeschäft tätig war, erinnerte sich an das Wasserkraftwerk, das er während einer Jagdpartie entdeckt hatte. Er kaufte es und begann mit der Restaurierung. In Funktion erlebte Savini es aber nicht, er starb im Alter von 85 Jahren kurz vor der Fertigstellung.

Nachhaltigkeit und digitale Wende

Die lange, korridorähnliche Eingangshalle mit dem neuen Giebeldach, den offengelegten Balken und den großen, nur vergitterten Bogenfenstern, durch die sich ein Strauch drängt, erinnert an eine Kirche. Und wer weiß, vielleicht liegt wirklich ein Segen auf diesem Bau, der es immer wieder schafft, zu neuem Leben zu erwachen. Auf einer Seite erblickt man einen Eisentisch, der noch aus den Zeiten von Einsteins Vater stammen könnte. Genauso wie die Eisenleitern, die hinunter zu den Turbinen und hinaus zu den Schleusen führen. Überall ist Moos und man muss aufpassen, um nicht auszurutschen und ins Wasser zu fallen.

"Ja, die Sicherheitsbarrieren müssen noch angebracht werden und auch die Automatisierung der Schleusen steht noch an. Früher hat es ja einen Wächter gegeben, der den Wasserstand kontrollierte, jetzt werden die Schleusen digital gesteuert. Im März sind wir dann soweit", verkündet Trombetti zuversichtlich.

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"Das Wasserwerk wird dann 200 KW stellen. Zuerst dachten wir, unsere Server in der Eingangshalle zu installieren", so Trombetti. "Doch dafür gibt es keine staatlichen Zuschüsse". Das unterschriebene Abkommen sieht stattdessen vor, dass der erzeugte Strom ins hiesige Netz kommt und das Hauptquartier von Translated in Rom die gleiche Menge entnehmen kann.

So verbindet sich der Gründergeist der Einstein-Familie mit Nachhaltigkeit und digitaler Wende. Dass sein Wasserkraftwerk 100 Jahre später den dringenden Notwendigkeiten unserer Zeit entsprechen würde, hätte sich Einsteins Vater wahrscheinlich nicht in seinen kühnsten Träumen denken können.

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 13. Februar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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