Leben

"Ich hatte schweißnasse Hände" Sternenkinder-Fotografin bricht mit Tabu

SternenkindfotografinKatrinTitze.jpg

Katrin Titze engagiert sich als Sternenkinder-Fotografin und macht die Bilder ehrenamtlich.

(Foto: Privat)

Die Berlinerin Katrin Titze arbeitet seit Juli 2017 als ehrenamtliche Sternenkinder-Fotografin. Sternenkinder sind Babys, die oft nur kurze Zeit leben. Auch tot geborene Kinder gehören zu dieser Gruppe. 44 von ihnen hat die Fotografin Katrin Titze bereits fotografiert und den trauernden Eltern damit eine bleibende Erinnerung an ihre Babys geschenkt. In Krankenhäusern oder Bestattungsunternehmen macht sie die oftmals einzigen Bilder, die Eltern von ihrem Kind erhalten. Dabei ist die Trauer der Familien überwältigend. Die Fotografin versucht in der wohl schlimmsten emotionalen Situation der Eltern eine Erinnerung zu schaffen. Dabei ist es auch für die Ehrenamtliche ein Augenblick voller Gefühle, wie sie im Interview mit n-tv.de berichtet.

n-tv.de: Wie sind Sie zu Ihrem ersten Einsatz gekommen?

Katrin Titze: Eine Bekannte hatte etwas bei Facebook geteilt und so bin ich auf die Organisation "Dein Sternenkind" gestoßen. Dann habe ich mich informiert und viel darüber gelesen. Ich konnte einerseits keine Entscheidung dafür treffen, andererseits ließ mich das Thema nicht mehr los. Dann habe ich lange darüber nachgedacht und mich auch mit meiner Familie beraten. Ein dreiviertel Jahr später habe ich es dann gemacht. Ich wollte es probieren. Ich musste aber meiner Familie versprechen, dass ich aufhöre, wenn es nicht klappen würde und ich nicht damit umgehen könnte.

Was waren Ihre größten Bedenken und Ängste, Sternenkinder zu fotografieren?

Ich sorgte mich um die Situation im Anschluss. Jeder hat eine Berührungsangst, tote Menschen anzusehen. Aber mich hat angespornt, dass ich meine eigene Oma 2007 noch einmal gesehen habe, als sie verstorben war. Auch meinen Vater konnte ich noch einmal sehen. Mit ihnen hatte ich eine enge Verbindung. Aber zwischen den verstorbenen Babys und mir ist die Bindung nicht vorhanden und das ist für mich schon ein Stück entfernter.

Wie war das erste Mal?

Ich war froh, dass ich da bei einem Beerdigungsinstitut war. Dass die Eltern da erstmal nicht dabei waren, machte es ein bisschen einfacher. Die Bestatterin war sehr nett und hat mich auch gefragt, wie es mir geht. Ich habe ihr dann erklärt, dass ich ein bisschen aufgeregt bin. Vor dem Raum, wo das Baby aufgebahrt war, hatte ich klitschnasse Hände.

Oft werden die Fotografen auch in Krankenhäuser gerufen. Wie läuft das Ganze denn ab, wenn ein Baby stirbt und ein Fotograf der Organisation kommen soll?

Das ist unterschiedlich. Wenn das Krankenhaus gut informiert ist, dann wissen sie, dass es uns gibt. Über die Website von "Dein Sternenkind" wird dann ein Alarm ausgelöst. Es gibt dazu auch eine App und eine Telefonnummer, sodass die Koordinatoren informiert werden. Der Koordinator ruft die Kontaktperson, beispielsweise die Hebamme, an. Dann werden noch ein paar Fragen gestellt. Ob es vielleicht Fehlbildungen gibt. Das ist auch für den Fotografen wichtig, denn ich muss auch entscheiden können, ob ich dem Fall gewachsen bin. Die Fotografen sind Alarmkreisen zugeordnet, wir haben sozusagen eine Alarmkarte und so werden die entsprechenden Leute aktiviert, Fotografen alarmiert und jemand fährt los.

Wie ist die Situation im Krankenhaus?

"Dein Sternenkind"

Die Organisation "Dein Sternenkind" wurde 2013 von Kai Gegel gegründet. Sie bietet Erinnerungsfotos als ein Geschenk für Eltern, die entweder ein bereits totes Baby auf die Welt bringen müssen oder denen der Tod des Neugeborenen unausweichlich bevorsteht. Üblicherweise befinden sich die Kinder zwischen der 14. SSW und dem normalen Geburtstermin.

Vor Ort spreche ich oft mit der Hebamme. Ich frage nach dem Zustand der Eltern, um einen kurzen Eindruck zu bekommen. Meistens öffne ich mit Schweißhänden die Tür. Häufig begleitet mich die Hebamme, dann ist es etwas einfacher. Ich frage die Eltern dann auch, ob sie selbst Ideen und Wünsche haben. Wenn ältere Kinder da sind, dann gibt es auch die Möglichkeit, ein Familienfoto zu machen. Es sind ja die einzigen Bilder.

Wie empfinden Sie diese hoch emotionale Situation?

Es ist Wahnsinn. Es ist die komplette Bandbreite der Emotionen. Von Trauer bis Liebe. Das kommt alles in geballter Ladung auf einen zu, und ich versuche mich so normal wie möglich zu verhalten. Ich kann nicht viel geben außer den Bildern. Ich frage auch, ob ich das Kind anfassen darf. Die meisten Eltern sind sehr zugänglich. Ich nehme mir alle Zeit der Welt, ob eine Stunde oder drei. Es hängt von der Familie ab, denn manchmal erzählen sie auch ihre Geschichte. Es ist wichtig, dass man auch dafür ein Ohr hat.

Es ist ja äußerst intim …

Ja, man kommt in eine ganz intime Situation, die eben nicht alltäglich ist. Wenn man ein gesundes Kind auf die Welt bringt, dann kommen alle und freuen sich. Aber in diesem Moment sind die Eltern auf sich gestellt. Und wem können sie dann die Emotionen mitteilen, ohne vielleicht auch dumme Kommentare zu bekommen? Ich biete im Anschluss an, dass sie mit mir telefonieren können. Ich hatte schon zwei Paare, die sich später gemeldet haben. Sie rufen an, weil sie mit jemandem darüber reden wollen und teilweise Schuldgefühle haben.

Was ist besonders fordernd?

Gerade, wenn die Schwangerschaft ganz normal verlaufen ist und dann ganz kurzfristig dramatisch endet, ist es wirklich hart. Man fragt sich, was sich die Natur dabei gedacht hat. Da ist man dann auch schon mal näher am Wasser gebaut. Die Situation ist aber jedes Mal eine andere.

Was bedeutet das Fotografieren für die Eltern?

Für sie ist es das Einzige, was bleibt - abgesehen von Ultraschall-Bildern. Die Fotos sind einfach Erinnerungen. Wenn man sich Fotos anschaut, dann sieht man den Menschen wieder. Der Unterschied ist aber, dass ältere Menschen ihr Leben gelebt haben. Bei den Babys sind es manchmal nur ein paar Minuten. Die Fotos sind dann wertvoll wie Gold. Ich brenne die Bilder auf CD und lasse ein paar entwickeln.

Sternchen1 (18).jpg

Aus Pietätsgründen zeigen wir Ihnen hier nur einen Teil des Fotos. Wollen Sie das komplette Bild sehen, müssen Sie auf das Foto klicken. Die Aufnahmen sind von den Familien und der Fotografin für die Veröffentlichung freigegeben worden.

(Foto: Katrin Titze)

Worauf kommt es Ihnen bei diesen Fotos an?

Man muss einfach herausfinden, was man machen kann. Manchmal ziehen die Eltern das Kind an, aber ich hab auch noch eine Einschlagdecke und Mützchen dabei und unterstütze sie damit. Auf den Bildern sieht man nicht unbedingt, dass das Baby tot ist. Nur, wenn man es weiß. Bei Portraitaufnahmen sehen die kleinen Mäuse so aus, als würden sie schlafen.

Wie verarbeiten Sie das Erlebte?

Wenn ich rauskomme, atme ich erstmal tief durch. Zu Hause lege ich die Kamera zur Seite. Es kann auch schon mal passieren, dass ich eine schlaflose Nacht habe und mich dann an den Computer setze.

Wie oft waren sie schon im Einsatz?

Ich mache das seit Juli 2017 und habe seitdem 44 Babys fotografiert. Das ist eine ganze Menge. Ab und zu fahre ich zu Beerdigungen, wenn ich eingeladen werde. Meistens arbeite ich im Berliner Umland. Ich bin aber auch schon mal bis nach Helmstedt gefahren, weil kein Fotograf verfügbar war. Wir sind in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz organisiert. Insgesamt sind wir etwa 600 Fotografen.

Ist der Tod eines Kindes immer noch ein gesellschaftliches Tabu?

Der Tod von Babys und Kindern wird in unserer Gesellschaft immer noch als Tabuthema gesehen. Das ist sehr schade, denn die Babys haben auch im Bauch gelebt. Es ist einfach traurig, denn der Tod gehört zum Leben dazu. Ich finde, dass auch die Krankenkassen diese Eltern mehr unterstützen sollen.

Wie oft blinkt der Alarmknopf der Sternenkinder-Fotografen?

Das geschieht viel häufiger, als wir uns das vorstellen können. Vor Kurzem gab es an einem Tag insgesamt 14 Einsätze und nur selten gibt es einen Tag, an dem sich niemand meldet. Zuletzt gab es 91 Sternchenanforderungen deutschlandweit in nur 11 Tagen.

Mit Katrin Titze sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de