Leben

Die will doch nur spielen Sue Giers lässt sich nicht limitieren

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Ab und zu ungeschminkt, gut so - Sue Giers.

(Foto: SosueBlogZine)

Bloggerin, Instagrammerin, Unternehmerin, Mutter, Freundin, Tochter, Schwester, Modefachfrau: Sue Giers hat 1000 (schöne) Gesichter und schafft es trotzdem, super authentisch zu sein. Ihre Marke "SoSue" ist sicher unter anderem deswegen so erfolgreich, weil die 50-Jährige nachvollziehbar, einzigartig und einfach auch sehr fleißig ist. Wie kriegt sie das hin? "Zuhören, Lust drauf haben und dann einfach machen und nicht nur quatschen", verrät sie ntv.de am Telefon.

ntv.de: Fifty and fabulous - kann man das so sagen in deinem Fall?

(lacht) Also ich bin auf jeden Fall 50 und ich fühle mich meist fabelhaft, deswegen kann ich das unterschreiben. Ob andere das auch von mir denken, sei aber ihnen überlassen. Ich weigere mich einfach, die Dinge mit Altersbeschränkungen zu sehen. Ich versuche wirklich, Grenzen abzubauen, ich versuche eher, alters- und saisonlos zu sein. So lebe ich auch. Und wenn mir etwas auffällt, zum Beispiel zum Thema Altersdiskriminierung, dann beleuchte ich das schon auch auf meinem Blog. Sich zu limitieren muss echt nicht sein, limitiert zu werden von außen schon gar nicht!

Das Alter wird an vielen Stellen ja immer unwichtiger - meine Töchter ziehen am liebsten meine Sachen an. Ihr Standard-Spruch ist: "Das habe ich gefunden". Impliziert ihrer Ansicht nach, dass sie es behalten dürfen.

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Die kurze Woll-Hose - nun, kann, muss man aber nicht mögen. Sich mal eben darüber amüsieren darf man schon.

(Foto: SoSue/ Instagram)

Das ist bei meinen Töchtern ganz genauso. Das Wichtigste bei Mode ist ja, dass man humorvoll bleibt, dass man einen selbstkritischen Blick hat. Mode ist zum Spielen, man soll sich doch bitte um Gottes Willen nicht so ernst nehmen. Ich pose manchmal natürlich in Dingen, mit denen ich nie im Leben vor die Tür gehen gehen würde (lacht), aber was soll's? So ein Foto löst Gefühle aus, Assoziationen, Inspiration, etwas zu wagen.

Du instagramst, als hättest du nie etwas anderes gemacht, dabei ist das ja mitnichten der Fall.

Da kenn' ich aber noch eine - meine Mutter (lacht). Sie ist 71, seit einiger Zeit bei Instagram und sehr froh, dass ich ihr das nahegebracht habe. Es sind ja sehr viele Erwachsene dort vertreten, nicht mehr nur junge Leute. Ich benutze diese Plattform, wie viele andere aus meiner großen Community auch, als Business-Tool. Wir sind dort gern aktiv, wir diskutieren viel, und es ist ein toller Austausch. Ich habe das Gefühl, dass ich in einem geschützten Raum bin. Und meine Mutter hat es davor bewahrt, in ein Loch zu fallen, seit meine Schwester mit den Enkeln aus Deutschland weggezogen ist. Meine Mutter hat bereits eine große Fan-Gemeinde. Es ist eine neue Form der Kultur, des Austauschs. Ich finde, dass man sich das so wie früher Brieffreundschaften vorstellen kann. Und immer eine große Freude, wenn es auch reale Treffen gibt. Es kann sich dann durchaus so etwas wie Freundschaft entwickeln.

Deine Schwester arbeitet auch für SoSue, richtig?

Ja, sie ist meine Partnerin und kümmert sich um Technik, Logistik und Buchhaltung. Der große Vorteil der Digitalisierung ist es, dass sie ihren Job für uns auch von Mallorca oder überall auf der Welt machen kann.

Wurdest du schon mal entfolgt?

Ja, gerade neulich, aber das passiert selten. Ich war einer Followerin nicht eindeutig genug in einem politischen Statement. Nun gut, dann gefällt das jemandem eben mal nicht, was ich sage oder auch, was ich nicht sage. Es geht ja oft wirklich hoch her in den Kommentaren, und mich haben auch alle gewarnt, dass ich mich politisch nicht äußern soll, aber ich kann mich eben auch nicht immer zurückhalten (lacht). Ich bin ja kein Stratege, unser Kanal ist total authentisch, ich bin so wie ich bin.

Nimmst du Kritik an?

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Auf jeden Fall, ich wachse mit meinen Followern. Als mir mal neulich jemand gesagt hat, ich solle lieber bei Mode und Kosmetik bleiben und ansonsten lieber ruhig sein, da habe ich mich schon gefragt, warum ich so in die Luft gehe, innerlich.

Und warum?

(lacht) Weil ich nicht mag, wenn man bewertet wird. Ich bin frei und darf sagen, was ich will, erst recht auf meinem eigenen Kanal. Auch zu Themen außerhalb von Mode und Kosmetik, zu Politik wie in diesem Fall eben. Alle Meinungen sollten zugelassen werden.

Man kann ja selbst entscheiden, wem man folgt und wem nicht. Auf einem Blog oder Account wie deinem hat man das Gefühl, man ist unter Gleichgesinnten. Aber geschützt, wie du das oben benannt hast, finde ich so einen Instagram-Raum jetzt nicht wirklich.

Das kann natürlich auch nach hinten losgehen, stimmt, aber grundsätzlich sind wir doch alle sehr "piep piep piep, wir haben uns alle lieb" drauf. Ich sehe das eben mehr als Ort für Inspiration, unter Menschen, die ein ähnliches Wertekorsett haben. Und das fügt sich dann schon meistens. Dieses Bewerten und bashen, das macht man ab einem gewissen Alter doch nicht mehr, oder? Ich war früher auch viel strenger, habe ganz oft gesagt: "Oh mein Gott, DAS geht GAR nicht!", aber man wird ja milder (lacht).

Hast du dir je einen Plan gemacht?

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Sue teilt sich Spaß und Arbeit mit ihrer Schwester.

(Foto: Instagram/ SoSue)

(lacht) Du meinst im Sinne von Business-Plan? Nee, überhaupt nicht! Es ist immer mehr geworden, Blog, Shop, Instagram, Facebook, Pop Up Stores - also SoSue steht inzwischen für ein Lebensgefühl, denke ich. Und mein Team traut sich auch was, es gibt ja nicht nur SoSue, sondern auch SoVanessa oder SoKnut! Das ist ein Prozess.

Du stehst vor allem für Frauen in der Mitte des Lebens, oder?

Ja, schon, vielleicht sogar besonders für die, die schon etwas erlebt haben, eine Kränkung, einen Verlust, einen Bruch. Für die, die wissen, dass das Leben nicht nur rosig ist, für die, die wissen, dass das Leben so unendlich vielschichtig ist und man sich auch in der Mitte des Lebens neu positionieren kann - sogar neu erfinden kann, und immer weiter lernen kann. Das versuche ich, zu vermitteln, dieses Women-Empowerment.

Warum ist dir das so wichtig?

Weil meine Generation noch nicht so stark darin gewesen ist, anderen Frauen den Weg zu ebnen. Sich gegenseitig Mut zu machen, das ist doch wichtig! Also mein Glas ist immer eher halbvoll, dafür habe ich aber selbst gesorgt. Und die Kompetenz, jetzt behaupten zu dürfen, dass es immer weitergeht und sogar gut weitergehen kann, die habe ich mir auch hart erarbeitet.

Weil du schon mindestens eine Bruchlandung hattest?

Ja, es ging mir super schlecht damals nach der Scheidung, denn mein Ex-Mann und ich waren auch geschäftlich verbandelt. Ich habe damals nicht nur meine Ehe verloren, ich habe auch meinen Job verloren. Aber ich habe mich da rausgezogen. Wenn Frauen mich um Rat fragen, dann sag' ich meist: "Mach das, trau dich!" Das Leben ist so kurz, und es bringt nichts, ewig auf halber Flame zu köcheln. Man muss selbst für sein Glück sorgen.

Wie lange hast du gebraucht, um wieder geradeaus gucken zu können?

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Verkaufsschlager Bluse "Antonia" - da kann die Kundin auch mal fragen, ob es die in anderen Farben gibt, Sue Giers freut sich über Anregungen und Wünsche. Zu Weihnachten gibt es die Bluse dann endlich in flaschengrün. Und die Hosen in XL!

Zweieinhalb Jahre waren wirklich schlimm, und mein Blog war eigentlich mein Rettungsanker. Mein Selbstbewusstsein war ja im Keller. Mein Team, und meine Schwester, haben mich unterstützt, ich alleine wäre viel zu schwach gewesen, etwas Neues zu starten. Aber irgendwann kommt natürlich auch der Überlebenswille wieder zurück! Und jetzt, fünf Jahre später bin ich glücklich und denke manchmal sogar, gut, dass alles so gekommen ist.

Was sind deine Ziele?

Dass mein Team und ich selbstbestimmt leben können. Das wir das halten können. Dann bin ich zufrieden.

Ist Zufriedenheit das neue "Schneller, höher, weiter"?

Ich glaube schon (lacht). Ich glaube, es ist eine moderne Denkweise, nicht immer mehr zu wollen, sondern auch mal zu sehen, was man hat. Mit den Ressourcen vernünftig umzugehen, nachhaltig zu sein. So produzieren wir auch, bei uns findest du kein Plastik, wir haben inzwischen Tüten, die voll recyclebar sind, und diesen Weg gehen wir sensibel und konservativ weiter. Wir sind keine It-Marke, sondern wollen, dass Frauen sich gut und wohl fühlen. Wir wollen Mode anbieten, in denen Frauen ihre - und jetzt Achtung, das Wort habe ich auch gerade erst kennen gelernt - ihre "Hormonrolle", also ihren Bauch, überdecken können, wenn sie das wollen. Da bietet sich die "Antonia" zum Beispiel an, in der Bluse sieht jede Frau gut aus, auch, wenn ihr Körper sich vielleicht gerade verändert.

Auf deinem Instagram-Account sind deine Haare aber auch morgens schon super, selbst wenn du einen Bad Hair Day hast.

(lacht) Wenn ich echt einen Bad Hair Day habe, dann mache ich ehrlich gesagt keine Fotos. Auf der anderen Seite gehört es zu meinem Job, auch dann professionell zu sein, wenn ich keine Lust drauf habe. Aber man kommt ja auch immer wieder rein, macht ja auch Spaß! Ein großer Vorteil am Ältersein: Man ist ein Profi (lacht). Manchmal ist es aber auch sehr hilfreich, wenn man einfach einen Filter vor die Kameralinse setzt - das ist eine kleine psychologische Barriere.

Oder Make Up …

*Datenschutz

Ja, genau. Ich bin aber schon immer so gewesen: Wenn ich Energie habe, dann verschwende ich sie geradezu, und wenn es mir mal schlecht geht, dann zieh' ich mich zurück. Und für den Job heißt das, dass ich gelernt habe, auch mal zu delegieren oder etwas Vorproduziertes zu zeigen. Ab und zu zeige ich mich ja ohne Filter und ungeschminkt - aber wer will das sehen (lacht).

Was nimmst du mit aus diesem sehr anderen Jahr 2020?

Bewusster leben, dankbarer sein, das klingt so esoterisch, ich weiß es aber zu schätzen, denn ich habe die Bedeutung dahinter kennengelernt. Ich habe gespürt, dass wir das hier in Deutschland besser als woanders hingekriegt haben. Empathie ist wichtig, dass die Familie zusammenrückt, und dass man Dinge auch wirklich macht und nicht nur drüber redet! Vor allem habe ich gelernt, dass man nicht so viel braucht, um glücklich zu sein - Downsizing ist angesagt. Und Engagement für andere, das ist gut fürs Seelenheil und für die Gemeinschaft.

Dein ultimativer Tipp für den Herbst und Winter? Wir bleiben ja wieder viel zu Hause …

Kuscheliges natürlich, aber wenn dir nach Bling Bling ist, dann mach' das, auch nur für dich! Hat mir gerade eine Followerin gesagt, mach' es für dich selbst! Ich glaube, das ist wichtig! Achte mal auf die Körperhaltung - Mode macht was mit uns. Und eines gilt nach wie vor: Nach schwierigen Zeiten folgt eine Opulenz. Und bis wir die wieder erleben: Schulterpolster (lacht)! Darunter Pailletten oder Kaschmir - aber bitte darauf achten, wo die Wolle herkommt. Lieber nur ein teurerer Pulli als drei billige! Brüche sind wichtig. Auch wichtig: Bloß kein Diktat, bloß kein Must Have! Du musst gar nichts! Mach, worauf du Lust hast! Außerdem: Mit dem Fransenkleid von Prada bleibst du jetzt eh nur an der Türklinke deines Homeoffice hängen, das kannst du dir echt für später aufheben.

Mit Sue Giers sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de