Leben

Aus der Schmoll-Ecke Verstaatlicht die Tampon-Hersteller!

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Eine Möglichkeit für die Monatshygiene - Tampons.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Sind Blutsauger purer Luxus? In der Regel: ja. Deshalb wird die Mehrwertsteuer auf Tampons und Binden gesenkt, damit die Diskriminierung ein Ende hat. Und was ist mit den Männern? Wann wird die Mehrwertsteuer auf Rasierpinsel und -schaum reduziert?

Neuerdings fahre ich immer donnerstags zu meinem geliebten, obwohl nicht ganz billigen Bio-Supermarkt, wo drei Bananen, die im Grunde nur aus der Schale bestehen, gut 20 Euro kosten. Noch vor wenigen Wochen fielen meine Besuche stets auf Freitage. Das traue ich mich nicht mehr, weil da ja "Fridays for Future" sein gutes Werk verrichtet und ich nun mal ein anständiger, solidarischer Mensch sein möchte. Was ich mir aber nicht nehmen lasse: mit dem Rolls Royce zum Bio-Supermarkt zu düsen. Denn für was habe ich schließlich den Zweitwagen!

Ich war gerade zum Parkplatz unterwegs - es ist nicht einfach in Berlin, für den Rolls Royce einen zu finden, weshalb ich überlege, auf Lamborghini umzusteigen -, als mich meine Nachbarin ansprach: "Ist nicht heute dein Bio-Supermarkt-Tag? Kannst du mir bitte Tampons mitbringen?" Ich sagte: "Klar, aber willst du nicht bis nächstes Jahr warten, dann sind sie billiger. Bis dahin kannst du ja die gebrauchten auswaschen und noch einmal benutzen."

Natürlich war der zweite Teil meiner Antwort einer dieser kleinen miesen Scherze, die ich mir bisweilen in der Hoffnung ausdenke, meinem sozialen Umfeld Freude zu bereiten, auch wenn dies manchmal auf Kosten von Minderheiten geht, wobei ich nicht sicher bin, ob Nachbarn eine Minderheit sind. Man weiß es heute einfach nicht mehr. Wie auch immer: Zum Glück versteht die gute Frau Spaß. Außerdem weiß sie, dass ich nicht mehr alle Menstruationstassen im Schrank habe.

Ermäßigter Steuersatz beschlossen

Der erste Teil meiner Erwiderung, dass Tampons billiger werden (könnten), ist kein Witz gewesen. Der Bundestag hat kürzlich beschlossen, die Mehrwertsteuer auf Produkte zur Monatshygiene von 19 auf den ermäßigten Satz von 7 Prozent zu senken. Bravo! Die Grün_innen fanden das "ganz außerordentlich", weil "wir" für "alle Frauen etwas ein klein wenig, aber mit hoher symbolischer Wirkung besser machen". Und die Sozialdemokrat_innen bejubelten das Ende der "fiskalischen Diskriminierung von Frauen in diesem Bereich, weil Monatshygieneartikel eben keine Luxusgüter sind". Denn schließlich wird hierzulande das Futter für Tiere - egal ob weiblich oder männlich - geringer fiskalisch belangt als diverse Blutsauger für Damen.

Der Bundestag folgte damit einer Petition, die von mehr als 80.000 Männern und Frauen unterschrieben wurde. Die Initiative geht auf zwei junge, sympathische Hamburger Frauen zurück, die in der SPD sind, und für die die Reduzierung der angeblichen "tampon tax" eine Herzenssache war, was ich - ganz ehrlich - anerkenne und respektiere. Sie hatten das Glück, dass der Hüter der deutschen Steuereinnahmen, ein gewisser Olaf Scholz, demnächst SPD-Vorsitzender werden will. Während der gesamten Kampagnenzeit der zwei Hamburgerinnen äußerte er sich nicht zu dem Thema, ehe er nun zum Weihnachtsgeschenk für alle Monatsblutenden verkündete: "Mein Vorschlag ist, dass das gleich am 1. Januar in Kraft tritt." Wow, unser Olaf, wenn der einmal Blut geleckt hat, kann es ihm nicht schnell genug gehen - da tut er im Namen der Gerechtigkeit, was er kann.

Man kann darüber streiten, ob man nicht besser die Mehrwertsteuer für Windeln und Medikamente hätte senken sollen, damit Babys beider Geschlechter und Leute mit Kopfschmerzen nicht länger diskriminiert werden. Ich finde diese Art von symbolischer Klientelpolitik fragwürdig. Da könnten auch Männer fordern, weniger Mehrwertsteuer auf Rasierapparate und -schaum zu bezahlen. Zumal unklar ist, ob die Hersteller von Tampons nicht die Preise um den Betrag erhöhen, der die reduzierte Mehrwertsteuer den Käuferinnen theoretisch bringt. Ob die Frauen dadurch am Ende sparen, ist so offen wie ein Schwangerschaftstest. Vielleicht gar nichts. Dann wird Kevin Kühnert die Hersteller verstaatlichen und Tampons persönlich kostenlos verteilen.

Bevor ich jetzt wieder Mails bekomme, in denen im Betreff "Arschloch" steht, betone ich: Der Bundestag hat mit Mehrheit entschieden. Wenn die Gleichstellung von Mann und Frau damit auch nur einen Trippelschritt vorangekommen ist, freut mich das, auch wenn ich Zweifel habe. Werbung finde ich x-mal diskriminierender. Da laufen wunderschöne Frauen in weißen Klamotten durch die Gegend und freuen sich darüber, dass sie den supertollen Tampon oder die sensationelle Binde benutzen. Keine Regelschmerzen und keine Übellaunigkeit - ganz wie im richtigen Leben. Deshalb ist das Blut, das die Aufnahmeflüssigkeit von Binden und Tampons in der Werbung demonstriert, denn auch blau. Das liegt nach meiner Vermutung daran, dass sämtliche Protagonistinnen in den Spots adlig sind und blaues Blut haben. Die gute Laune erklärt sich somit von selbst. Adlige sind oft reich und können sich "die Luxussteuer" auf Tampons easy leisten.

Kein Luxus

Und hier bin ich an dem Punkt, der mich am meisten an der Kampagne störte. In der Petition wurde zum Unterschied des vollen und ermäßigten Mehrwertsteuersatzes - seit 20 Jahren versprechen CDU, CSU und SPD die "Lichtung des Steuerdschungels", verschlimmern ihn aber immer weiter - unsinnigerweise festgestellt, dass Menstruationsartikel unter die Kategorie "Luxusartikel" fielen. Das ist clever, aber schlicht und einfach Quatsch. Eine der Initiatorinnen arbeitet in einer "PR-Agentur für Fortschritt mit Verantwortung". Aber beim Framing, wenn es um die gute Sache geht, hört die Verantwortung schon wieder auf.

Wenn Tampons Luxus sind, muss die SPD eine Luxussteuer auf ALLES einführen. Wo es mich regelrecht gruselt, ist, dass viele Medien auf den Zug gehopst sind. Bei gala.de steht geschrieben, es "heißt offiziell: Tampons und Co. sind Luxusartikel." Offiziell? Totaler Humbug. Nirgendwo steht in dem 1968 beschlossenen Gesetz zur Einführung der ermäßigten Mehrwertsteuersätze etwas von Luxus.

Selbst die von mir hoch geschätzte "Frankfurter Allgemeine Zeitung" übernahm den Unsinn. Mindestens 1500 Euro bezahle eine Frau im Leben für Monatshygiene. "Als sei das nicht genug der unverschuldeten Ungerechtigkeit, werden Hygieneartikel in Deutschland immer noch als ‚Luxusartikel‘ mit 19 Prozent versteuert." Aber es kommt noch verrückter: Auch in anderen Ländern greife die "tampon tax". "In Griechenland wurde die Steuer sogar von 13 auf 23 Prozent angehoben." Das Land erhöhte nicht die "tampon tax", sondern die Mehrwertsteuer, um die Staatseinnahmen aufzupäppeln. Gerade die FAZ befürwortete den Druck auf die Regierung in Athen, Maßnahmen zu beschließen, der Staatspleite zu entgehen. Und nun beklagt die Zeitung, dass von der Erhöhung der Mehrwertsteuer Tampons betroffen sind.

Aber was mich regelrecht empörte, war der Satz in dem FAZ-Artikel: "Kenia gilt als Pionier - der Staat schaffte die (Tampon) Steuer schon 2011 ab." Das hat das afrikanische Land in der Tat getan. Nämlich weil sich massenweise Mädchen Lumpen, Sand oder sonst etwas Saugfähiges in die Unterhose steckten, damit ihre kostbaren Schuluniformen nicht von Blut versaut werden. Dies in einen Kontext mit dem vollen Mehrwertsteuersatz in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, zu stellen, ist dumm. Frauen, die es sich leisten können, sollten erwägen, ihre "Ersparnis" durch die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Tampons an die "Golden Girls Foundation" in Kenia zu spenden. Dort sind Tampons nämlich wirklich purer Luxus.

Quelle: n-tv.de