Leben

Gut für Leib und Seele Warum zieht es uns in den Wald?

2018_Eden Books_Franziska Jebens_Franziska im Wald mit dem Ruecken zur Kamera_©Nico Klein-Allermann_LOWRES.jpg

Franziska Jebens entdeckte sich selbst im Wald noch einmal neu.

(Foto: Nico Klein-Allermann)

Der Wald ist gerade hip. Während Spaziergänge unter Bäumen noch vor Kurzem spießig waren, sind sie nun nicht nur in, sondern auch noch die neue Medizin. Das verstehen Franziska und Carsten Jebens nur zu gut, seit sie vor zwölf Jahren in den Wald zogen.

Als Franziska und Carsten Jebens vor zwölf Jahren in den Wald ziehen, ahnen sie nicht, dass sie damit zu Trendsettern werden. "Wir hatten die Idee, einen Platz zu finden, an dem wir Ruhe haben und einfach für uns sein können", erzählt Franziska Jebens n-tv.de. "Dann kam dieses Haus und wir wussten ziemlich schnell, dass wir hier immer sein wollen."

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Seitdem lebt das Paar inmitten von Bäumen irgendwo in Mecklenburg. Aus einem verfallenen Forsthaus von 1860 ist längst ihr Zuhause geworden. Das Stadtleben in Hamburg gehört der Vergangenheit an, ebenso wie der Marketing-Job in der Filmbranche und der eigene Laden für selbstgebaute Möbel. Wenn das Paar aufwacht, stehen Rehe vor dem Fenster und die Vögel zwitschern. Über allem liegt das beruhigende Geräusch von Bäumen, die sich im Wind bewegen. Über ihr Leben im Wald hat Franziska Jebens ein Buch geschrieben: "Kaffee mit Käuzchen". Die 38-Jährige ist jetzt Autorin und Coach, Carsten Jebens baut weiter Möbel und vertreibt sie unter anderem übers Internet.

Der Wald ist gerade hip. Nicht erst seit Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume" verstehen immer mehr Menschen, dass diese hochkomplexen Ökosysteme geradezu Wunderkräfte haben. Aus dem simplen Waldspaziergang vergangener Tage ist inzwischen das Waldbaden geworden. "Schau dir die Farben der Bäume an, atme tief ein, hör die Blätter rauschen", schreibt Qing Li, Professor für Umweltimmunologie an der Nippon Medical School. Er hat das japanische Shinrin-yoku, das Wald(luft)baden, international bekannt gemacht. Li ist überzeugt, dass Menschen im Wald nicht nur Glück, sondern auch Gesundheit finden.

Keine Waldbader, aber Waldmenschen

Tatsächlich zeigen ärztliche Studien, dass die Terpene, die Pflanzen zur Kommunikation nutzen, auch auf Menschen wirken. Blutuntersuchungen belegen, dass bei Menschen unter Terpenzufuhr der Blutzuckerspiegel, der Blutdruck und auch der Stresshormonspiegel sinken. Schon nach einer Stunde im Wald steigt demnach die Zahl der Killerzellen, das Immunsystem verbessert sich, Heilungsprozesse verlaufen schneller. In Südkorea oder Japan stellen Ärzte auch deshalb ganz selbstverständlich Rezepte für Waldbaden aus.

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So weit ist es in Deutschland noch nicht, aber in Heringsdorf auf Usedom gibt es bereits seit November 2016 einen Heilwald, in Ribnitz-Damgarten und Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern entstehen derzeit zwei weitere. Auch das nordhessische Bad Sooden-Allendorf will das Konzept auf etwa 50 Hektar umsetzen.

Franziska und Carsten Jebens sind aber keine Waldbader und auch keine Bäumeumarmer. Sie leben einfach dort, das verändert sie. Freunde behaupten, die beiden seien zu Waldmenschen gemorpht. "Früher hätte ich vieles von dem, was ich jetzt sehe, rieche oder spüre wahrgenommen und auch gedacht, wie schön", sagt Franziska Jebens. "Aber jetzt berührt es mich tief. Es bringt mein Herz regelrecht zum Hüpfen."

Was sie als Gefühl ausdrückt, nennen Wissenschaftler die Biophilia-Hypothese, die der Soziobiologe Edward O. Wilson bereits 1984 formulierte. Demnach haben Menschen eine innere Anziehung zu grünen Landschaften, es ist geradezu in unsere DNA eingeschrieben. Wissenschaftler der Universität von San Francisco suchten in 127 Studien aus den Jahren 2007 bis 2017 nach Belegen für diese These und fanden heraus, dass Menschen "in psychologischer und spiritueller Hinsicht" noch immer intuitiv wissen, welche "entspannenden, beruhigenden und 'Ehrfurcht erzeugenden' -Effekte es hat, Wälder, Pflanzen, Blumen, städtische Grünflächen, Parks und natürliche Holzwerkstoffe zu sehen".

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Andreas Michaelsen, Professor für Klinische Naturheilkunde und Chefarzt am Immanuel-Krankenhaus in Berlin, vermutet, dass die Wald-Medizin einfach den Nerv der Zeit trifft. Das moderne Leben mit Monitoren, Eile und Stress passe nicht zu den evolutionären Erfahrungen, die sich an einer natürlichen Umwelt orientieren, schreibt er im Vorwort zu dem Buch "Im Wald sein". Licht, Duft, Farben, Geräusche dazu die Bewegung im Wald – das entspreche dem Menschen und wirke ganzheitlich auf Körper und Psyche.

Mehr Lebensqualität

"Ich war früher auch schon viel im Wald", erzählt Carsten Jebens. "Aber im Vergleich zu jetzt habe ich früher nur die Hälfte vom Wald mitbekommen." Ganz offenkundig macht der Wald achtsamer, je länger man sich dort aufhält. Intuitiv beherzigt das Paar die Regeln, die Waldbaden-Pionier Li aufgestellt hat: den Wald mit allen fünf Sinnen wahrnehmen, dabei bewusst atmen und sich mit der umgebenden Natur verbinden.

Als "Aussteiger" betrachten sie sich trotzdem nicht. "Wir finden es schön, unabhängig zu sein und Ruhe zu haben", sagt Franziska Jebens über ihr Leben im Wald. Dazu gehört auch, selbst Gemüse anzubauen und Holz zu schlagen. Ihnen sei bewusst geworden, "wie hektisch das Leben früher teilweise war", ergänzt ihr Mann. "Was man alles tut und kauft." Aber es gehe ihnen nicht um Gesellschaftskritik, sondern um Lebensqualität.

Inzwischen sind die Jebens' manchmal wieder gern in der Stadt, für einen Restaurantbesuch oder eine Ballettaufführung. Dann bündeln sie ihre Termine, damit genug Zeit für den Wald bleibt. Wenn sie zurück sind, schauen sie den Eichhörnchen in dem riesigen Haselnussbusch neben dem Haus zu oder der Singdrossel. Und sie freuen sich, dass der Wald inzwischen wieder mehr geschätzt wird.

Denn gut geht es dem deutschen Wald nicht. Der aktuellen Waldzustandserhebung zufolge haben 72 Prozent aller Waldbäume Schäden. Buchen und Eichen geht es besonders schlecht. Trockenheit und Stürme machen ihnen zu schaffen, Schädlinge wie der Borkenkäfer profitieren davon. Franziska und Carsten Jebens haben ein Waldstück gekauft, das direkt an ihr Haus grenzt. Inmitten von Fichten wachsen dort inzwischen die ersten kleinen Eichen.

Quelle: n-tv.de