Leben

Aussehen ist nicht alles Wie Gesichter uns täuschen können

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Gerade wenn es um Politik geht, lassen wir uns häufig von Äußerlichkeiten täuschen.

(Foto: imago/Ikon Images)

Wenn wir in ein Gesicht blicken, meinen wir sofort zu wissen, ob jemand kompetent, vertrauenswürdig oder gefährlich ist. Doch zwischen Antlitz und Charakter besteht keinerlei Zusammenhang. Um das zu erkennen, hilft ein Blick in den Spiegel.

Das Polizeifoto von Jeremy Meeks wird 2014 zum viralen Hit. Der Grund: Meeks ist gesegnet mit vollen Lippen, hellblauen Augen und hohen Wangenknochen. Kurzum, der Häftling aus dem US-Bundesstaat Kalifornien ist ein schöner Mann. Modedesigner sehen in dem 34-Jährigen das Model für ihre nächste Werbekampagne, zig Frauen schreiben auf die Facebook-Seite der kalifornischen Polizeidienststelle, die Meeks zuvor festgenommen hat - und appellieren, dieser Mann sei einfach "zu heiß für den Knast".

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Dieses Polizeifoto von Jeremy Meeks ging um die Welt - und machte aus dem Häftling einen gefragten Mann.

(Foto: REUTERS)

Völlig in den Hintergrund rückt dabei der Grund für Meeks Festnahme. Der US-Amerikaner hat ein langes Vorstrafenregister. Unerlaubter Waffenbesitz, schwerer Diebstahl, schwere Körperverletzung. Zuletzt verurteilte ihn ein Gericht zu einer Haftstrafe von 27 Monaten. Doch dafür scheint sich kaum jemand zu interessieren. Bei der Einschätzung von Personen zählen für uns nicht Fakten und Wissen, sondern eher der erste Eindruck.

Bestimmte Gesichtszüge assoziieren wir unwillkürlich mit charakterlichen Eigenheiten: Ein Mensch mit kantigem Kinn und breiten Gesichtszügen etwa gilt gemeinhin als durchsetzungsfähig. Kleine, eng stehende Augen und schmale Lippen werden dagegen eher als betrügerisch wahrgenommen. Es ist zutiefst menschlich, so zu urteilen. "Wir sind soziale Wesen und wollen uns im Miteinander zurechtfinden", erklärt die Sozialpsychologin Friederike Funk n-tv.de. Die Fähigkeit, anhand von Emotionsausdrücken zu kommunizieren, sei überlebensnotwendig im sozialen Miteinander.

Erstes Urteil ohne viel Aufwand

Allerdings birgt diese Fähigkeit auch Gefahren. Denn der Mensch generalisiere Gesichter gerne und sei außerdem ein "kognitiver Geizkragen", so Funk. Das heißt: Ohne viel Aufwand zu einem schnellen Urteil zu gelangen, ist bequem und macht uns faul. Und so blicken wir jemandem ins Gesicht, fällen ein Urteil und treffen sofort eine Entscheidung - zum Beispiel über die Vertrauenswürdigkeit der Person. Dabei können Fehler passieren, die weitreichende Folgen haben. Denn selbst wenn manche Pseudo-Wissenschaften uns vorgaukeln, dass ein Zusammenhang zwischen Gesicht und Persönlichkeit besteht: Diese Annahme ist ein Mythos, warnen Forscher.

In Politik, Wirtschaft und Justiz kommt es auf diese Weise immer wieder zu folgenreichen Fehleinschätzungen. "Forschungen haben nachgewiesen, dass Politiker, deren Gesicht wir als kompetenter wahrnehmen, wahrscheinlicher gewählt und dass Angeklagte, die weniger vertrauenswürdig aussehen, härter bestraft werden", erklärt Funk. Auch zeigen wissenschaftliche Analysen, dass Manager, die vermeintlich kompetent aussehen, eher eine Führungsposition in großen Unternehmen ergattern. Selbst dann, wenn ihre Leistungen keineswegs besser sind als die ihrer Rivalen mit weniger überzeugenden Gesichtszügen. Ähnliches gilt auch für das Militär, in dem dominant aussehende Personen schneller und weiter aufsteigen als äußerlich weniger dominante Typen.

Schreckliche Fotos können helfen

Allerdings besteht Hoffnung. Denn eigentlich wissen wir intuitiv, dass der erste Eindruck, den wir von einem Menschen haben, nicht unbedingt stimmen muss. Um uns das klar zu machen, reicht der Blick ins eigene Gesicht - "zum Beispiel beim ersten Blick morgens in den Spiegel oder auf Fotos, auf denen wir unserer Meinung nach schrecklich aussehen", so Funk. Das seien Momente, in denen wir uns selbst kaum wiedererkennen. Momente, in denen wir uns weder besonders kompetent noch vertrauenswürdig finden - und das, obwohl wir unsere Persönlichkeit so einschätzen würden.

Wir selbst können am besten voreiligen und damit eventuell falschen Urteilen entgegenwirken. Studien beweisen, dass sich besser informierte Menschen weniger vom Aussehen eines Politikers leiten lassen. Je mehr Wissen ein Wähler über die Kandidaten hat, desto weniger neigt er dazu, nur nach Augenschein abzustimmen. "Wir sollten uns selber sagen: 'Okay, das ist wohl mein erster Eindruck, aber gib' dem Ganzen nicht so viel Gewicht'", rät Funk.

Im Februar 2017 feierte Meeks sein Model-Debüt auf dem Laufsteg der New York Fashion Week. Auch in Mailand war er auf dem Laufsteg zu sehen, dort präsentierte er Mode des deutschen Designers Philipp Plein. Der Ex-Häftling verdient gut, feiert auf den angesagtesten Partys und fährt einen 125.000 Dollar teuren Maserati. Zuletzt machte er allerdings Schlagzeilen, weil er seine langjährige Ehefrau mit der Milliardärstochter Chloe Green betrog. Sein Aussehen mag Meeks' Lebensweg zwar geebnet haben, vertrauenswürdig ist er deshalb aber nicht. Ein Bad Boy bleibt er weiterhin.

Quelle: n-tv.de

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