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Aus der Schmoll-EckeAb in den Krieg - aber nur gewaschen und mit Isomatte!

15.03.2026, 06:57 Uhr schmollEine Kolumne von Thomas Schmoll
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Isomatten sind nach dem Schießen leicht zu reinigen. (Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Soldaten aktiv im Krieg? Gerade nicht. Aber falls doch, drücken wir die Daumen, dass sie nicht schießen müssen. Denn das ist gefährlich. Weshalb die Bundeswehr "Sofortmaßnahmen zur Verringerung von Gefahrstoffkontaminationen" erdacht hat. Klingt wie Satire, ist aber wahr.

Neuerdings darf ich mich nicht mehr nur Sehr-Gutmensch nennen, sondern auch Held. Genau gesagt: Kriegsheld. Denn ich habe den Krieg überlebt. Nicht knapp, sondern souverän. Ich habe zwei Wochen auf Zypern verbracht. Nicht ängstlich, sondern souverän. Um mir Nahrung zu besorgen, ging ich in den Supermarkt. Strom fiel nie aus, was schlimm gewesen wäre, da ich - wie jedes Jahr um die Zeit - auf der noch recht preiswerten Insel mit Sonnengarantie gearbeitet habe. Die Bauarbeiten, die es überall gibt, gingen weiter. Der öffentliche Nahverkehr funktionierte einwandfrei. Nirgendwo Panik oder Lebensmittel hamsternde Menschen, die übrigens generell sehr freundlich sind.

"Drohnen, Daueralarm, Kriegsschiffe in Zypern", schrieb ein bestens informierter Kriegsberichterstatter des Münchner "Merkur" aus einem deutschen Büro heraus, um dann angehenden Urlaubern kriegsentscheidende Fakten zu vermitteln: "Wer storniert, zahlt selbst. Wer trotzdem fliegt, dem droht, festzusitzen." Ich hörte kein einziges Mal Sirenen oder so. Trotzdem zeigte es Wirkung. Reisen nach Zypern wurden abgesagt. Thomas Anders, der Ex-Sängerknabe von Unmodern Talking (oder wie die Truppe hieß), sagte einen Auftritt in Limassol "aus Sicherheitsgründen" ab. Die Stadt liegt nah an dem britischen Militärstützpunkt auf Zypern, auf dem eine Drohne marginalen Schaden anrichtete. Herr Anders will nun am 24. September die Insel besingen. Mit etwas Glück sieht Limassol bis dahin nicht aus wie Charkiw oder Mariupol.

Ich dachte: Was machen wir Deutsche eigentlich, käme der Krieg wirklich zu uns? Vor Angst ins Hemd scheißen? Montagsdemos für den Frieden? Schulstreiks für Klimaschutz und gegen Wehrdienst? Was tun dann all die Lifestyle-Influencer? Sich zur Armee melden? Was wird aus der Tournee von Thomas Anders? Bevor wir die Fragen beantworten, helfen wir Zypern, den Krieg zu überstehen. Deutschland steht schon Gewehr bei Fuße. (Hoffentlich funktioniert die Flinte.) Schon haben wir ein Kriegsschiff entsandt, das sehr gut schwimmen kann. (Das andere wird gerade repariert.) Die Fregatte "Nordrhein-Westfalen" sollte im Hafen von Limassol, also mitten in schwer umkämpftem Gebiet, einen Zwischenstopp auf dem Weg zum UN-Libanon-Einsatz einlegen.

Eine Fregatte auf Stippvisite

Derweil sollen und können die anderen mal schön machen. Griechenland, Frankreich, Italien und Spanien schickten Schiffe und Kampfjets in die Region, um Iran abzuschrecken. Wir eine Fregatte auf Stippvisite. Wir UN, die anderen Krieg. "Wenn es notwendig ist, und unsere Freunde aus Zypern werden uns mitteilen, wenn dies der Fall ist, ist Deutschland bereit, sich zu engagieren", sagte Bundesaußenminister Johann Wadephul, der Begründer der feministisch-maskulinen Außenpolitik. "Hallo, Herr Minister Wadephul, hier Nikosia, wir werden bombardiert, Limassol liegt in Schutt und Asche. Können sie eine Fregatte schicken? Vielleicht kann sie dieses Mal eine Woche länger bleiben." Antwort: "Geht klar. Wir stehen fest an der Seite der Ukraine, Quatsch, Zypern, wollte ich sagen."

Hauptsache, unsere Soldatinnen und Soldaten müssen nicht schießen. Denn das ist riskant. Die "Welt" - die böse Zeitung von Springer - berichtete neulich über eine Mitte Februar 2026 verschickte Handlungsvorgabe des Streitkräfteamtes in Kooperation mit der Zentralen Stelle für Arbeitsschutz der Bundeswehr zum Training mit Waffen: vier Seiten - so viel Zeit muss zum Lesen sein - über "Sofortmaßnahmen zur Verringerung von Gefahrstoffkontaminationen beim Schießen". Man ahnt es schon: Bei der Ballerei werden "hohe Konzentrationen" an "Gefahrstoffen" freigesetzt, Kupfer und Kohlenmonoxid bei der Abgabe, Blei und Antimon beim Auftreffen des Geschosses. Man muss es leider sagen: Krieg ist schlecht für die Gesundheit.

"Wie hoch genau die (hohen Konzentrationen) sind, weiß man noch nicht", las ich mit Bedauern. Aber bald - und hoffentlich noch vor dem deutschen Einsatz zur Befreiung Zyperns - wissen wir mehr. Es laufen nämlich "Untersuchungen zur Bestimmung der Gefahrstoffbelastung von Soldatinnen und Soldaten beim Schießen". Die Fachleute - Vorsicht ist die Mutter aller Schlachten - raten vorsorglich bereits jetzt, "die Exposition auf ein Mindestmaß zu begrenzen, um mögliche Folgeschäden zu vermeiden". Dafür haben die Mitarbeitenden - gehen wir ruhig davon aus, dass die Bundeswehr auch sprachlich auf der Höhe der Zeitenwende ist - von Streitkräfteamt und Arbeitsschutz Anweisungen erdacht, die bitte befolgt werden sollten, damit niemand beim Schießtraining zu viel Kohlenmonoxid abbekommt (und vor der Schlacht stirbt).

Klamotten abklopfen und nicht daheim waschen

Die Gebote sind in exzellentem Amtsdeutsch verfasst. Mami und Papi haben an alles gedacht für ihre Kinder in der Kaserne. So ist die "Verpflegungseinnahme", wie ich dem "Welt"-Artikel entnahm, auf den Schießständen "ab sofort untersagt". Wer was futtern und trinken will, soll dies "im Bereich der Aufenthaltsräume" tun. Vorher - übrigens "auch vor dem Rauchen" - sei "die erforderliche Hygiene durchzuführen, dazu gehört insbesondere das Waschen von Gesicht und Händen". Und was ist mit den Klamotten? Die sollten im Rahmen der "dienstlich bereitgestellten Möglichkeiten" gewaschen werden, "zur Vermeidung von Kontaminationen Dritter" keinesfalls daheim. (Ich gehe davon aus, dass das auch für Waschsalons, öffentliche Springbrunnen und Flüsse gilt.)

Vor dem Waschgang wird ein grobes Entfernen der schrecklichen Stoffe empfohlen: durch "Abklopfen" vor der Abfahrt vom Schießplatz, in jedem Fall außerhalb der Truppenunterkünfte. Ganz wichtig: Die Nutzung von Stiefelwaschanlagen - die heißen wirklich so - wird als "zwingend" bezeichnet. Damit erst gar keine "Anhaftungen an Bekleidung und Ausrüstung" entstünden, sollten zum Schießen "Auflagen mitgeführt werden, welche nach Schießende leicht zu reinigen sind (zum Beispiel Iso-Matten/Mehrzweckunterlage)". Aber Achtung: Unbedingt vor dem Verpacken abwischen! Und die Verwendung einer Feldmütze als Lagerstätte für Patronenhülsen ist nun untersagt. Die Dinger gehören nämlich in "geeignete bereitgestellte Mittel" auf der Schießanlage.

Klingt wie Satire, gerade in diesen Zeiten. Allein: Ich kenne den Verfasser des Artikels, Thorsten Jungholt, seit zig Jahren und weiß: Der schreibt keinen Quatsch. Jungholt stellte den Ausführungen eine Aussage von Verteidigungsminister Boris Pistorius voran: "Wir brauchen eine Führungskultur, die Verantwortung zulässt und sie gleichzeitig einfordert." Ob damit gemeint ist, eine Isomatte mit zum Schießstand zu nehmen sowie Empfehlungen, wo man sich nach dem Ballern zu waschen hat? Ich empfand es erst amüsant, dann jedoch als das, was es ist: gut gemeint, aber deplatziert in Zeiten wie diesen - und damit idiotisch.

Quelle: ntv.de

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