Panorama

Jugendgewalt und Zivilcourage Als Tuğçe Albayrak niedergeschlagen wird

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Tuğçe Albayrak ist in Bad Soden-Salmünster begraben.

(Foto: dpa)

Im November 2014 kommt es auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants in Offenbach zu einer Auseinandersetzung. Ein junger Mann schlägt eine junge Frau, sie geht zu Boden und erleidet dabei irreparable Hirnverletzungen. Der Fall von Tuğçe Albayrak bewegte Millionen.

Das Schnellrestaurant an der Stadtgrenze von Frankfurt zu Offenbach ist zurzeit umzingelt von Baustellen. Auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude schlug vor fünf Jahren ein junger Mann die Studentin Tuğçe Albayrak so heftig, dass sie an den Folgen starb. Ihr Tod knapp zwei Wochen später löste bundesweit große Anteilnahme aus. Von den vielen Blumen und Kerzen, die auch vor dem Fast-Food-Restaurant am Kaiserleikreisel abgelegt worden waren, ist nichts mehr zu sehen.

Ein Gewirr an rot-weiß-gestreiften Baustellenabsperrungen bestimmt das Bild. Es war der 23. Geburtstag der Studentin, an dem ihre Eltern im Jahr 2014 die lebenserhaltenden Geräte im Offenbacher Klinikum abstellen ließen. Schon Tage zuvor hatten Mediziner den Hirntod infolge der schweren Kopfverletzung festgestellt, die ihre Tochter auf dem Restaurantparkplatz erlitten hatte. Rund 1500 Menschen versammelten sich vor dem Klinikgebäude, viele hatten Kerzen angezündet, Medien im In- und Ausland berichteten.

Verurteilt für die Tat vom 15. November wurde ein in Offenbach geborener, damals gerade 18-jähriger Serbe. Die Gewalttat im Morgengrauen löste heftige Debatten über Jugendkriminalität und Zivilcourage aus. Denn die Studentin soll in dieser Nacht im Toilettenbereich des Restaurants zwei 13-jährigen Mädchen beigestanden haben, die unter anderem vom späteren Täter belästigt worden seien, wie es hieß. Daraufhin kam es zum Streit, der in dem verhängnisvollen Schlag gipfelte. Tuğçe Albayrak wurde zu einer Symbolfigur für Zivilcourage und sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Ihr Foto prangte auf Titelseiten und T-Shirts, bundesweit wurden Mahnwachen organisiert.

Gegen Gewalt in der Gesellschaft

Später kamen Zweifel auf, und im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht wurde deutlich: Die junge Frau gehörte zu einer Gruppe, die mit der Gruppe des späteren Täters heftig aneinandergeraten war. Mit Beleidigungen und Provokationen wurde nicht gespart, auch die 22-Jährige machte dabei mit. Ob die 13-Jährigen ihre Hilfe tatsächlich brauchten, blieb offen. Aus diesem Grund entschied sich das Bundespräsidialamt schließlich gegen die posthume Vergabe des Verdienstkreuzes.

"Dieser Verlust ist durch kein Urteil dieser Welt wieder auszugleichen", sagte der Vorsitzende Richter am Darmstädter Landgericht, als er im Juni 2015 das Strafmaß gegen den Täter Sanel M. verkündete: drei Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Der Täter habe den Tod der 22-Jährigen nicht beabsichtigt. Doch wer so heftig zuschlage, "der nimmt die Körperverletzung in Kauf", sagte der Richter. Im April 2017, fast zweieinhalb Jahre nach der Attacke, wird Sanel M. per Sammelflug nach Serbien abgeschoben. Dort leben nach Auskunft der Anwälte seine Großeltern. Zuvor waren er und seine Anwälte vor mehreren Gerichten mit Einsprüchen gescheitert. Es wurde ein achtjähriges Wiedereinreiseverbot nach Deutschland verhängt.

An die Deutsch- und Ethik-Studentin erinnert ein Gedenkstein an der Universität Gießen, die sie besuchte. Auf dem Parkplatz an der Offenbacher Fast-Food-Filiale wurde eine Gedenktafel angebracht, ebenso wie an ihrem Geburtskrankenhaus in Bad Soden-Salmünster. Eine größere Gedenkveranstaltung war zum fünften Jahrestag zunächst nicht geplant.

Die Erinnerung halten Familie und Freunde auch mit einem gemeinnützigen Verein wach, der "für eine bessere Welt einstehen" soll, wie es auf der Homepage heißt: "Dieser Verein soll dazu beitragen, dass Gewalt in der Gesellschaft ganz unten steht und Nächstenliebe ganz oben." Neben Schulprojekten zum Thema Gewaltprävention organisierte der Verein im August einen Charity-Lauf, die Erlöse waren für Anti-Gewaltprojekte bestimmt.

Quelle: ntv.de, Isabell Scheuplein, dpa

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