Panorama

Keine Hilfe für sterbenden Mann Angeklagte zu Geldstrafen verdonnert

40a1267e7570b6d9176c6811fca57c71.jpg

Sie hielten ihn für einen schlafenden Obdachlosen und hätten ihn deshalb ignoriert – so haben sich zwei der Angeklagten verteidigt.

(Foto: dpa)

Ein alter Mann liegt hilflos auf dem kalten Boden einer Bankfiliale. Kunden steigen über ihn hinweg, der Rentner stirbt später. Dafür müssen drei Angeklagte nun empfindliche Geldstrafen zahlen - als deutliches Zeichen gegen eine Gesellschaft, die wegsieht.

Sie haben einen zusammengebrochenen 83-Jährigen im Vorraum einer Bank ignoriert: Wegen unterlassener Hilfeleistung sind in Essen zwei Männer und eine Frau zu Geldstrafen verurteilt worden. Der Rentner sei ihnen einfach gleichgültig gewesen, sagte Amtsrichter Karl-Peter Wittenberg bei der Urteilsbegründung. Die drei Bankkunden hätten billigend in Kauf genommen, dass da jemand liege, der Hilfe benötige. "Keiner wollte Hilfe leisten."

In dem Prozess vor dem Amtsgericht Essen-Borbeck hatten die Verteidiger der 39 Jahre alten Frau sowie der 55 und 61 Jahre alten Männer Freisprüche gefordert. Alle drei sagten aus, den mitten im Raum liegenden 83-Jährigen für einen schlafenden Obdachlosen gehalten zu haben. Sie bedauerten ihr Verhalten. "Es tut mir wirklich sehr, sehr leid", sagte der 61-Jährige.

Ein Polizeibeamter, der mit einer Kollegin zu der Bank gerufen worden war, schilderte: "Für uns war klar, dass es sich nicht um einen Obdachlosen handelt." Das Gericht verurteilte die Frau zu einer Geldstrafe in Höhe von 3600 Euro (90 Tagessätze). Der 61-Jährige muss 2800 Euro zahlen, der 55-Jährige 2400 Euro (je 80 Tagessätze). Zwei Anwälte kündigten nach dem Prozess Berufung an.

"Ich gehe einfach nur rein"

Überwachungskameras hatten den Vorfall am 3. Oktober vergangenen Jahres dokumentiert. Auf den Videos ist zu sehen, dass sich insgesamt vier Bankkunden nicht um den zuvor schwer gestürzten Mann kümmerten. Erst ein fünfter rief die Polizei. Der Rentner kam nicht mehr zu Bewusstsein und starb eine Woche später im Krankenhaus. Ein Rechtsmediziner sagte in dem Prozess als Gutachter, dass ein schnelleres Eingreifen eines Notarztes nicht zwingend zum Überleben des Mannes beigetragen hätte.

Die Angeklagte sagte, sie sei schon öfter von Obdachlosen belästigt worden. Ihr Verhalten beschrieb sie so: "Ich gehe einfach nur rein, mache meine Erledigungen und gehe wieder." Der 61-Jährige betonte, er habe früher schon einmal jemanden angesprochen und sei dann beschimpft worden.

Der 83-Jährige war aus medizinisch ungeklärten Gründen innerhalb weniger Minuten drei Mal umgekippt und mit dem Kopf aufgeschlagen. Dabei erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma, das nach Angaben des Rechtsmediziners am Ende zu seinem Tod führte. Als die Polizei eintraf, konnte der Mann noch seinen Namen nennen.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine "empfindliche Geldstrafe" gefordert. "Die solidarische Pflicht, Mitmenschen zu helfen, ist in besonderem Ausmaß verletzt worden", sagte Staatsanwältin Nina Rezai in ihrem Plädoyer. Mit der Strafe müsse ein deutliches Zeichen gesetzt werden, "dass wir uns nicht in Richtung einer wegsehenden Gesellschaft bewegen".

Quelle: ntv.de, dsi/dpa

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.