Panorama

Folge-Prozess gestartet Anklage gibt Högels Chefs Mitschuld an Morden

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Der Prozess findet ausnahmsweise im Große Festsaal der Weser-Ems-Halle in Oldenburg statt.

(Foto: dpa)

Pfleger Niels Högel ermordete innerhalb von fünf Jahren 85 Patienten in zwei verschiedenen Kliniken. Er sitzt lebenslang in Haft. Ein neuer Prozess klärt nun, ob seine Vorgesetzten die Taten hätten verhindern können. Die Anklage vertritt dazu eine klare Position.

Die Klinik-Vorgesetzten des verurteilten Patientenmörders Niels Högel hätten Morde in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst aus Sicht der Staatsanwaltschaft mit an "Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" verhindern können. Allen Angeklagten sei von bestimmten Zeitpunkten an klar gewesen, dass von Högel eine Gefahr für die Patienten ausgehe, sagte Staatsanwältin Gesa Weiß bei der Eröffnung des Verfahrens gegen sieben frühere Vorgesetzte Högels.

Dennoch hätten sie sich mit den unerwünschten Taten abgefunden und diese billigend in Kauf genommen. Sie seien nicht eingeschritten aus Sorge um die Reputation der Kliniken und aus Angst, sich dem Vorwurf des Mobbings und der falschen Verdächtigung auszusetzen. Sie alle müssen sich wegen Totschlags, Beihilfe zum Totschlag oder versuchten Totschlags jeweils durch Unterlassen verantworten.

Bei den sieben Angeklagten handelt es sich um Ärzte, leitende Pflegerinnen und Pfleger und einen Ex-Klinik-Geschäftsführer. Die Schwurgerichtskammer will klären, ob die Angeklagten eine Mitschuld tragen, weil sie Hinweise auf die Verbrechen zwar wahrnahmen, aber nicht adäquat weitergaben. Für den Prozess sind 42 Verhandlungstage angesetzt. Gegen einen weiteren Angeklagten wurde das Verfahren aus gesundheitlichen Gründen abgetrennt.

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Prozess zieht in große Halle um

Högel wurde im Juni 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verbrechensserie begann 2000 im Klinikum Oldenburg und endete 2005 im Klinikum Delmenhorst. In dem Prozess gegen die Ex-Vorgesetzten geht es konkret um acht Fälle, für die Högel bereits verurteilt wurde: Drei Morde im Oldenburger Klinikum sowie drei Morde und zwei Mordversuche in Delmenhorst. Für sechs Morde wurde Högel 2019 verurteilt, für die beiden Mordversuche bereits 2006 und 2015.

Das Urteil gegen Högel ist rechtskräftig - die Vorwürfe gegen seine Ex-Chefs müssen aber unabhängig davon vor Gericht verhandelt werden. Es gilt die Unschuldsvermutung für die Angeklagten. Diese werden von 18 Rechtsanwälten verteidigt. Als Gerichtssaal fungiert wie beim Prozess gegen Högel 2019 der sogenannte Große Festsaal der Weser-Ems-Halle. Damals bot der Saal für 200 Zuschauer Platz, diesmal sind es coronabedingt maximal 65. Der Vorsitzende Richter heißt wie 2019 Sebastian Bührmann. Auch Högel wird als Zeuge geladen. Er soll zunächst am 3. Verhandlungstag, am 1. März, aussagen.

Högel hatte seine Opfer mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Seine Verbrechen beging er zunächst am Klinikum Oldenburg. 2002 wechselte er mit einem Arbeitszeugnis ans Klinikum Delmenhorst, wo er weiter mordete. Von den Angeklagten waren vier an der Oldenburger Klinik und drei in Delmenhorst tätig. Die Schwurgerichtskammer hatte aus prozessökonomischen Gründen entschieden, die beiden zunächst getrennten Verfahren zu verbinden.

Die Angeklagten aus Oldenburg müssen sich wegen Beihilfe zum Totschlag durch Unterlassen verantworten, die aus Delmenhorst wegen Totschlags oder versuchten Totschlags durch Unterlassen. Allerdings deutete die Kammer an, dass möglicherweise auch bei den Angeklagten aus Delmenhorst lediglich eine Strafbarkeit wegen Beihilfe infrage komme.

Quelle: ntv.de, jog/dpa

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