Panorama

Für alle unter 60-Jährigen Astrazeneca-Stopp in Berlin, München, Brandenburg und NRW

Die Hiobsbotschaften um den Astrazeneca-Impfstoff reißen nicht ab. Inzwischen sind dem Paul-Ehrlich-Institut 31 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung bekannt. Erste Länder und Kommunen sperren den Wirkstoff deshalb für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Das Land Berlin setzt die Corona-Impfungen mit dem Wirkstoff des Herstellers Astrazeneca für Frauen und Männer unter 60 Jahren vorsorglich aus. Das hat Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci bekannt gegeben. Sie bezeichnete die Entscheidung als "Vorsichtsmaßnahme" und verwies zur Begründung auf neue Daten über Nebenwirkungen. Entsprechende Termine in Impfzentren werden ihr zufolge erst einmal abgesagt. Das Land wolle nun die Beratungen auf Bundesebene und Stellungnahmen der Fachleute wie des Paul-Ehrlich-Instituts abwarten.

Auch in München werden bis auf Weiteres keine Menschen unter 60 mehr mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca geimpft. "Aufgrund der aktuellen Entwicklung hat die Stadt entschieden, wie Berlin die Impfungen mit Astrazeneca für Personen unter 60 Jahren vorsorglich auszusetzen, bis die Frage möglicher Impfkomplikationen für diese Personengruppe geklärt ist", teilte ein Sprecher der Stadt München mit.

Die Bundesländer Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zogen nach und erließen ebenfalls einen sofortigen Impfstoff, wie Sprecher der jeweiligen Gesundheitsämter bestätigten. In München betreffe der Stopp vor allem die geplanten Impfungen im Impfzentrum und im Isar-Klinikum. Die Impfungen in den Alten- und Service-Zentren könnten fortgesetzt werden.

Wenige Stunden zuvor hatten bereits die Berliner Universitätsklinik Charité und der ebenfalls landeseigene Klinikbetreiber Vivantes alle Impfungen ihrer Mitarbeiterinnen unter 55 Jahren mit dem Präparat von Astrazeneca gestoppt. "Dieser Schritt ist aus Sicht der Charité notwendig, da in der Zwischenzeit weitere Hirnvenenthrombosen bei Frauen in Deutschland bekannt geworden sind", erklärte die Sprecherin der Charité, Manuela Zingl, auf Nachfrage von ntv.de. Nachdem Berliner Impfzentren das Vakzin des Herstellers Astrazeneca bis auf Weiteres bei unter 60-Jährigen gestoppt haben, zieht die Charité wenig später nach und sperrt den Impfstoff für alle unter 60-Jährigen. "Wir werden uns der Ankündigung von Frau Kalayci anschließen", teilte Zingl mit.

Vivantes habe die Impfungen für Frauen unter 55 ab Dienstag vorsorglich ausgesetzt, teilte eine Sprecherin mit. Dies betreffe vor allem die eigene Belegschaft.

Auch NRW-Unikliniken werben für Stopp

In Nordrhein-Westfalen sprachen sich die Leiter von fünf der sechs Unikliniken für einen vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit dem Wirkstoff von Astrazeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und den Landesgesundheitsminister.

Charité-Sprecherin Zingl betonte, dass in der Universitätsklinik keine Komplikationen nach Impfungen mit Astrazeneca aufgetreten seien. Diese wolle jedoch vorsorglich agieren und abschließende Bewertungen abwarten. Die Charité habe in der Pandemie bisher rund 16.000 Erst- und Zweitimpfungen an ihr Personal verabreicht. "Davon entfiel der größte Teil auf Astrazeneca", sagte Zingl.

31 bekannte Fälle einer Sinusvenenthrombose

Deutschland - und zahlreiche andere Staaten - hatten die Impfung mit dem Astrazeneca-Stoff bereits im März vorübergehend ausgesetzt, weil mehrere Fälle mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden. Mittlerweile wird der Impfstoff wieder verabreicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die Ständige Impfkommission in Deutschland hatte sich für einen weiteren Einsatz des Mittels ausgesprochen.

Mehr zum Thema

Der Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen hatte bereits am Montag die Corona-Schutzimpfung von Frauen unter 55 mit dem Wirkstoff von Astrazeneca vorläufig gestoppt. Nachdem eine 47-jährige Frau vergangene Woche gestorben war, sei dem Kreis nun der Verdacht auf "eine schwerwiegende Erkrankung" einer 28-Jährigen nach der Impfung mit Astrazeneca gemeldet worden, hieß es. Beide hatten laut dem Kreis Euskirchen eine Sinusvenenthrombose erlitten.

In Deutschland sind bislang 31 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut meldet. Diese wurden dem Institut bis zum 29. März gemeldet. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich, wie das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Institut in Langen berichtete. Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen laut PEI alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft.

Quelle: ntv.de, chr/spl/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen