Panorama

"Niemand mochte ihn" Attentäter suchte Kontakt zu Schwulen

Warum erschoss Omar Mateen im Club "Pulse" 49 Menschen? Weil er sich dem IS angeschlossen hatte? Oder ist die Erklärung möglicherweise viel profaner? Tötete er, was er an sich selbst hasste?

Mit jedem Tag, der nach dem Massaker von Orlando vergeht, wird das Bild des Attentäters ein wenig vollständiger. Omar Mateen war Muslim, trank aber Alkohol, wollte Polizist werden, brachte es aber nur zum Wachmann. Und offenbar war er schwul. Augenzeugen berichteten, Omar Mateen sei selbst öfter zu Gast in dem schwulen Nachtclub "Pulse" gewesen. Der "Orlando Sentinel" zitierte mehrere Gäste des Clubs, die den späteren Attentäter dort regelmäßig gesehen haben wollen. "Manchmal saß er in der Ecke und trank alleine, und manchmal war er so betrunken, dass er laut und aggressiv wurde", sagte Ty Smith, der häufig im "Pulse" war, dem Blatt.

Er habe Mateen dort mindestens ein Dutzend Male gesehen. "Wir haben nicht viel mit ihm geredet, aber ich kann mich erinnern, dass er etwas über seinen Vater gesagt hat", berichtete Smith. "Er erzählte uns auch, dass er Frau und Kind hat." Das "Pulse" liegt etwa zwei Autostunden vom Haus des Attentäters in Fort Pierce entfernt. Möglicherweise ging es Mateen darum, nicht in einem Schwulenklub gesehen zu werden.

Über einschlägige Apps suchte Mateen zudem Kontakte zu anderen Männern. Der "Los Angeles Times" sagte ein weiterer "Pulse"-Stammgast, er habe etwa ein Jahr lang immer wieder über eine schwule Dating-App Kontakt mit Mateen gehabt, ihn allerdings nie persönlich getroffen. Auch andere Männer berichteten in US-Medien, sie hätten über diverse einschlägige Kontakt-Apps in Verbindung mit Mateen gestanden; dieser habe Bekanntschaften für Begegnungen gesucht. Handy-Apps wie etwa das sehr populäre "Grindr", das laut Zeugen auch von Mateen genutzt wurde, sind bei vielen schwulen Männern beliebt, um unkomplizierte Begegnungen - auch sexueller Natur - zu arrangieren.

Verweifelte Versuche, dazuzugehören

Ein früherer Mitschüler, der 2006 gemeinsam mit Mateen an der Polizeiakademie war, sagte der "Palm Beach Post", er sei sicher, dass Mateen homosexuell war, das aber nicht offen leben konnte. Gemeinsam mit anderen seien sie mehrfach in einschlägigen Nachtklubs gewesen. Mateen habe ihm Avancen gemacht, aber er sei darauf nicht eingegangen. Sein Mitschüler sei sozial ein wenig ungeschickt gewesen, man habe Mitleid mit ihm gehabt. "Er wollte nur dazugehören, aber niemand mochte ihn."

Mateens Vater betonte ausdrücklich, dass sein Sohn nicht homosexuell war. Stattdessen fragte Seddique Mateen: "Wenn er homosexuell war, warum sollte er so etwas tun?" Dem US-Sender NBS sagte der Vater, sein Sohn sei sehr wütend gewesen, nachdem er vor kurzem in der Innenstadt vom Miami zwei sich küssende Männer beobachtet hatte. In einem bei Facebook veröffentlichten Video bedauerte Seddique Mateen den Angriff seines Sohnes zwar, nannte ihn aber dennoch einen "guten Jungen". Es sei jedoch Gottes Aufgabe, nicht die des Menschen, Homosexuelle für ihre Handlungen zu bestrafen. Seddique Mateen war aus Afghanistan in die USA eingewandert, er produziert dort eine Fernsehshow für einen afghanischen Sender. In einer seiner Sendungen bezeichnet er sich in wirrer Form als "afghanischen Präsidenten".

Omar Mateen kam in New York zur Welt, er hat drei Schwestern. Sein Vater Seddique handelte sehr erfolgreich mit Lebensversicherungen. Während seiner Schulzeit arbeitete Mateen in einem Bioladen, sein Traumberuf war Polizist, doch er schloss die Ausbildung nicht ab. Stattdessen schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er 2007 als Wachmann bei der britischen Sicherheitsfirma G4 anfing. Zuletzt bewachte er einen Golfplatz, hatte jedoch einen Ruf als schwieriger Mitarbeiter.

Massive Aggressionsprobleme

Daniel Gilroy, der 2014 und 2015 mit Mateen zusammenarbeitete, sagte dem Sender Fox News, der Mann sei offen rassistisch und homophob gewesen und habe ständig abfällige Bemerkungen über Schwarze, Latinos und Homosexuelle gemacht. Seine Vorgesetzten hätten auf Beschwerden aber nicht reagiert, angeblich, weil Mateen Muslim war. "Es war ganz offensichtlich, dass dieser Mann Probleme mit seiner Wut hatte und sehr wackelig war", sagte Gilroy. Mateen habe gegen Wände getreten, auf Schreibtische geschlagen und ohne Grund Stühle durch den Raum geschleudert. "Er sprach davon, Menschen zu töten." Deshalb sei er auch nicht überrascht gewesen, als er gehört habe, was in Orlando passiert sei, so Gilroy. "Ich wusste immer, dass so etwas in ihm steckt."

Mateens Ex-Frau hatte zuvor bereits der "Washington Post" berichtet, dass er offenbar massive psychische Probleme hatte. Sitora Yusify war 2009 vier Monate lang mit Mateen verheiratet. Sie beschrieb ihn als zunächst sehr freundlich und nett. Im Lauf ihrer kurzen Ehe sei seine Störung und tiefe Traumatisierung jedoch immer offenbarer geworden, er habe sie körperlich misshandelt und regelrecht als Geisel gehalten.

Mateen sei nicht religiös gewesen, habe aber viel Sport gemacht und auch Steroide genommen. Yusify vermutete, dass Mateen eine bipolare Störung hatte. Schließlich habe ihre Familie sie regelrecht gerettet. Das Paar wurde 2011 geschieden. Der britischen "Daily Mail" sagte sie, Mateen habe ihr gesagt, er habe "homosexuelle Tendenzen". Auch sein Vater habe ihn in ihrem Beisein "homosexuell" genannt. Seine Familie glaube, dass Mateen 49 Menschen tötete, weil er in völligem Aufruhr darüber war, wer er eigentlich ist.  

Quelle: n-tv.de

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