Panorama

Besonders Frauen sind betroffen Ausgangssperren fördern häusliche Gewalt

Chinesische Frauenrechtsorganisationen verzeichnen wesentlich mehr Fälle häuslicher Gewalt als in der Zeit vor den Ausgangssperren.

Chinesische Frauenrechtsorganisationen verzeichnen wesentlich mehr Fälle häuslicher Gewalt als in der Zeit vor den Ausgangssperren.

(Foto: picture alliance/dpa)

In vielen Nachbarländern herrschen bereits Ausgangssperren, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch hierzulande schränken immer mehr Regionen ihr öffentliches Leben strikt ein. Das könnte fatale Folgen haben - besonders für Frauen.

Im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus schränken immer mehr Bundesländer das öffentliche Leben massiv ein. In Bayern gelten von diesem Samstag an weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist dann nur noch bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Abhängig davon, wie sich die Bevölkerung am Wochenende verhält, könnten auch bundesweit solche Maßnahmen ergriffen werden. Das erklärte Kanzleramtschef Helge Braun im Gespräch mit dem "Spiegel".

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) lehnt solche Maßnahmen ab. "Einer der Gründe ist eine zu befürchtende Zunahme an häuslicher Gewalt", erläuterte der BDK-Vorsitzende Sebastian Fiedler am Freitag im Gespräch mit dem "Handelsblatt".

In China scheinen sich solche Befürchtungen bestätigt zu haben. Die Pekinger Frauenrechtsorganisation Weiping meldete Medienberichten zufolge, dass die Zahl der Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt dreimal so hoch sei wie noch vor der Quarantäne. Auf dem sozialen Netzwerk Weipo wurde das Hashtag #AntiDomesticViolenceDuringEpidemic oder #疫期反家暴 ("Gegen häusliche Gewalt während der Epidemie") laut BBC bereits über 3000 Mal diskutiert.

"Seitdem das Virus ausgebrochen ist, rufen Frauen doppelt so oft bei der Polizei an wie zuvor. Fast alle Fälle häuslicher Gewalt haben indirekt auch mit dem Virus zu tun", postet dort unter anderem ein pensionierter Polizeibeamter aus dem Landkreis Jingzhou und Gründer einer Frauenrechtsorganisation, wie die "taz" berichtet. Seiner Meinung nach eskalieren viele Konflikte, weil die Leute ständig unter Angst stünden und Verdienstausfälle wirtschaftlichen Druck herbeigeführt haben.

Aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zufolge sind primär Frauen von häuslicher Gewalt betroffen: Bei vorsätzlicher, einfacher Körperverletzung, Mord und Totschlag innerhalb von Paarbeziehungen sind 77 Prozent der Opfer weiblich. Bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen in Partnerschaften sind 98,4 Prozent der Opfer Frauen. Sollten die Ausgangsbeschränkungen sich ähnlich auswirken wie in China, werden sich verstärkt Frauen in gefährlichen Wohnsituationen befinden, denen sie nur schwer entkommen können.

Plätze zu Verbotszonen erklären?

Wie das in China aussieht, berichtete laut BBC die chinesische Aktivisten Xiao Li in den chinesischen sozialen Medien. Es sei nur Verwandten erlaubt, Frauen in Not aus anderen Dörfern abzuholen. Sowohl die Opfer von häuslicher Gewalt als auch die Verwandten, die ihnen zu Hilfe eilen wollen, bräuchten eine Erlaubnis, um das Dorf zu betreten oder zu verlassen. Feng Yuan, die Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation Weiping, sagte in der vergangenen Woche, dass die Polizei die Epidemie nicht als Ausrede nehmen sollte, um häusliche Gewalt nicht ernst zu nehmen.

Deutsche Behörden haben indes mit einer Analyse von Sicherheitsrisiken aufgrund der Corona-Krise begonnen, berichtete der "Spiegel". Demnach sollen dabei Erkenntnisse aus Staaten wie China und Italien herangezogen werden. Man erwarte auch in Deutschland gegebenenfalls einen Anstieg häuslicher Gewalt. Der BDK-Vorsitzende Fiedler plädierte statt einer Ausgangssperre weiterhin für ausreichenden räumlichen Abstand der Menschen untereinander. Etwa sollten laut Fiedler gezielt Menschenansammlungen aufgelöst werden - zum Teil geschehe das bereits. "Zudem können genau die Plätze, die zum gruppenhaften Verweilen einladen, gesperrt oder zu Verbotszonen erklärt werden", erklärte der Gewerkschaftschef.

Quelle: ntv.de, agr/dpa